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Rottenburgs OB Neher, Kirchen und Parteien rufen zur Kundgebung am Dienstag um 18 Uhr auf

Nach Attacke auf Flüchtlinge Signal gegen rechte Gewalt

Mit einer Kundgebung „Rottenburg gegen rechts“ am Dienstag um 18 Uhr auf dem Markplatz reagieren Oberbürgermeister Stephan Neher, die Gemeinderats-Parteien und die Kirchengemeinden auf den brutalen Überfall auf zwei gambische Frauen am Freitagabend.

22.12.2014
  • Michael Hahn

Rottenburg. „Man hat mir gesagt: Hier bist du sicher“, sagt die 27-jährige Gambierin über ihre Ankunft in Rottenburg vor etwa zwei Monaten. Auf Englisch. Es war das vorläufige Ende ihrer Flucht aus Westafrika, im Boot übers Mittelmeer. Im September kam sie in der Erstaufnahmestelle in Karlsruhe an und wurde weiter vermittelt in die Übergangsunterkunft auf dem ehemaligen DHL-Gelände; ein trostloser Container-Bau. Dort teilt sie sich ein Zweibett-Zimmer mit einer 36-jährigen Freundin, die sie in Karlsruhe kennen gelernt hatte.

Wie berichtet, waren die beiden Frauen am Freitagabend in der Rottenburger Poststraße unterwegs. Plötzlich wurde sie ohne Vorwarnung von hinten auf den Kopf geschlagen, berichtet die 27-Jährige. Sie taumelte, konnte aber fliehen und rannte über die Straße. „Help! Help! Help!“ habe sie gerufen. Ein junger Mann und mehrere Leute, die in einem geparkten Auto saßen, hätten ihr geholfen. Vermutlich waren auch sie es, die die Polizei alarmierten.

Was genau mit ihrer älteren Freundin passierte, habe sie vor lauter Panik gar nicht mehr genau mitbekommen, sagt die 27-Jährige. Die Polizei berichtet, der Angreifer habe auch auf die 36-Jährige eingeschlagen. Die Frau stürzte, und der Mann trat weiter auf sie ein. Sie kam mit Kopfwunden und einer schweren Knie-Verletzung ins Krankenhaus nach Tübingen. Dort wird sie wohl heute operiert, sagt die 27-jährige Freundin, und muss dann voraussichtlich mehrere Wochen im Krankenhaus bleiben.

Die Polizei war schnell da und nahm den Angreifer noch am Tatort fest: Ein 21-jähriger Rottenburger, der heftig betrunken war und wegen Gewaltdelikten bereits vorbestraft ist. Auch wegen „Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen“ (in diesem Fall also von Nazi-Symbolen) sei er bereits einschlägig aufgefallen, sagte eine Polizeisprecherin gestern. Deswegen liege ein rechtsradikaler Hintergrund für den Überfall nahe, und deswegen ermittele auch der Staatsschutz. Der Angreifer ist mittlerweile in Untersuchungshaft.

Der OB hängt sich ans Telefon

Wegen des politischen Hintergrunds war für Oberbürgermeister Stephan Neher sofort klar, dass die Stadt Rottenburg hier öffentlich reagieren sollte, sagte er gestern am Telefon. „Rechte Gewalt hat in unserer Stadt keinen Platz“, bekräftigte der OB.

Am Montagvormittag telefonierte der OB mit den Kirchengemeinden und den im Gemeinderat vertretenen Parteien (CDU, SPD, Grüne, Linke, FDP). Das Echo war einhellig positiv. „Wir wollen zeigen, dass da eine breite Basis dahinter steht“, sagte der OB.

Nun wird es am Dienstag um 18 Uhr unter dem Titel „Rottenburg gegen Rechts“ eine etwa halbstündige Kundgebung auf dem Marktplatz geben. Neher will keine langen Redebeiträge. Die evangelischen Pfadfinder werden ihr „Friedenslicht aus Bethlehem“ weitergeben (wie es sonst am Silvesterabend gemacht wird). Deswegen sollten Kundgebungsteilnehmer Kerzen mitbringen.

Die 27-jährige Gambierin kam am Freitagabend ebenfalls ins Krankenhaus, wurde aber wieder entlassen. Die Polizei brachte sie zurück ins DHL-Gelände. Ein Bekannter aus der Asyl-Unterkunft kümmert sich seither um sie: „Für uns sind die beiden Frauen wie Schwestern.“

Der jungen Frau steht der Schrecken des Überfalls noch deutlich im Gesicht. Sie traue sich nun nicht mehr in die Stadt, sagt sie. Auch die männlichen Flüchtlinge gehen vorsichtshalber vorerst nicht mehr allein in die Stadt, sagte ihr Bekannter dem TAGBLATT.

Im Container-Zimmer der 27-Jährigen gaben sich gestern Nachmittag die Besucher die Klinke in die Hand: Erst die Sozialarbeiterin des Landkreises, dann der TAGBLATT-Redakteur, dann die Polizei mit ärztlicher Begleitung.

Die Frau fragte immer wieder: „Warum hat er das getan?“ Und sie strich sich über den dunkelhäutigen Unterarm: „Wegen der Farbe?“ Nur dafür, dass ihr nicht noch Schlimmeres passiert ist, hat sie eine Erklärung: „Gott hat mich beschützt.“

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22.12.2014, 12:00 Uhr

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