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Schwimmen in der Bilderflut

Museum Brandhorst zeigt mit "Painting 2.0" eine ehrgeizige Malerei-Schau

"Hört auf zu malen". Von wegen, Herr Immendorff: Dass die Malerei auch in der massenmedialen Moderne noch mithalten kann, zeigt das Museum Brandhorst in München mit einer anspruchsvollen Ausstellung.

18.11.2015
  • LENA GRUNDHUBER

München Das hat Gewicht: 150 Kilo bringt Kippenbergers "Heavy Burschi" auf die Waage, mit schwerem Gerät hat man den Container mit den zerfetzten Bildern darin ins Museum befördern müssen. Ein "Kraftakt", so wie diese ganze Ausstellung, sagt Achim Hochdörfer vergnügt. Selbst ein so martialisches Wort tanzt dem Chef des Münchner Museums Brandhorst singend über die Lippen: Auch nach zwei Jahren Bayern hört man dem Kunsthistoriker die Jahre am Wiener Museum für moderne Kunst (Mumok) an.

Sein großer kuratorischer Einstieg ist in Zusammenarbeit mit dem Mumok entstanden und wird auch für den Besucher zum intellektuellen Kraftakt, den er in weiten Teilen selbst leisten muss - die Schau ist genauso komplex wie ihr Gegenstand. "Painting 2.0" heißt die Ausstellung, die Hochdörfer mit seinen Co-Kuratoren David Joselit und Manuela Ammer und der Hilfe von 95 Leihgebern gestemmt hat. Üppige 230 Werke sind versammelt, denn diese Ausstellung will ja nichts weniger als die Geschichte der Malerei "im Informationszeitalter" erzählen. Gemeint ist: seit den 60er Jahren, als die Massenkultur begann, eine mediale Bilderflut über die Welt zu spülen, von Fernsehen und Werbung bis zu den Bildwelten der digitalen Technologie. Die Malerei musste sozusagen schwimmen lernen, um nicht unterzugehen. Und dass sie das erfolgreich tat, ist die These einer der größten Malereiausstellungen der vergangenen Jahre, wie Hochdörfer vermeldet.

Ausgerechnet im Computerzeitalter habe die Malerei wieder verstärkt Beachtung gefunden, sagt er. Das habe seinen Grund in ihr selbst: "Die interessanten Positionen haben sich gerade nicht abgeschottet, sondern sich auf die Herausforderungen eingelassen." Das zu zeigen, braucht Platz. Erstmals sind deshalb alle drei Stockwerke des Museums freigeräumt worden. Einzig Cy Twomblys "Lepanto"-Zyklus durfte in seinem halbrunden Raum bleiben, in der Ausstellung selbst ist der Hausheilige der Sammlung aber auch vertreten. Zusammen mit Eva Hesse und Joan Mitchell markiert er jenen Moment, in dem der expressive malerische Gestus sich selbst gegenüber skeptisch wurde. Es ist der zarteste, schönste Raum hier.

Im Erdgeschoss geht's plakativer zu. Fällt man doch erst einmal über besagten Kippenbergerschen Bilder-Container. Der Besucher wird quasi in die Auseinandersetzung mit jenem unendlich vervielfältigbaren Bildmaterial gekippt, zu dem sich die Maler der 60er je anders verhalten. Mimmo Rotella arbeitet mit Plakatabrissen, Robert Rauschenberg nimmt die mediale Alltagserfahrung souverän in abstrakte Kompositionen hinein, Kelley Walker reflektiert Werbung und zugleich die eigene Vermarktung Jahrzehnte später im Leuchtkasten. Wo Jörg Immendorff in den 60ern den paradoxen Protest "Hört auf zu malen" malt, wandert der Aufschrei der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung von der Straße über die Zeitung auf die Leinwand. Dort schreibt Glenn Ligons den Slogan "I Am a Man" für die museale Ewigkeit auf. In den 90er Jahren ist es natürlich die Computer-Ästhetik, die Künstler wie Albert Oehlen oder Michel Majerus verarbeiten. Malen bedeutet verstärkt, Bilder zu kombinieren, was auch den Körper erfasst, der im Obergeschoss fragmentiert, uneindeutig, "prothetisch" gezeigt wird. Da wird die Vagina zum Geld-Schlitz (Lee Lozano), verschmelzen Körper und Maschine zu faszinierenden Hybriden (Maria Lassnig), werden Menschen selbst zum Maler-Material (Leidy Churchman).

Kann man da noch folgen und entdecken, empfiehlt sich vor dem Abstieg ins Untergeschoss dringend eine Kaffeepause. In den "Sozialen Netzwerken", die David Joselit kuratiert hat, ist der Faden verzwirbelt. Die "Blog Paintings" von Michael Krebber etwa nehmen direkt Bezug auf den virtuellen Raum, ansonsten begegnen wir vornehmlich realen Netzwerken wie Warhols "Factory", den Feministinnen der "A.I.R. Gallery" und dem "Kapitalistischen Realismus" von Sigmar Polke, Gerhard Richter und Konrad Lueg. Gerade bei letzteren ist das gut und schön, der Zusammenhang im Ganzen erschließt sich kaum. Wer würde auch behaupten, dass das einfach ist, bei 100 Künstlern, die vor allem eins interessiert - Nicole Eisenman schreibt es offen hin: "How's my Painting?"

Museum Brandhorst zeigt mit "Painting 2.0" eine ehrgeizige Malerei-Schau
Albert Oehlen: "Auch Einer". Foto: L. Schnepf c/o Albert Oehlen

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18.11.2015, 12:00 Uhr

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