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Zum Schluss in Doppelschicht operiert

Nach 31 Jahren geht BG-Chef Kuno Weise in den Ruhestand

Mitte der 70er Jahre kam Kuno Weise als junger Chirurg an die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik (BG). Nicht nur sein Fach, auch die Klinik hat sich seither grundlegend verändert, sagt der scheidende Direktor der BG.

15.10.2010
  • Angelika Bachmann

Tübingen. „Bis zum letzten Tag“ seiner Dienstzeit habe er selbst operiert, sagt Kuno Weise. In den letzten Wochen sogar in Doppelschichten, weil noch so viele Patienten auf der Warteliste standen. Natürlich müsse man als Ärztlicher Direktor einer 327-Betten-Klinik viele Management-Aufgaben übernehmen, sich mit Struktur-Fragen und Wirtschaftlichkeitsberechnungen befassen. Das hat Weise auch gerne gemacht – „solange es nicht überhand nahm“ und es ihn nicht von dem entfremdete, was seine Berufung war: zu operieren und sich um Patienten zu kümmern.

Mit Nato-Eingreiftruppe im Ausland stationiert

31 Jahre und drei Monate lang arbeitete Weise an der Tübinger BG, davon die letzten 15 Jahre als Ärztlicher Direktor. In seiner menschenzugewandten und verbindlichen Art hat er die Klinik geprägt. Nach der Ära seines Vorgängers Siegfried Weller, eher ein Vertreter der strengeren Personal- und Patientenführung, zog mit Weise ein kooperativer Stil und Umgangston in die Klinik ein. Bei Patienten und Mitarbeitern war der Klinik-Chef deshalb gleichermaßen beliebt.

Mit der Klinik, an der Weise in den 70er Jahren seine Laufbahn begann, ist das Haus heute nicht mehr zu vergleichen. Grundlegend modernisiert, die Bausubstanz fast komplett ausgetauscht, ist die BG im 21. Jahrhundert angekommen. Allerdings auch mit einem großen Ballast an Abschreibungen aus dieser intensiven Bauphase, die für Weise dennoch gerechtfertigt war. „Die Klinik ist jetzt in einem sehr guten baulichen Zustand. Für Patienten und Mitarbeiter ist das sehr gut angelegtes Geld.“

Besonders freut es den Klinik-Chef, dass Tübingen es geschafft hat, den Anteil der BG-Fälle (also Patienten nach Arbeits- und Wege unfällen) auf über 50 Prozent zu steigern. In einer wenig industrialisierten Region wie Tübingen grenze das an ein Wunder, spreche aber auch für den Ruf der Klinik.

Als Sohn eines Chirurgen – sein Vater hatte eine chirurgische Durchgangspraxis für BG-Fälle in Albstadt – war er schon als Kind mit dem Metier in Berührung gekommen. Klar vorgezeichnet war sein Lebensweg dennoch nicht. Bei der Bundeswehr war er als Sanitäter einer Nato-Ttruppe zugeordnet und unter anderem bei Auslandseinsätzen in der Türkei stationiert. Eine Militärlaufbahn wollte er aber nicht einschlagen. Stattdessen liebäugelte er damit, Journalist zu werden, entschied sich schließlich aber doch für das Medizin-Studium. Dabei stand auch immer im Raum, dass er eines Tages die Praxis seines Vaters übernehmen sollte.

Ihn selbst faszinierte allerdings eher die Innere Medizin und die Psychiatrie. Bis er – eine Art Schlüsselerlebnis – als Medizinalassistent am Hechinger Krankenhaus einen Notfall auf den OP-Tisch bekam: Einem Patienten war das Ohr annähernd abgerissen worden. „Ich habe zwei Stunden gebraucht, um es wieder anzunähen. Und das war gar nicht so einfach. Aber es hat funktioniert. Das Ohr wuchs tatsächlich wieder an. “

Das sind die Erfolgserlebnisse der Unfallchirurgen: Dass man Patienten mit oft dramatischen Verletzungen Schnitt für Schnitt, Naht für Naht „wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand bringen kann“, wie Weise es nüchtern ausdrückt. Sein Spezialgebiet waren Gelenkverletzungen. Auch in der Endoprothetik und in der Wiederherstellungschirurgie hatte er einen Ruf weit über Tübingen hinaus.

