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Eine Kultur-AG macht fertig

Nach 25 streitbaren Jahren werden Anne und Günther Rossipaul Reutlingen verlassen

Vor einem viertel Jahrhundert zog Günther Rossipaul nach Reutlingen – auch HAP Grieshabers wegen, der das Fundament seiner Sammlungbildete. Jetzt zieht es den „Buchkulterer“ und seine Frau Anne in die Ferne – nicht ganz freiwillig.

09.09.2010
  • uschi kurz

Reutlingen. In der „leidigen Streitsache Stadt RT mit Rossipaul“ luden Anne und Günther Rossipaul (GR) am Dienstag zur Pressekonferenz in die Planie 22. Dort haben die beiden im zweiten Stock des Gebäudetraktes C, wo einst die „Grieshaber-Schüler heute“ ausgestellt waren, Lagerraum gemietet. Lagerraum, den sie seit geraumer Zeit nicht bezahlt haben und auch nicht, wie von der Stadt verlangt, Ende Juni geräumt haben.

Vor der Zwangsräumung, die auf den 16. September angesetzt ist, versprach Rossipaul inmitten seiner eingelagerten bibliophilen Schätze, „werden wir ausziehen“. Der unfreiwillige Auszug aus der ehemaligen Textilfabrik, in der sich Rossipaul gut ein Industriemuseum vorstellen könnte, ist aber nur der Auftakt eines endgültigen Abschieds. Aufgrund „finanzieller und familiärer Zwänge“, sagte Anne Rossipaul – und es fiel ihr sichtlich schwer – müssten sie Reutlingen im Laufe des nächsten Jahres verlassen und in ihre alte Heimat, die Grafschaft Bentheim, ziehen. Bei ihm hört sich das so an: „Die A und G-Kultur-AG macht fertig“.

Sollte der 62-Jährige damit seinen Kulturkampf in Reutlingen auch aufgeben, er hat in seiner Wahlheimat doch Spuren hinterlassen. Zunächst in der Bismarckstraße, wo er vor 25 Jahren die „ABCD Bund und Kunst“-Handlung aufmachte. Fünf Jahre lang – von 1985 bis 1990 – hat der Bibliophile dort Bücher verkauft, Lesungen, Diskussionen und Ausstellungen inszeniert. Er zeigte Joseph Beuys und Alfred Hrdlicka, Felix Martin Furtwängler und den späteren Jerg-Ratgeb-Preisträger Josua Reichert als der noch nahezu unbekannt war. Im „ABCD“-Salon lasen Walter Jens und Klaus Staeck.

Sperrgut im Literaturbetrieb

Erwähnenswert ist auch Rossipauls Beitrag zu den baden-württembergischen Landesliteraturtagen 1988 in Reutlingen: die „Reutlinger Kassette 88“, ein loses Mappen- und Zettelwerk mit Arbeiten in Wort und Bild von 50 Reutlinger Kunstschaffenden, das er in einer Auflage von 300 Stück herausgab. Längst vergessene Namen finden sich darunter, aber auch Künstler und Schriftsteller, die damals schon bekannt waren oder es später wurden: Klaus Herzer, Erich Mansen, Hadwig Münzinger, Josua Reichert, Richard Salis, Dietrich Segebrecht, Winand Victor, Petra Zwerenz. Das „Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt“ bezeichnete seinen Almanach damals als „Unikum des Kunstmarkts“, als „Sperrgut im Literaturbetrieb“, aber eben auch als „lockend für Sammler von Raritäten und Kuriositäten“. In Reutlingen hingegen heimste Rossipaul Kritik und Verrisse ein.

„Unter der Achalm als Buchkulterer zu reüssieren, ist so einfach nicht“, schrieb er denn auch Anfang 1991 im „RT-Art-Quartal“, da war sein ehrgeiziges „ABCD“-Projekt“ in der Bismarckstraße bereits gescheitert. Im selben Jahr musste Rossipaul seine Sammlung veräußern. Im renommierten Hamburger Auktionshaus Hauswedell & Nolde kam ein Teil seines Besitzes unter den Hammer. Mit den Buchkunst-Raritäten, die übrig blieben, zog er vorübergehend in der ehemaligen griechisch-orthodoxen Kirche in der Planie ein.

2001 machte Rossipaul in einer ehemaligen Textilfabrik in der Hermann-Kurz-Straße (und die Adresse war Programm) seinen Reader’s Corner auf. Ein Buch-Kunst-Kabinett wollte er einrichten, Lesungen und Ausstellungen veranstalten und endlich den Hermann-Kurz-Literaturpreis etablieren. Finanzieren wollte der selbst ernannte Bibliosoph den Reader‘s Corner aus seinem Erbe, doch nachdem ihm der Testamentsvollstrecker den Geldhahn abdrehte, scheiterte auch dieses Projekt. Rossipaul und seine Bücher mussten ein weiteres Mal fliehen – und landeten in einer weiteren ehemaligen Textilfabrik, der Planie 22 – aus der sie nun vertrieben werden (siehe oben).

MAMU-Installation finanziert den Auszug

Doch nicht nur „GR“ hat kulturell in Reutlingen manches angestoßen, auch die Künstlerin Anne Rossipaul, besser bekannt als MAMU (Malende Mutter). Sie hat sich um die Künstlervereinigung Gedok verdient gemacht, für die sie gerade einen Katalog erstellt, und sie organisiert die Produzentengalerie Pupille (Peter-Rosegger-Straße 97), in der regionale Künstler/innen regelmäßig ausstellen können.

Mit dem Erlös der Installation „3 sisters of war“ in der MAMU sich künstlerisch mit dem Schicksal von Lena Grieshaber auseinandersetzt, wird nun auch die Zwangsräumung finanziert. Die Installation wurde von einem privaten Sammler-Ehepaar erworben, soll aber öffentlich zugänglich bleiben.

Nach 25 streitbaren Jahren werden Anne und Günther Rossipaul Reutlingen verlassen
Anne und Günther Rossipaul sitzen bereits auf den Umzugskartons in der Planie 22. MAMUs Bild „Böse Mama“ stammt aus dem Jahr 1987.Bild: Haas

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09.09.2010, 12:00 Uhr

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