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Nach Schießerei in Heidenheim: Droht ein Rockerkrieg im Südwesten?
Zahlreiche beschlagnahmte Waffen und eine Leder-Jacke liegen am 13. November 2015 auf einem Tisch im Polizeipräsidium in Stuttgart. Sie waren bei Hausdurchsuchungen gefunden worden. Foto: dpa
Ulmer "United Tribuns" schwören Rache

Nach Schießerei in Heidenheim: Droht ein Rockerkrieg im Südwesten?

Immer wieder münden Konflikte zwischen Rockerbanden in blutige Verbrechen. Es geht auch um Geld und Macht in der Türsteher- und Bordellszene. Ein Konflikt droht nun zu eskalieren.

14.04.2016
  • NICO POINTER, DPA

Heidenheim. Das kurze Video auf der Facebook-Seite wirkt mehr bedrohlich als andächtig. Der vor Muskeln strotzende Präsident des Ulmer Chapters der United Tribuns steht in der Mitte Dutzender Kuttenträger an einer Straße. Die Hände zu Fäusten geballt, ruft er in die Kamera. Sein Vizepräsident sei einer gewesen, "der gerade war, der Loyalität bewiesen hat, sein ganzes Leben lang." Die Rocker halten die Hände gen Himmel und sprechen ein Gebet für ihren getöteten "Bruder". Dann der Schlachtruf: der Präsident ruft "United", seine Truppe antwortet "Tribuns".

Im Südwesten artet derzeit eine Fehde unter rivalisierenden Rockerbanden in Gewalt aus, mit tödlichen Folgen. Am Donnerstag streiten sich vor einem Friseurladen in Heidenheim drei Mitglieder der Black Jackets mit zwei Brüdern der United Tribuns. Die beiden Gruppen stehen seit längerem auf Kriegsfuß. Dann eskaliert die Lage.

Einer der Black-Jackets-Rocker zieht eine Pistole, schießt die beiden Kontrahenten nieder. Den 29 Jahre alten Vizepräsidenten der United Tribuns treffen drei Kugeln in den Bauch. Er stirbt am Samstag. Sein 25-jähriger Bruder liegt nach wie vor schwer verletzt in einer Klinik. Die Polizei nimmt die Angreifer fest, inhaftiert den mutmaßlichen Schützen.

In ganz Deutschland gibt es schon seit längerem immer wieder Konflikte im Milieu. Zuletzt explodierte etwa in Berlin mitten im Berufsverkehr ein Sprengsatz in einem Auto - wohl ein Racheakt unter Rockern. Im Südwesten liefern sich Rocker immer wieder blutige Auseinandersetzungen. Vor allem in Stuttgart, Ulm, Heidenheim, Villingen-Schwenningen und in der Bodenseeregion gibt es Konflikte. Es geht meist um Revierkämpfe, Prostitution, Drogenhandel, sagt der Ellwanger Staatsanwalt Armin Burger. Die Szene ist undurchsichtig, Rocker wechseln ihre Allianzen. Die Ermittler haben besonders auf Ulm ein Auge, Rocker kontrollieren das Rotlichtmilieu der Stadt.

Black Jackets wie United Tribuns stammen aus dem Südwesten, sie sind eng mit der Türsteher- und Bodybuilderszene verzahnt. Die Ermittler sprechen dabei nicht von Rockern wie etwa die Hells Angels, sondern von rockerähnlichen Gruppierungen. "Man darf das nicht verniedlichen und als Straßengang gleichsetzen, die haben die gleiche Gefährlichkeit, nur kein Motorrad", sagt Carsten Dehner, Sprecher im Innenministerium. Alle Organisationen versuchten, ihre Gebiete abzustecken. Die Rockergruppen, die in Chapter (Ortsgruppen) aufgeteilt sind, verbinde eine strenge Hierarchie.

"Bei rockerähnlichen Gruppierungen geht es um Machtdemonstrationen, wer die Hoheit hat über die Straße. Die Hells Angels tragen es eher im Verborgenen aus", sagt Ulrich Heffner, Sprecher des Landeskriminalamts. Folgestraftaten seien nach dem tödlichen Anschlag aber nicht unwahrscheinlich.

Die Lage ist angespannt. Am Wochenende zeigten Rocker in Ulm wie in Heidenheim viel Präsenz, allein 60 Rocker stellten sich in Heidenheim vor die Klinik der niedergeschossenen Mitglieder, weitere 100 versammelten sich in der Innenstadt. "Man muss natürlich auch mit weiteren Auseinandersetzungen rechnen", sagt der Ulmer Polizeisprecher Uwe Krause. "Wir machen entsprechende Planungen." Staatsanwalt Burger warnt: "Ich appelliere an alle Beteiligten, jetzt die Strafverfolgungsbehörden ihre Arbeit machen zu lassen und das Gewaltmonopol zu akzeptieren, was ausschließlich dem Staat zusteht."

Die Ermittler tun sich schwer. Es gehöre zum Ehrenkodex der Szene, dass man gegenüber der Polizei mauere, sagt Dehner. Sobald kriminelle Strukturen oder Chapter zerschlagen würden, würden sie nachbesetzt von gleichen oder anderen Gruppen. "Es ist nur eine Frage, bis ein anderer kommt", sagt Dehner.

Ob die Lage erneut eskaliert, bleibt ungewiss. Auf der Hauptseite der bundesweiten Tribuns rufen die Rocker nun alle anderen Clubs zur Besinnung auf. Das Ulmer Chapter postete in der Nacht zum Freitag, kurz vor ihrem rund einminütigen Trauer-Video, den Spruch: "Auge um Auge, Zahn um Zahn."

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14.04.2016, 06:00 Uhr

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