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Geislinger Weiberschlacht

Mütter im Aufstand gegen die NS-Kindergartenpolitik

Ein kleines, im Talheimer Verlag erschienenes Buch berichtet über die Zivilcourage von ungefähr 200 Frauen aus Geislingen bei Balingen. Sie setzten sich 1941 tapfer zur Wehr, als die nationalsozialistische Volkswohlfahrt NSV den örtlichen Kindergarten übernahm.

02.02.2012
  • Susanne Mutschler

Geislingen. Am 1. Dezember 1941 wurden die katholischen Ordensschwestern aus Untermarchtal, die in Geislingen die Krankenstation und den Kindergarten leiteten, über Nacht und ohne Ankündigung durch vier NS-Helferinnen ersetzt. Diese Nachricht sei „wie ein Lauffeuer“ durch das kleine Städtchen Geislingen gegangen, weiß Bürgermeister Oliver Schmid, der regen Anteil an den Nachforschungen zur „Weiberschlacht“ nahm.

Erst zwei Tage zuvor hatte man eine der Vinzentinerinnen zu Grabe getragen. Die verehrte und beliebte Oberin Gilda hatte im „Kinderschüle“ in der Brückenstraße 22 Jahre lang bis zu 125 Kinder beaufsichtigt. Eine zweite Schwester war erst 1934 eingestellt worden.

Die vier „braunen Tanten“, die von nun an die Kinder hüten sollten, stießen unter den Geislinger Müttern auf wütende Ablehnung. Der Ort war damals fast rein katholisch. Noch 1933 bekam das Zentrum bei den Wahlen mehr als doppelt so viele Stimmen wie die NSDAP.

Zusammen mit der gekündigten Ordensfrau zogen die zornigen Frauen vors Rathaus, doch der Bürgermeister hatte angeblich von nichts gewusst.

Einige der Frauen fuhren daraufhin mit dem Arbeiterbus nach Balingen, aber auch der Landrat und die NSDAP-Kreisleitung verweigerten jede Auskunft. Tags darauf demonstrierten schon in aller Frühe fast 200 Frauen vor dem Geislinger Rathaus. Sie hatten spontan ihre Arbeit in den örtlichen Textil- und Schuhfabriken niedergelegt.

In der Untersuchungshaft misshandelt

Am Spätvormittag fuhren in dunklen Limousinen ein Überfallkommando des Landjägerkorps und eine Gruppe von Gestapoleuten vor. Mit Schlägen und Tritten trieben sie die an der Rathaustreppe Versammelten auseinander. Eine ganze Reihe der Frauen nahmen sie mit nach Balingen zum Verhör. Drei von ihnen wurden eine ganze Woche lang in Oberdorf im Gefängnis festgehalten. Der Bericht des Landrates hielt beiläufig fest, „es sei naturgemäß nicht ganz ohne Gewalt abgegangen“.

Die junge Witwe Frieda Straub, deren Mann erst wenige Wochen zuvor gefallen war, war eine der empörten Geislingerinnen. Sie war selbst schwer getreten worden, trotzdem hatte sie es anschließend gewagt, einen Beschwerdebrief an den Innenminister persönlich zu schreiben. Die brutalen Misshandlungen seien noch acht Tage später sichtbar gewesen, formulierte sie.

Ihr Brief sei aber ohne Antwort geblieben, weiß Alfons Koch, Archivar des Städtchens. Als er vor etwa einem Jahr mit den Recherchen zur Geislinger Weiberschlacht begann, hatte er zunächst wenig mehr als ein langes Laiengedicht in Händen. Darin wird der Frauenaufstand episch und in vielen Versen gereimt beschrieben. „Dieses Gedicht kennen alle im Ort“, weiß er.

Doch um die beiden aufregenden Tage tatsächlich aus Fakten, Quellen und Gesprächen zu rekonstruieren, brauchte es einen aktiven Arbeitskreis von interessierten Geislinger Bürgern, viele Besuche in Archiven und jede Menge Gespräche mit Zeitzeugen und ihren Nachkommen. Bei jedem Seniorenbesuch habe er versucht, die Erinnerungen an den damaligen Frauenaufstand wieder wach zu rufen, erzählt Geislingens Bürgermeister Schmid. Ihn erinnert der Protest der Frauen an seine frühere Heimat Mössingen. „Wir sind nahe dran am Generalstreik“, findet er.

Detaillierte Informationen hatte etwa der über 80-jährige frühere Journalist Wilhelm Hauser gesammelt. Seine Mutter war eine der Rebellinnen gewesen. Im katholischen Pfarramt fand Stadtarchivar Koch außerdem eine Chronik, in der der damalige Pfarrer über die Ereignisse berichtete. Im Gemeindearchiv lagerten die Namenslisten der streikenden Frauen, und im Stuttgarter Staatsarchiv entdeckte er sogar Frieda Streibs Beschwerdebrief wieder. Die Historikerin Annegret Hägele brachte das Erforschte schließlich in eine handliche Buchform. Die Herausgabe der rund 70 Seiten besorgte der Talheimer Verlag.

Vertreterinnen eines aufrechten Humanismus

Um der „Weiberschlacht“ einen festen Platz im Ortsgedächtnis zu sichern, verteilte der Bürgermeister an jeden Haushalt ein Exemplar der Denkschrift. Die Frauen seien „Vertreterinnen eines aufrechten Humanismus“ gewesen, würdigte er ihr mutiges Verhalten bei der Gedenkveranstaltung im vergangenen Dezember. Vor fast 500 gebannt lauschenden Geislingern entschuldigte er sich offiziell für die damalige Stadtverwaltung. „Es war Unrecht“, sagte Schmid.

Von den Geislinger Müttern wurde der Kindergarten St. Michael bis zum Kriegsende beharrlich boykottiert. Zwei der vier NSV-Helferinnen wurden gleich wieder abgezogen, denn es waren am Tag nie mehr als höchstens zehn Kinder zu betreuen.

Info: Annegret Hägele: Die „Geislinger Weiberschlacht“ 1941. Das Buch ist gegen eine Versandgebühr von 5 Euro beim Talheimer Verlag (/www.talheimer.de) erhältlich.

Mütter im Aufstand gegen die NS-Kindergartenpolitik

Mütter im Aufstand gegen die NS-Kindergartenpolitik

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02.02.2012, 12:00 Uhr

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