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Zaubergarten der Geräusche

Musik-Reihe zum 80. Geburtstag von Helmut Lachenmann startet

Seine Musik ist ein Abenteuer - riskant, radikal, magisch. Konzerte feiern europaweit den 80. Geburtstag des Komponisten Helmut Lachenmann. Nun begann auch in Stuttgart eine Extra-Reihe "Perspektiven".

09.11.2015
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart Irgendwann im Verlauf des Eröffnungs-Marathons trat er dann doch noch ans Mikrofon. Und lächelte: Nein, keine Angst, er halte "keine Einführung - das wäre ja schrecklich". Dann erzählt Helmut Lachenmann von prägenden Einflüssen. Von Luigi Nono. Und von Karlheinz Stockhausens eben gehörter Komposition "Gruppen" (1955/57). Von räumlich wandernden Klängen, die einem da "durch die Ohren gezogen werden". Von ihrer "Leuchtkraft", von versteckten "blue notes": "Ich kann's nicht satt kriegen, das zu hören!"

Dabei stand eigentlich er, Helmut Lachenmann, im Mittelpunkt. Im Jahr seines 80. Geburtstags hat bereits eine europaweite Reihe mit 24 Konzerten in neun Ländern begonnen - von Norwegen bis Portugal erklingen alle Orchesterwerke Lachenmanns, aber auch Werke anderer Komponisten, die ihn inspiriert haben. Jetzt, rund um den Geburtstag am 27. November, begann auch in Stuttgart eine Extra-Reihe "Lachenmann Perspektiven" - Auftakt war am Samstag in der Stuttgarter Messe. Lachenmann in der Messehalle? Ein ungewöhnlicher Ort für Neue Musik. Doch nur die dortige Großhalle C1.1 bot Platz für drei Orchester.

Noch bis in die 80er galt Lachenmanns radikaler Ansatz, Töne und Geräusche in einer "musique concrète instrumentale" gleichberechtigt nebeneinanderzustellen, als heftig umstritten. Nicht nur Ewiggestrige beschimpften den Pfarrerssohn aus Stuttgart als ideologisch verblendeten "Klangverweigerer", "Quälgeist" und "Nervensäge". Seine Werke wurden als "lustfeindlich" oder als "grober Unfug" abgekanzelt. Motto: viel Theorie, doch sonst "nur Pling und Plong".

Heute überwiegt späte Anerkennung. Lachenmann selbst ist in vielem auch altersmilde geworden, gestattet sich mehr Rückblicke auf die Tradition. Selbst frühere Feinde hören seine Musik nun etwas anders, entdecken die herbe Schönheit, die Heiterkeit, die hellwache Offenheit.

Zum Beispiel "Fassade" für großes Orchester (1973), ein unglaubliches Werk, das gleich zwei Mal aufgeführt wurde - und dabei kein bisschen langweilig, sondern von Mal zu Mal spannender wirkte. Im Grunde demontiert Lachenmann hier einen Marschrhythmus, in dem er ihn mit unzähligen abenteuerlichen Ereignissen stört und überflutet. Vom Piccolo-Fiepen über wimmernde Hawaii-Gitarren bis runter zur bratzenden Basstuba eröffnet das Projektorchester unter Matthias Hermann einen wahren Zaubergarten der Geräusche - es grummelt, raunt und grollt, es gurgelt, kratzt und brodelt. Am Ende öffnet sich eine völlig neue Lachenmann-Perspektive: minutenlanges, leises Kinderlachen und fernes, anschwellendes Rauschen - ein Moment, in dem die Zeit stillsteht. Und wer dabei an den "Tag am Meer" der Fantastischen Vier gedacht hat, muss sich nicht schämen: Lachenmann hätte sich vermutlich gefreut.

Rund vier Stunden dauerte der Doppelschlag der beiden Eröffnungskonzerte. Ein Abend der Kontraste. Dramaturgisch eher unbeweglich, eisig wirkte "Serynade" für Klavier (1997/8), ein Werk, das Lachenmanns Ehefrau Yukiko Sugawara als wuchtiges Nachhall-Ritual zelebrierte. Das 30 Jahre früher entstandene Opus "Consolation I" (stark: das ChorWerk Ruhr unter Michael Alber) kam dagegen wie ein Geister-Labyrinth aus Silben und irrlichterndem Schlagwerk daher.

Die Reihe "Perspektiven" will Werke von Lachenmann klingen lassen, aber auch solche von Einflussgebern. Stockhausens "Klavierstück IX" (1954/61) entfaltete bei der jungen Pianistin Neus Estarellas fast träumerische Qualitäten. Vollends Stockhausens "Gruppen": Das Mammutwerk für drei Orchester (gebildet von Radio-Sinfonie- und Staatsorchester) unter Rupert Huber, Clement Power und Baldur Brönnimann bot ein Raum-Klang-Erlebnis sondergleichen. Wandernde Klangfelder, scharfe Fanfaren, flirrende Flatterzungen, näherrückende Gongschläge formten sich zu einem beeindruckend intensiven, vielfältigen Gegen- und Miteinander. Und wer wollte, konnte auch die von Lachenmann geliebten "blue notes" heraushören.

Musik-Reihe zum 80. Geburtstag von Helmut Lachenmann startet
RSO und Staatsorchester teilen sich in der Messehalle für Stockhausens Mammutwerk "Gruppen" in "drei Orchester" mit drei Dirigenten auf. Foto: Steffen Schmid

Musik-Reihe zum 80. Geburtstag von Helmut Lachenmann startet
Das Festival ehrt den Komponisten Helmut Lachenmann, der am 27. November seinen 80. feiert. Foto: Giovanni Dainotti

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09.11.2015, 12:00 Uhr

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