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Multimedial in die Tübinger Six- und Seventies
Für seinen Film über die 900-Jahr-Feier Tübingens interviewte Stefan Paul im Jahr 1978 auch den damaligen TAGBLATT-Verleger und Chefredakteur Christoph Müller. Bild: Arsenal-Filmverleih
Der Mief in den Gassen

Multimedial in die Tübinger Six- und Seventies

Die Achtundsechziger im Wort und die Endsiebziger im Film, dazu Rockmusik der Zeit – am Sonntag betrieb das Tübinger Café Haag Retro-Schau.

10.04.2017
  • Werner Bauknecht

Gabriele Huber hat in ihrem Buch „Straßenkampf und Kinderladen“ den lokalen Blick auf die aufrührerische Zeit der sogenannten Studentenrevolution geworfen. Also auf Tübingen und das damalige Kuddelmuddel aus Kleinbürgermief, K-Gruppen, Langhaarigen, Demos und der Studenten-Bewegung. Für das im TAGBLATT-Verlag im vergangenen Dezember erschienene Buch sprach die Tübinger Stadthistorikerin mit 15 Local Heroes der Zeit.

Zwei davon waren am Sonntag im Café Haag präsent. Da saß zum einen Detlev Nottrodt mit seinem Bandprojekt Ammerklang Trio auf der kleinen Bühne vor den etwa 60 Besuchern, und sorgte für die musikalische Untermalung: von Beatles bis Chuck Berry reichte das Repertoire. Margret Schwaderer las gemeinsam mit der Autorin Huber aus ihrem eigenen Interview. Wobei: „Ich habe eigentlich eher Gespräche mit den Leuten geführt, und alle haben ihre Texte dann gegengelesen“, sagte Huber.

Sie erinnerte auch an ihr Gespräch mit Ali Schmeissner, einer Ikone des Tübinger Studentenbewegung und später ein Opfer seiner Spielsucht. Huber traf ihn noch kurz vor seinem Tod. Er sei schwer krank gewesen, „aber im Kopf noch reflektiert“, berichtet Huber über ihr Gespräch mit dem zuletzt erblindeten ehemaligen Studentenführer.

Schwaderer weiß noch, wie zerstritten die damaligen linken Gruppen untereinander waren. „Die Kämpfe untereinander konnten gnadenlos sein.“

Christiane von Wahlert, Geschäftsführerin der Freiwilligen Selbstkontrolle Film in Frankfurt, moderierte die Veranstaltung. Sie erinnerte daran, was 1968 noch Gesetz war und gerade passierte: Notstandsgesetze und die Proteste dagegen, Homosexualität und Abtreibungen waren strafbar; auch der Kuppeleiparagraph galt noch. „In Tübingen gab es“, erinnerte sich ihr Ehemann, der Tübinger Filmemacher und Kinobetreiber Stefan Paul, „keine Hotelzimmer für Nichtverheiratete.“

Stefan Paul, der das Kino Arsenal 1974 gründete, lieferte auch den filmischen Soundtrack zum Riesenfest „900 Jahre Tübingen“. Er hatte zwei jeweils etwa zehnminütige Ausschnitte aus seiner 1978 gedrehten Film-Dokumentation zusammengestellt, um zumindest eine Ahnung zu vermitteln, wie die Tübinger zu Zeiten von RAF und Punk feierten. Interviews mit Eckard Holler, damals Leiter des Club Voltaire und Veranstalter der ersten Musikfestivals auf dem Marktplatz, und mit Walter Jens beleuchten den Mief in den Gassen der Stadt. „Die Stadträte“, so Jens, „und das kann man ihnen nicht vorwerfen, verstehen von Avantgarde nicht das Geringste.“

Dazu der Barde Christof Stählin vor dem Schwabenhaus, die Band Fusion in der Bursagasse, aber auch die Stadtgarde mit Posaunen auf dem Marktplatz – das Mannigfaltige der Kultur erhob schon damals seinen Kopf. Holler beäugte noch kritisch, was heute Normalität ist. „Musikgruppen auf dem Stadtfest durch den Bierkonsum zu finanzieren, geht nicht.“ „Warum eigentlich nicht?“, stellte das der damalige Oberbürgermeister Eugen Schmid ganz pragmatisch infrage.

Besonders Paul, schon damals bestens vernetzt in der Tübinger Kultur- und Medienszen, berichtete in den Umbaupausen so manches über die Stimmung im damaligen Tübingen. Da wurde für Free Concerts demonstriert, Kunst musste gratis sein. „Wir haben ein Konzert mit der Band Man in der Mensa organisiert, und eine Mark Eintritt verlangt. Da waren wir schon die Ausbeuter der Massen.“

Es sind eher diese kleinen Anekdoten, die ein Licht auf das Tübingen jener Zeit werfen. Und jetzt weiß man auch: Ali Schmeissner hat ins seiner Schulzeit einen Tanzkurs besucht.

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10.04.2017, 01:00 Uhr

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