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Die Kunden lieben’s scharf

Nach 100 Jahren hat sich Metzgerei Theurer in Entringen vergrößert

Das 100-jährige Bestehen ihrer Metzgerei markierte die Familie Theurer mit einem großen Umbau. Für die vierte Generation steht mehr die Zukunft als der Blick zurück im Vordergrund.

05.10.2012
  • Mario Beisswenger

Entringen. Auch nach hundert Jahren ist noch genau bekannt, wer der erste Kunde in der Metzgerei Theurer war. Der Wägner-Laux holte sich ein Pfund Schweinefleisch für den Sonntagsbraten. Es war der 1. September 1912, der Tag nach der Hochzeit von Anna und Ernst Theurer.

„So hat es die Oma immer erzählt“, sagt Richard Theurer. Dass sonntags offen war, sei vor hundert Jahren üblich gewesen. Fleisch gab es fast nur am Wochenende, die Kühlmöglichkeiten waren begrenzt. Richard Theurer aus der dritten Generation könnte so manche Geschichte aus den 100 Jahren erzählen. Etwa wie ein Bulle sich vor dem Schlachten losmachte, durch die Hauptstraße tobte, ein Telefonhäuschen umrannte. „Beim Gamerdinger haben wir ihn dann wieder eingefangen.“ Mit der anderen Metzgerei im Dorf arbeitete Theurer immer zusammen.

2012 bestimmen aber die aktuellen Investitionen den Betrieb, den seit 2008 in vierter Generation Harald und Miluse Theurer führen. Seit dem Frühjahr wurde das Haus, in dem 1912 alles begann, abgerissen. Der Neubau an gleicher Stelle wurde so mit dem Nachbarhaus verbunden, dass ein rund 70 Quadratmeter großer Verkaufsraum entstand. Die Metzgerei hat nun auch eine Heißtheke, an der es wechselnde Mittagessen gibt. „Nach 32 Jahren musste man was machen“, sagt Harald Theurer. So lange liegt die letzte große Veränderung zurück.

Möglich wurde der Umbau, weil die Nachbarn an Theurers verkauften. Lange Zeit dachten sie eher daran, an der Herrenberger Straße gegenüber zu bauen. Aber die Neugestaltung des weitgehend abgeräumten Geländes unter der Zehntscheuer zog sich. Ob und was dort gebaut wird, ist immer noch offen. Deshalb steht die zur Metzgerei gehörige frühere Scheuer etwas einsam. In der langen Handwerksgeschichte war das Gebäude auch mal Stall für die Landwirtschaft, die die Familie neben der Metzgerei auch noch umtrieb. Mitte der 1950er Jahre richteten die Theurers dort ihr Schlachthaus ein. Heute ist noch der Kühlraum genutzt und das Gebäude bietet Stauraum für die trotz des Umbaus recht beengt gebliebenen Verhältnisse.

Mit den neuen Räumen haben sich die Theurers für die Fortsetzung des Betriebs mit acht Mitarbeitern entschieden. In einem Punkt ist Harald Theurer dabei nicht ganz wohl. „Das Protokollieren, die Bürokratie: Das macht mir Angst.“ Ausgelegt seien die Vorschriften auf große Betriebe. Für den Metzgermeister ergeben sie oft wenig Sinn. „Warum soll ich dokumentieren, dass ich eine Wurst bei 72 Grad herausnehme? Das ist die optimale Temperatur, das gehört zum Fachwissen eines Fleischer-Gesellen.“ Bei Theurers sind vier Metzgermeister dabei. Warum soll er den Abstrich seiner Lyoner aufbewahren, wenn die Wurst ohnehin nicht drei Wochen im Voraus gemacht wird, sondern nach zwei, drei Tagen wieder frisch?

Sein Vater erinnert sich noch, dass er seine ganze Buchführung am Sonntagmorgen erledigen konnte. „Am Schluss ging das aber auch nicht mehr.“ Richard Theurer sieht die überbordende Verwaltung als einen Grund für die zurückgehende Zahl an Metzgereien. Er erinnert sich noch an Innungssitzungen mit fünf Dutzend Kollegen, heute seien es im Kreis noch um die 20 Betriebe. Harald Theurer glaubt, dass die Vorschriftendichte auch dem Verbraucher nicht viel bringt: „Ist den Kunden mehr geholfen, wenn nur noch zehn große Betriebe Wurst anbieten oder wenn es hunderte kleine sind?“, fragt der 38-Jährige.

Immerhin bleibt die Begeisterung für den Beruf. „Ich kann ein Lebensmittel machen, das Freude bringt“, sagt Harald Theurer. Im Unterschied zu seinem Vater verkauft er auch gerne. Das sei eher Sache seiner Frau Lina, sagt Richard Theurer. Er freut sich besonders am Wursten und gern hat er beim Viehkaufen mit den Bauern verhandelt.

Richard Theurer hatte nicht viel nachdenken können, ob er den Betrieb von Vater Ernst übernehmen soll. Der starb unerwartet und einer sollte den Betrieb fortführen. Harald Theurer dagegen hat es sich zusammen mit seiner Frau Miluse genau überlegt, als er 2008 den Betrieb übernahm und natürlich denken sie auch dran, was wohl ihre beiden kleinen Söhne mal tun. „Wir werden sie sicher nicht drängen, dass sie das machen sollen“, sagt Miluse Theurer, die auch vom Fach ist. Sie war in ihrem Jahrgang die innungsbeste Fleischereifachverkäuferin.

Sie zählt die beliebten Spezialitäten der Metzgerei auf: der selbst gemachte Hinterschinken, das eigene Corned-Beef, die Maultaschen nach dem Rezept der Oma. Sie weiß aber auch, was gerade angesagt ist in der Wurstwelt. „Jetzt sind gerade die scharfen Sachen im Trend. Es muss brennen.“

Nach 100 Jahren hat sich Metzgerei Theurer in Entringen vergrößert
Am 1. September 1912 war Eröffnung der Metzgerei Theurer. 100 Jahre später hat mit Miluse und Harald Theurer die vierte Generation das Gebäude neu aufgebaut und den neuen, vergrößerten Laden gerade in Betrieb genommen.

Nach 100 Jahren hat sich Metzgerei Theurer in Entringen vergrößert
Vor ihrem Laden an der Herrenberger Straße zeigen sich zwei Jahre nach der Eröffnung Ernst Gotthard Theurer und seine Frau Anna, die schon den Betriebsnachfolger Ernst Wilhelm im Arm hat.

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05.10.2012, 12:00 Uhr

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