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Keltenhelm bis Affenjacke in stillgelegter Kaserne

Museum zeigt Militärgeschichte auf der Engstinger Haid

Auf dem ehemaligen Engstinger Kasernengelände Haid ist längst ein Gewerbepark entstanden. An die früheren Nutzungen erinnert seit 2006 ein Militärhistorisches Museum. Das ist aus dem reichhaltigen Fundus eines örtlichen Sammlers entstanden.

31.08.2014
  • Matthias Reichert

Engstingen. „Ich bin kein Militarist“, sagt Joachim Erbe. Der 66-Jährige sammelt aber Militaria – und hat aus seiner Sammlung das 2006 eröffnete Militärhistorische Museum auf der Haid bestückt. Man sieht nun im ehemaligen Kommandantengebäude der stillgelegten Kaserne einen komplett ausgestatteten Bundeswehr-Spind – mit Feldbetten für sechs bis acht Mann, wie es sie heute gar nicht mehr gibt. Für viele Besucher ein Aha-Erlebnis, sagt Erbe, der selbst 1968 „beim Bund“ war. Tausend Leute sind allein dieses Jahr bis August schon ins Museum gekommen. Sie finden eine Sammlung sämtlicher Bundeswehruniformen. Darunter die allererste Ausgehuniform von 1956 – laut Erbe wurde sie „Affenjacke“ genannt: „Nichts daran durfte an die Wehrmacht erinnern.“

Erbe ist im Ruhestand – früher arbeitete er als Textiltechniker beim Reutlinger Strickmaschinenhersteller Stoll. Wie entstand seine Sammlerleidenschaft? In den 1950er-Jahren, erzählt Erbe. Da besuchte er mit seinem Großvater immer wieder den Reutlinger Verein ehemaliger Kavalleristen. Er erbte vom Opa die Uniform und ein altes Reitergemälde zur Erinnerung an dessen Dienstzeit. Erbes Sammlerehrgeiz war geweckt: „Ich wollte von jedem der einstigen vier württembergischen Kavallerieregimenter eine Uniform haben.“ Das ist ihm gelungen – die Uniformen sind nun im ersten Stock des Militärmuseums ausgestellt.

Doch im Vordergrund steht die Geschichte der Kaserne (siehe Infokasten). Umfangreich ist die Zeit der Munitionsfabrik „Muna“ unter den Nazis dokumentiert. Bis zu 800 Beschäftigte bauten dort Fliegerbomben zusammen. Immer wieder erklärt Erbe den Besuchern: „Das war kein Konzentrationslager.“ Doch arbeiteten dort hunderte Zwangsdeportierte, auch Kriegsgefangene aus Italien, Frankreich und Rußland. Sowie einheimische Frauen im „Reichsarbeitsdienst“, die teils bis heute davon erzählen.

Eine Granate ist auf dem Tisch festgeschraubt, damit sie nicht geklaut wird. Die winzigen Hakenkreuze an den ausgestellten Uniformen hat Erbe vorsichtshalber abgeschabt oder überklebt. Er will diese Nazi-Symbole nicht ausstellen. Eine Tafel erinnert an Eberhard Finckh, der der späteren Bundeswehr-Kaserne den Namen gab: Dieser war als Offizier am Widerstand des 20. Juli 1944 der Gruppe um Stauffenberg beteiligt.

Man sieht auch alte Wehrmachtsuniformen. „Geschichtlich, nicht ideologisch – ich will nichts glorifizieren“, sagt Erbe. Sondern „der Bevölkerung zeigen, wie die früher ausgesehen haben“. Bilder erinnern auch an die Zeiten der Friedensbewegung, als Tausende gegen die dort gelagerten US-amerikanischen Atomsprengköpfe demonstrierten (siehe dazu „Mit Engelszungen“).

Vor drei Jahren stand das Museum auf der Kippe. Der Gewerbepark-Zweckverband hatte ihm gekündigt. Dessen Vorsitzender war der damalige Engstinger Bürgermeister Klaus-Peter Kleiner, der 2013 verstorben ist. Der hatte Interessenten, die sich dort einmieten wollten: Der Verband könne dem Museum die Räume nicht länger mietfrei zur Verfügung stellen. Doch dann lenkte der Zweckverband ein. Das Museum durfte bleiben. Als Auflage musste Erbe einen Museumsverein gründen, was er dann im Herbst 2011 auch tat. Unterstützung bekam er vom damaligen Reutlinger CDU-Bundestagsabgeordneten Ernst-Reinhard Beck und dem CDU-Landtagsmann Karl-Wilhelm Röhm, beide selbst Reservistenoffiziere. Erbe führt nun auch den Verein. 110 Mitglieder hat er schon, bis aus der Schweiz reisen sie an.

Mit dem neuen Engstinger Bürgermeister Mario Storz kommt Erbe besser zurecht. Kein Wunder: Storz ist ein Ururenkel von Johannes Dorn. Dieser „Schliemann von der Alb“ hatte um das Jahr 1900 keltische Hügelgräber im Haidland entdeckt. Der Schatzmeister des Militär-Vereins, Fritz Zeiler, ist ebenfalls ein Urenkel von Dorn.

Nachbildungen von keltischen Rüstungen und Uniformen der alten Römer, sind nun ebenfalls im ersten Stock des Museums zu sehen. Mitsamt einigen Schwerter-Replikaten. Und einer lebensgroßen Statue der Comicfigur Prinz Eisenherz: ein weiterer Anstoß zu Erbes Sammel-Leidenschaft in seinen Jugendtagen.

Info Das Militärhistorische Museum auf der Haid ist von Mai bis Oktober immer sonntags von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Interessenten für Führungen melden sich bei Joachim Erbe, Telefon (0 71 29/37 36 an

Museum  zeigt Militärgeschichte auf der Engstinger Haid
Das Militärhistorische Museum thematisiert auch den Alltag während der NS-Zeit in der damaligen „Munitionsanstalt“ auf der Haid – solche Granaten befüllten die (Zwangs-)Arbeiter hier. Rechts steht Sammler Joachim Erbe, der das Museum ausgestattet hat und auch dem Museumsverein vorsteht. Bilder: Faden

Museum  zeigt Militärgeschichte auf der Engstinger Haid
In Reih und Glied: Sämtliche Uniformen der Bundeswehrgeschichte.

1937 hatten die Nazis das Gelände im Gemeindewald zwangsenteignet und die Munitionsfabrik „Muna“ eingerichtet. Bis zu 800 Beschäftigte, darunter hunderte Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, füllten dort Bomben für die Luftwaffe. 1950 bis 1953 richteten die französischen Besatzer eine Lungenheilanstalt ein. 1953 bis 1959 war auf der Haid dann das Kreis-Flüchtlingslager untergebracht. Dann übernahm die Bundeswehr das Gelände. Deren „Haid-Kaserne“ wurde 1965 in „Eberhard-Finckh-Kaserne“ umbenannt. 1993 gab die Bundeswehr die Kaserne auf. 1995 erwarb ein kommunaler Zweckverband aus der Stadt Trochtelfingen sowie den Gemeinden Engstingen und Hohenstein das Gelände und richtete einen Gewerbepark ein.

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31.08.2014, 12:00 Uhr

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