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Die Kinder-Studenten lernten, warum es unterschiedliche (Aus-)Sprachen gibt

Mutter und Pferd ähneln sich

Auch wenn jemand richtig gut deutsch spricht und sogar die Grammatik aus dem Effeff kann, hört man doch oft an der Aussprache, ob er Deutsch als Muttersprache gelernt hat oder nicht. Warum das so ist, darüber sprach der Romanist Johannes Kabatek bei der Kinder-Uni am Dienstag.

24.05.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. „Warum hört man am Sprechen, woher jemand kommt?“ war die Frage, die Johannes Kabatek, Professor für romanische Sprachen (wie Französisch oder Spanisch), beantworten wollte. Der Professor selber spricht eine Menge Sprachen. Wie viele wollte er aber nicht verraten. Die Zahl sei irreführend, meinte er vor der Vorlesung. Die Unterschiede zwischen Galizisch, Spanisch und Portugiesisch seien eben längst nicht so groß wie zwischen Chinesisch und Russisch, und so wollte er keine Gesamtzahl nennen, da sie zu angeberisch klinge.

In seiner Vorlesung ging es auch gar nicht so sehr um die Fremdsprachen, sondern mehr um die Aussprache. Deshalb begrüßten verschiedene Mitarbeiter seines Instituts die Kinder nicht in ihren unterschiedlichen Muttersprachen, sondern auf Deutsch, was sich je nach Herkunft der Sprecher anders anhörte. Ein Kind erkannte sofort: „Die hatten alle einen anderen Dialekt.“ Und Käpt‘n Blaubär, der berühmte Seebär aus der „Sendung mit der Maus“, woher kommt der? Am Ende, sagte der Professor voraus, würden die Kinder diese Frage beantworten können.

Der Computer kann nicht gut sprechen

Kabatek haute ein Buch auf den Tisch. Ein Knall war zu hören, aber nicht, ob es ein Gesetzeswerk oder ein Liebesroman war. Was braucht man alles zum Hören? Das Vorlesungspublikum half Kabatek gerne auf die Sprünge. Zum Beispiel: Schallwellen. Und zum Produzieren der Wellen braucht man eine Stimme, die im Hals sitzt. Beim Sprechen bewegen sich die Stimmlippen im Kehlkopf, erklärte Kabatek.

Sie allein machen aber Singen und Sprechen noch nicht aus. Man benötigt auch einen Resonanzkörper, einen Hohlraum wie bei der Gitarre, der alles zum Klingen bringt. Der Professor führte das auf verschiedenen Instrumenten, von der Flöte bis zur Maultrommel, vor.

Singen und Sprechen haben viel miteinander zu tun. Jeder merkt sofort, wie unecht eine Computerstimme klingt. Die Satzmelodie und das Singen ist auch beim Sprechen ganz wichtig. In manchen Sprachen, wie dem Chinesischen, sogar noch wichtiger – und das ist unter den rund 7000 Sprachen, die es auf der Welt gibt, immerhin die am meisten gesprochene. Sie gehört zu den „Tonsprachen“, bei denen es auf eine tongenaue Aussprache ankommt. Ein chinesisches „Ma“ kann je nach Aussprache „Mutter“, „Hanf“, „Pferd“ oder „schimpfen“ bedeuten. Die meisten Sprachen sind jedoch „Intonationssprachen“, bei ihnen sind die Bedeutungsunterschiede nicht von der Stimmbewegung abhängig. Allerdings kann man das Wort „Vorlesung“ ganz unterschiedlich betonen und wer von „Vorlesung“ spricht und die Stimme am Ende des Wortes anhebt, hat vermutlich eine Frage gestellt.

In Deutschland gibt es viele Dialekte. Und die verraten, woher jemand kommt. Kabatek spielte seinen Studenten einige Beispiele vor und sie erkannten – mal schneller, mal langsamer – einen Münchner, einen Mannheimer, einen Freiburger, einen Dresdner, einen Berliner und einen Hamburger. Womit dann endlich auch Käpt‘n Blaubär als Hamburger entlarvt war.

Die Sprache verrät den Menschen

Und warum ist das so, dass die Menschen in unterschiedlichen Gegenden unterschiedlich sprechen? „Die Menschen leben in Gemeinschaften, denen sie sich zugehörig fühlen“, erklärte der Professor. Bei Tieren mache Gestalt oder Geruch der Artgenossen die Zugehörigkeit aus. „Bei Menschen“, so Kabatek, „ist es die Sprache.“ Die Dialekte verstärken das Gefühl von Zusammengehörigkeit.

Mittlerweile weiß man auch, dass schon die Babys im Mutterbauch die Sprache und die Stimme der Mutter hören: „Sie erkennen sie sogar.“ Und es gibt Versuche mit Babys aus verschiedenen Ländern, die zeigen, dass sogar ganz kleine Kinder die eigene Muttersprache von anderen Sprachen unterscheiden können. Die früh gelernten Betonungen bestimmen schon die ersten Äußerungen der Babys: „Schon Neugeborene“, sagte Kabatek, „schreien in unterschiedlichen Sprachen.“

Info: In der nächsten Vorlesung am Dienstag, 12. Juni, spricht Madelaine Böhme über die Frage: „Warum gibt es auf der Alb keine Affen mehr?“

Mutter und Pferd ähneln sich
Vor und nach der Vorlesung musste Johannes Kabatek ganz oft seinen Namen schreiben.

Mutter und Pferd ähneln sich
Christopher Belser ist ein ganz fleißiger Kinder-Student. Er hat in der Kinder-Uni-Vorlesung eifrig mitgeschrieben, wie sein Block beweist.

Manche können wunderbar das R rrrrrrrrrrrollen, andere nicht. Diejenigen, die es nicht können, kriegen oft nur Krachlaute zustande. Bei ihnen hört sich „Karte“ wie „Kachte“ an. Sie kommen möglicherweise aus Nordrhein-Westfalen und glauben, kein Talent fürs Italienische oder Spanische mitzubringen. Johannes Kabatek aber sagt, jeder könne es lernen. In seiner Vorlesung schrieb er ein Wort an die Tafel, mit dem man beim Nachsprechen das rollende R üben kann: „pdado“. Wer es ausspricht, merkt schon, dass die Zunge dabei im vorderen Teil des Mundes bleibt und sich nicht, wie beim Krach-R, hinten im Rachen krümmt. „Pdado“ klingt schon ganz gut nach gerolltem R. Wer es ganz oft übt, bekommt vielleicht auch mal eine glaubhafte italienische oder spanische Aussprache hin.

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24.05.2012, 12:00 Uhr

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