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Glatt · Opernfestspiele

Mutige Inszenierung für Bizets Carmen

Modern inszeniert und puristisch ausgestattet: Regisseur Lars Franke setzte Georges Bizets Oper „Carmen“ in einen herausfordernden Kontrast zum pittoresken Glatter Wasserschloss.

22.07.2019

Von Dunja Bernhard

Volle Ränge bei den Aufführungen von George Bizets „Carmen“ im Wasserschloss.Bilder: Karl-Heinz Kuball

Mit der romantischen Oper „Carmen“ verbinden nicht nur Musikliebhaber Leidenschaft und südländische Dramatik. Auch wenn Georges Bizet mit der Zigeunerin Carmen ein Spanien beschreibt, das es so nie gegeben hat. Die realistische Milieuschilderung und das tragische Ende riefen bei der Uraufführung 1875 Ablehnung hervor. Bizets Oper war eine kleine Revolution hin zu einem neuen Stil.

Revolutionär ist Lars Frankes Inszenierung nicht, aber ein mutiger Schritt. Das Ambiente des Wasserschlosses im Renaissancestil ist ideal für eine pompöse Gestaltung des Musiktheaters. Das sicher nicht großstädtisch geprägte Publikum spricht für einen behutsamen Umgang mit ihm auf dem Weg zu hochmoderner, auf alles Beiwerk verzichtenden Operninszenierung.

Micaëla (Marie-Audrey Schatz) ist im Original ein Bauernmädchen und steht für das traditionelle Frausein der damaligen Zeit. In Glatt mutiert Carmens Gegenspielerin und die letztendliche Siegerin zur Geschäftsfrau mit Kurzhaarfrisur. Anfänglich im Gesang etwas spröde, steigert sich die Sopranistin Schatz im Kampf um Don Josés Liebe hin zum persönlichem Triumph zu ausdrucksstarker Hochform.

Don José ist mit Stevan Karanac stimmlich sehr gut besetzt. Doch würde sich eine allseits begehrte Frau im richtigen Leben in den korpulenten, blassen Mann verlieben? Würde sie dem mit Markus Brück exzellent besetzen Stierkämpfer Escamillo seinetwegen die kalte Schulter zeigen? Sicher nicht. Ein Don José sollte in seiner Attraktivität und seinem Sexappeal der Carmendarstellerin ebenbürtig sein.

Mit der Ägypterin Farrah El Dibany, die neben einem Masterstudium in Operngesang auch ein Architekturstudium abschloss, hatte Sven Gnass, künstlerischer Leiter und Dirigent, einen Glücksgriff getätigt. Die attraktive Mezzosopranistin überzeugt in Schauspiel und Gesang. Selbstbewusst als Verführerin, leidenschaftlich in der Liebe, verzweifelt nach der Ablehnung, noch im Tod schön.

Julia Domke und Melina Meschkat haben es als Carmens Freundinnen nicht leicht neben ihr. In aufwendigen Kostümen (verantwortlich: Frauke Bisinger) und mit bisweilen witzigen Gesten erspielen sie sich ihren Raum. Maskuliner und machohafter als José-Darsteller Karanac treten die Militärs und Schmuggler Marcelo de Souza Felix, Daniel Fix und Elliott Hines. Regisseur Lars Franke mischte sich als brummelnder Wirt unter die Darsteller.

Der Chor spring zeitweise für die nicht vorhandenen Kulissen ein. Lediglich billige Stühle und Tische schmücken die Bühne in den ersten beiden Akten. Die Sänger/innen der Hochschule Trossingen sind Soldaten, Schmuggler, Zigeuner oder Zuschauer beim Stierkampf. Sie ersetzen die Bühne teilende Elemente und verdeutlichten im Kampf zwischen José und Escamillo, welch unbändige Energie Josés Eifersucht entspringt.

Sehr einfallsreich nutzt Franke die nach allen Seiten offene Bühne. Die Akteure treten aus verschiedenen Richtungen auf. Abgänge sind nach allen Seiten möglich. Einige Male ist zunächst nur der Gesang zu hören, dann tritt der Sänger zwischen den Zuschauerrängen hervor. Ein Nachteil ist die Offenheit für das Publikum auf der VIP-Tribüne. Häufig konzentriert sich das Spiel zu sehr auf die große Tribüne. Den Sponsoren und Ehrengästen bleibt dann nur die Rückenansicht.

Die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz konzertiert unter dem Dirigat von Sven Gnass tadellos, fein auf die Sänger abgestimmt und dynamisch brillant.

Als Escamillo im Stierkampf triumphiert – Carmens Bedingung, sich ihm hinzugeben –, ersticht Jose in verletzter Eitelkeit Carmen. Blutrotes Licht liegt über der Szene, dann ersetzt die Schwärze der Nacht den Vorhang. Nach einem Moment der Stille brandete am Freitag und Samstag langer, tosender Applaus auf.

Exzellente Besetzung der Carmen: Die Ägypterin Farrah El Dibany

Früh Kontakt mit der Oper: der Kinderchor der Horber Gutermannschule.

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Erstellt:
22. Juli 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juli 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2019, 01:00 Uhr

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