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Flucht

Musik für die Seele

Die Syrerinnen Enji, Sidra, Rama und Seham sind nach Obermarchtal geflohen. Dort können die Geschwister ihrer Leidenschaft nachgehen: dem Musizieren.

09.11.2016
  • LEONIE MASCHKE

Obermarchtal/Aleppo. Ihre Finger huschen über die Saiten ihrer Instrumente, die Stimme schwingt von einem Ton zum anderen. Enji, Sidra, Rama und Seham Wakkas schauen sich immer wieder fast verstohlen an, ohne ihr Spiel zu unterbrechen; lächeln sich zu, bis sie beinahe lachen müssen. Fast keines ihrer Lieder ist den Zuhörern an diesem Tag bekannt, denn es sind kurdische Stücke, mal melancholisch-klagend, mal tänzelnd-heiter. Im oberschwäbischen Obermarchtal geben sie an diesem Tag ein kleines Konzert auf einer Finissage, ein Konzert in ihrer neuen Heimat. Im Sommer dieses Jahres kamen die vier Mädchen mit ihrer Mutter in Obermarchtal an, nach einer langen, beschwerlichen Flucht aus Syrien.

„Sie erzählen nicht viel von dieser Zeit“, sagt Friedrich Hog und klatscht anerkennend zusammen mit den anderen Zuhörern, bevor die Mädchen ein neues Lied anstimmen. Der Jurist und Radio-Moderator engagiert sich im Helferkreis der Gemeinde Obermarchtal und unterstützt und begleitet die Familie seit ihrer Ankunft. „Sie kamen eigentlich nur mit ihren Instrumenten in Deutschland an. Alles andere blieb zurück in Syrien.“

Enji will Geigerin werden

Schon in Syrien lernten die Mädchen, Musik zu lieben. Die 16-jährige Enji möchte Geigerin werden, Sidra, 14, spielt Gitarre, die 13 Jahre alte Rama eine Tambur und Seham, die mit acht Jahren die jüngste Schwester ist, singt mit heller Stimme die meist wehklagenden Lieder

Der Vater der Familie, Mohammad Wakkas, hatte sich im vergangenen Jahr auf den Weg nach Europa gemacht. In Deutschland wurde er als Kontingentflüchtling anerkannt. So konnte er seine Familie über die Familienzusammenführung in seine neue Heimat nachholen. Doch es zeigte sich, dass das alles andere als leicht sein würde: „Zwei Tage nachdem die Grenzen zu Mazedonien, und damit zu Europa, geschlossen wurden, kamen die Mädchen mit ihrer Mutter in Griechenland an“, erzählt Hog.

Die Familie hatte wie viele ihrer Landsleute den lebensgefährlichen Weg von der Türkei über das Mittelmeer nach Griechenland gewählt und kam schließlich im Flüchtlingslager Idomeni an. Dort saßen sie erst einmal fest. Diese Zeit sei vor allem für die Mädchen sehr belastend gewesen, sagt Hog. Durch einen Zufall wird ein RTL-Team auf die Familie aufmerksam, schenkt Enji eine Geige und hilft ihnen, einen Termin bei der deutschen Botschaft in Athen zu bekommen. Der Helferkreis in Obermarchtal bucht Flüge für die Mädchen und ihre Mutter und im Juni dieses Jahres kann sich die Familie wieder in die Arme schließen. Inzwischen konnten sie gemeinsam eine eigene Wohnung beziehen.

Wenn Enji, Sidra, Rama und Seham spielen, verändert sich ihr ganzes Verhalten: Sie lächeln, ihre Augen glänzen, sie wirken unbeschwert. Man kann ihre Verwandlung von zurückhaltenden Mädchen, die sich erst in der neuen Heimat und der unbekannten Sprache zurecht finden müssen, in selbstbewusste junge Musikerinnen geradezu sehen. „Die Musik ist ein sehr wichtiger Teil unseres Lebens“, sagt Enji und lächelt scheu. „Sie ist gut für unsere Seelen.“

In der Musikschule Munderkingen wird das Talent der Mädchen weiter gefördert: Enji erhält Geigenunterricht und Sidra spielt weiter Gitarre. Seham lernt inzwischen das Keyboard zu spielen und bei Rama kam die Querflöte als weiteres Instrument hinzu. „Bildung ist alles und das Augenmerk der Familie ist jetzt darauf ausgerichtet“, sagt Hog. „Das Engagement ist groß und der Wissensdurst auch“.

Enji und ihre jüngeren Geschwister möchten eines Tages eine eigene Musikgruppe gründen und Konzerte geben. Doch zunächst einmal möchten die Mädchen in Deutschland richtig ankommen. „Zuerst sollten wir zur Schule gehen und viel lernen“, sagt Enji.

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09.11.2016, 06:00 Uhr

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