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„Muslime trauern anders“
Wenn der Piepser geht, rückt Vesile Soylu aus und kümmert sich um Angehörige von Unglücken. Foto: Jan Millenet
Seelsorge

„Muslime trauern anders“

Beistand im Notfall: Vesile Soylu rückt aus, wenn Menschen Trost brauchen. Religion ist oft nicht so wichtig – kulturelle Unterschiede schon.

01.12.2016
  • JAN MILLENET

Alle fünf bis sechs Wochen hat bei Vesile Soylu ein kleiner Piepser vier Tage lang ihre vollste Aufmerksamkeit. Die 38-Jährige hofft, dass er nie Alarm schlägt. Tut er es doch, heißt das nichts Gutes. Dann ist ein Mensch plötzlich aus dem Leben gerissen worden – und Hinterbliebene brauchen Beistand. Vesile Soylu ist ehrenamtliche Nofallseelsorgerin in Mannheim – als eine von wenigen muslimischen Glaubens im Südwesten. „Es kann ein Autounfall sein, ein plötzlicher Hirnschlag, eine erfolglose Reanimation, Selbstmord, eine Gewalttat.“ Es sind vor allem unerwartete Schicksalsschläge, die das Wissen und Einfühlungsvermögen der gebürtigen Türkin verlangen.

Offiziell ist Vesile Soylu ehrenamtliche Fachberaterin der Feuerwehr, von ihr wird sie auch alarmiert. „Was tatsächlich passiert ist, erfahren wir erst vor Ort“, erzählt die junge Frau, die seit ihrem zehnten Lebensmonat in Deutschland lebt.

Vesile Soylu kümmert sich bei einem Einsatz um die engsten Hinterbliebenen: Um Kinder verunglückter Väter etwa, um die Witwen und Witwer, um diejenigen, die ein Kind verloren haben. „Beistehen, Trost spenden, gemeinsam beten“, erklärt sie. „Genau wie meine Kollegen bin ich für alle da“, sagt die vierfache Mutter. Doch ihr Wissen über den Islam und den orientalischen Kulturkreis verschafft ihr einen Vorteil, wenn muslimische Familien betreut werden. „Muslime trauern anders“, erzählt sie. Bei einem Todesfall sei es selbstverständlich, dass Verwandte, Nachbarn und Freunde sofort zur Stelle sind. „Es wird laut getrauert. Die Wohnung ist voll.“ So kann es passieren, dass Hinterbliebene keine Zeit mehr für ihre Trauer haben – weil sie sich um die anderen Gäste kümmern müssen.

Auch Vesile Soylu befand sich einst in ähnlicher Situation – für sie der ausschlaggebende Punkt, Seelsorgerin zu werden. „Es war der Tod meines Schwiegervaters, dem ich sehr nahe stand“, erinnert sie sich. „Überall waren Menschen im Haus und wir gingen dabei unter.“ Heute, wenn sie im Einsatz ist, versucht die Notfallseelsorgerin zuerst, die Trauernden aus der Situation herauszuholen. Sie verschafft ihnen Zeit und Luft, sie betet mit ihnen, liest auf Wunsch aus dem Koran vor. „Das beruhigt viele total.“ Doch anfangs bleibe sie immer neutral, denn sie wisse ja nicht, ob die Familien überhaupt religiös sind.

Der Glaube sei nicht ausschlaggebend für ihre Hilfe: Sie kümmert sich genauso um Menschen, die nicht glauben oder mit anderer Religion. „Ich rechne immer wieder mit Ablehnung. Ich könnte das nachvollziehen, aber das ist noch nie passiert“, erklärt die Kopftuchträgerin. Ihre Erfahrungen beweisen sogar das Gegenteil: Eine trauernde Frau aus einer strenggläubigen katholischen Familie habe zu ihr gesagt: „Schön, dass Du da bist.“

Notfallseelsorge ist ein harter Job. Vieles bleibt gedanklich hängen. Soylu erinnert sich noch genau an den Tod eines behinderten 13-jährigen türkischen Jungen. „Der Vater stand erstarrt da. Die Mutter warf sich selbst vor, für den Tod verantwortlich zu sein und war nicht zu beruhigen.“ Doch auch ihnen konnte Vesile Soylu helfen. Auch die Seelsorger werden betreut. Regelmäßig führen sie gruppenweise psychologische Gespräche. Bei Bedarf auch einzeln. „Ohne das ginge es nicht“, sagt Vesile Soylu. Doch sie ist überzeugt: „Ich habe den richtigen Weg gewählt.“

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01.12.2016, 06:00 Uhr

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