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Geschichts-Initiativen kritisieren: Zu Unrecht gewürdigt

NS-Verstrickungen Tübinger Ehrenbürger

Die NS-Verstrickungen der Tübinger Ehrenbürger Adolf Scheef und Theodor Haering sind seit langem belegt. Die Tübinger Geschichtswerkstatt und das Lern- und Dokumentationszentrum zum Nationalsozialismus fordern deshalb, ihnen die Ehrung endlich abzuerkennen.

28.09.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Der vormalige Oberbürgermeister Adolf Scheef und der Philosoph Theodor Haering sind nicht die einzigen, die als Tübinger Ehrenbürger umstritten sind, sagte Ulrike Baumgärtner von der Geschichtswerkstatt Tübingen am Mittwochabend vor rund 60 Interessierten im Saal des Kulturamts. Auch die Rolle des Politikwissenschaftlers Theodor Eschenburg im Nationalsozialismus sei noch nicht ausreichend geklärt.

Ebenfalls fragwürdig seien die Ehrenbürgerschaften von Ex-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, des Architekten Paul Schmitthenner und des langjährigen Tübinger Oberbürgermeisters Hans Gmelin. Gmelin war in der NS-Zeit Adjutant von Hanns Ludin, der als Gesandschaftsrat im früheren Pressburg in der Slowakei an Deportationen von Juden beteiligt war. Gmelins NS-Vita ist jedoch noch nicht wissenschaftlich gesichert.

„Erbgesund und rassisch wertvoll“

Die Fälle Scheef und Haering sind schon jetzt eindeutig. „Scheef betrieb ab 1933 nach Kräften eine nationalsozialistische Kommunalpolitik“, so Baumgärtner. Er habe die Einrichtung der SA-Motorsportschule und der Reichsbräuteschule vorangetrieben, den Bau der Hindenburgkaserne und des Kriegslazaretts auf dem Sand initiiert, sagte der Historiker Martin Ulmer vom Vorstand der Geschichtswerkstatt. Damals neu errichtete Wohnsiedlungen wie die Gartenstadt sollten nach Scheefs Überzeugung ausschließlich „ehrbaren deutschen Volksgenossen“ vorbehalten sein, die „erbgesund, arischer Abstammung, rassisch wertvoll und nationalpolitisch zuverlässig“ waren, zitierte Ulmer.

Nie habe sich Scheef „antisemitischen Initiativen“ des von der NSDAP dominierten Gemeinderats in den Weg gestellt – „was ihm administrativ durchaus möglich gewesen wäre“, so Ulmer. Stattdessen habe Scheef, Oberbürgermeister bis 1939, „das Freibadverbot für Juden und Nichtarier“, die Lösung aller städtischen Geschäftsverbindungen zu Firmen mit jüdischen Inhabern und die Ausgrenzung jüdischer Händler vom Wochenmarkt voll unterstützt. „Wir fordern den Tübinger Gemeinderat auf, Adolf Scheef und Theodor Haering die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen“, sagten Baumgärtner und Ulmer. Die an Scheef erinnernde Straße auf dem Österberg sei umzubenennen.

Als Philosophie-Professor und Vorsitzender der Museumsgesellschaft präsentierte sich Theodor Haering dem bürgerlichen Tübingen scheinbar als Biedermann, sagte Hans-Otto Binder, Vorsitzender des Lern- und Dokumentationszentrums zum Nationalsozialismus. Doch der 1937 in die NSDAP eingetretene Haering habe die Museumsgesellschaft ganz im Sinne der Nationalsozialisten geführt und somit deren Selbstgleichschaltung betrieben, statt auf ihre Autonomie zu dringen. „Noch am 24. März 1945 veröffentlichte er in der ,Tübinger Chronik’ den Artikel ,Filosofie als geistige Rassenkunde’“, berichtete Binder. Von 1953 bis 1957 war Haering Tübinger Stadtrat der Freien Wähler.

Anders als Scheef ehrte die Stadt Tübingen Haering nicht auf Antrag von NSDAP-Parteigenossen, sondern im Nachkriegsjahr 1957, durch einen demokratisch gewählten Gemeinderat. 1959 folgte sogar das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

„In welcher Form sich die Stadt Tübingen von NS-belasteten Ehrenbürgern distanziert, darüber bleibt zu diskutieren“, meinte Baumgärtner. Die bisherige Position der Stadtverwaltung, die Ehrenbürgerschaft erlösche ohnehin mit dem Tod, findet sie unzureichend.

Die Wohnung einer Deportierten bezogen

In anderen Städten ist man schon weiter. So erkannte der Konstanzer Gemeinderat dem vormaligen Oberbürgermeister und CDU-Kommunalpolitiker Bruno Helmle Anfang Mai 2012 die Ehrenbürgerwürde ab: Ein aktuelles wissenschaftliches Gutachten hatte ermittelt, dass er sich während der NS-Zeit als Finanzbeamter in Mannheim und Konstanz aktiv an der Ausplünderung von jüdischen Bürgern beteiligt hatte. Das berichtete der Konstanzer Politik- und Verwaltungswissenschaftler Prof. Wolfgang Seibel, einer der drei beteiligten Gutachter.

Deren Nachforschungen ergaben, dass sich Helmle unrechtmäßig bereicherte, indem er enteigneten oder zu Schleuderpreisen zwangsveräußerten Hausrat von Juden aufkaufte. Er habe sogenanntes Umzugsgut im Wert von mehr als einem Jahresgehalt erworben, berichtete Seibel. In Mannheim hatte Helmle mit seiner Frau eine Wohnung bezogen, deren betagte bisherige Vormieterin Anna Darmstädter am 22. Oktober 1940 deportiert werden sollte. Sie war jedoch so hinfällig, dass sie ins Israelitische Krankenhaus Mannheim gebracht wurde, wo sie am 13. Dezember 1940 starb.

NS-Verstrickungen Tübinger Ehrenbürger
Theodor Haering, aktiver Propagandist des Nationalsozialismus und dennoch Tübinger Nachkriegs-Stadtrat für die Freien Wähler, durfte sich 1959 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland umhängen lassen.Archivbild

Ehrenbürger mit NS-Verstrickungen sind seit Jahren Thema im Tübinger Gemeinderat. Zuletzt wurde erwogen, sie auf der Liste der Geehrten besonders kenntlich zu machen und ihr Verhalten während der NS-Zeit wissenschaftlich aufzuarbeiten. Am 11. Oktober werden sie den Gemeinderats-Kulturausschuss erneut beschäftigen. „Schwierig wird es bei den Ehrenbürgern, die nach dem Krieg von einem demokratisch gewählten Stadtrat ausgezeichnet wurden“, sagte Dagmar Waizenegger vom Kulturamt bei der Diskussion am Mittwochabend. Aber: „Die Stadt muss sich politisch bekennen“, bekräftigte Waizenegger.

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28.09.2012, 12:00 Uhr

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