Geprägt haben Weise neben den Lehrjahren bei Weller auch die drei Jahre, die er Mitte der 90er Jahre als Ordinarius für Unfallchirurgie in Leipzig verbrachte. „Keine einfache Zeit“, erinnert es sich. Es galt Menschen aus Ost und West mit ganz unterschiedlichen Werdegängen in einer Abteilung zu einem Team zu formen. Dabei habe er wohl auch das Rüstzeug für die späteren Jahre als Klinik-Leiter bekommen, sagt Weise.

Ein Trabi mit beige-blauer Karosserie

Seine Mitarbeiter, die Stadt, der Osten wuchsen ihm irgendwie ans Herz. Zum 50. Geburtstag schenkten ihm seine Mitarbeiter einen Trabi. Es war ein wunderbares Modell: beige Karosserie mit hellblauem Dach, schwarze Sitzbezüge mit bunten Blumen, schwärmt Weise. Eigentlich wollte er ihn nach Tübingen überführen. Leider erlitt das Geschenk bei einem kleineren Auffahrunfall Totalschaden: Die Karosserie zersplitterte in tausend Teile. Am Ende fiel Weise der Abschied von Leipzig doch schwerer als gedacht. Aber der Ruf nach Tübingen – in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Unfallchirurgie an der Universität – war einfach nicht auszuschlagen.

Dass Weise nun zum 1. Oktober in Ruhestand ging, obwohl sein Nachfolger noch nicht im Amt ist, kam auch für ihn selbst etwas überraschend. Zumal er angeboten hatte, die Klinik übergangsweise weiter zu führen, um sie dann in die Hände seines Nachfolgers zu übergeben. Erst Anfang September habe der Vorstand ihm seine Entscheidung mitgeteilt. Das war sehr „kurzfristig und eher unglücklich“, findet Weise. Zumal klinische Abläufe längerfristig geplant werden müssen. So hatte Weise bereits Operations-Termine bis Dezember vergeben, die nun wieder rückgängig gemacht werden müssen, zur Irritation der Patienten.

Man sei, sagt dazu BG-Geschäftsführer Fabian Ritter, ursprünglich davon ausgegangen, dass das Berufungsverfahren bis Ende September abgeschlossen sei. Der Trägerverein der BG habe am 7. Oktober einen Nachfolger gewählt. Derzeit laufe das Unterschriftenverfahren. Man rechne mit einem kurzfristigen Arbeitsbeginn des neuen Ärztlichen Direktors.

Sein Fachgebiet wird Weise in den Ruhestand begleiten. Er wird weiterhin als Gutachter für Medizinschadensprozesse und als Vorsitzender von Prüfungskommissionen der Ärztekammer tätig sein. Zudem lägen ihm etliche weitere Angebote vor, die er aber „sorgfältig prüfen“ will. Zumal es ja auch noch etwas anderes gibt als die Medizin. Den Schönbuch und die Alb vor der Haustür – das ist optimales Terrain für Weise, der zu Hause ein Rennrad, ein Mountainbike und ein Tourenrad stehen hat.

Zudem hat er jetzt mehr Zeit für Reisen und kunstgeschichtliche Exkursionen. Auch wird die Universität mit ihm wohl einen weiteren Gasthörer gewinnen, der sich vor allem für Geschichte und Kirchengeschichte interessiert.

Nach 31 Jahren geht BG-Chef Kuno Weise in den Ruhestand
Brachte die BG-Klinik auf Expansionskurs: Unter der Klinik-Leitung von Kuno Weise stieg die Zahl der Patienten von rund 6000 auf 9330 im Jahr. Die Zahl der Operationen stieg von 6000 auf 10000 im Jahr. Bild: Sommer

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15.10.2010, 12:00 Uhr

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