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"Eindeutige und objektive Fehler"

Nach anfänglichem Zögern wollen die Grünen ihre frühere Nähe zu Pädophilen komplett aufklären lassen

Mitten im Wahlkampf haben die Grünen ein ernstes Problem, weil sie vor Jahrzehnten Pädophilen eine Plattform gaben. Jetzt bleibt nur die Flucht nach vorn: Die Öko-Partei will sich offiziell entschuldigen.

04.06.2013
  • GUNTHER HARTWIG

Wenn der Bundesvorstand der Grünen in den letzten Wochen über die Gründerjahre der Partei diskutierte und vor allem über den Vorwurf, dass unter den zahlreichen Gruppierungen, die damals versucht haben, Einfluss auf die neue politische Kraft in der Bundesrepublik auszuüben, auch solche waren, die sexuelle Handlungen Erwachsener mit Kindern nicht mehr bestrafen wollten, dann muss Astrid Rothe-Beinlich immer ganz genau hinhören. Zum einen war die heute 39 Jahre alte Thüringerin zu jener Zeit selbst noch ein Kind und außerdem ganz weit weg - in der DDR.

Das, worüber jetzt schon seit Monaten aufgeregt gestritten wird, spielte sich zu Beginn der 1980er Jahre in Westdeutschland ab, und viele ostdeutsche Grüne fragen ihre Parteifreunde aus den alten Ländern heute mit einer Mischung aus Neugier und Unverständnis: "Was war denn da bei euch los?" Nicht nur die Landtagsabgeordnete Astrid Rothe-Beinlich aus Erfurt steht da regelmäßig vor einem Rätsel, sondern auch Katrin Göring-Eckardt (47), die Spitzenkandidatin der Grünen für die Bundestagswahl am 22. September und hohe evangelische Kirchenfunktionärin.

Die Antworten, die ihnen ihre West-Kollegen aus der Frühphase der Grünen anzubieten haben, taugen allenfalls als Beschreibung oder Erklärung, aber niemals als akzeptable Entschuldigung dafür, dass die junge Partei neben Umweltaktivisten und Kriegsgegnern jeglicher Art auch den Fürsprechern pädophiler Neigungen eine Plattform bot. Nein, Katrin Göring-Eckardt, selbst Mutter von zwei Söhnen, findet es "unverständlich, dass es zu Grenzüberschreitungen gekommen ist", indem die Grünen Leute auf ihren Parteitagen zu Wort kommen ließen, von deren Positionen man sich sofort hätte distanzieren müssen.

Das geschah damals eben nicht, und deshalb hat die Partei jetzt mitten im Wahlkampf ein ernstes Problem. Ausgelöst wurde es zunächst im Vorfeld der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an den Alt-Grünen Daniel Cohn-Bendit (68) im April. Der Frankfurter Spezi von Ex-Außenminister Joschka Fischer hatte in seinem Buch "Der große Basar" aus dem Jahr 1975 über erotische Annäherungen an Kinder fabuliert, die er im Rückblick als pure Erfindung eines Großmauls darstellte, als "Wichtigtuerei". Zusammen mit den geduldeten Auftritten jener "Stadtindianer", die bei den Grünen vor drei Jahrzehnten die Podien kaperten und für die "sexuelle Befreiung" der Gesellschaft unter Einschluss von Minderjährigen warben, ergab Cohn-Bendits Machwerk ein Bild, das noch einmal Empörung und Widerspruch provozieren musste.

Wahrscheinlich hat die Berliner Parteispitze - ebenso wie anfangs auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der bei der Preisverleihung an den Europaabgeordneten in Stuttgart anwesend war - die Brisanz des Themas für die Grünen unterschätzt. Man glaubte, mit dem Hinweis schnell aus dem Schneider zu kommen, es handele sich bei Cohn-Bendit wie bei der Partei um Jugendsünden, die bedauerlich gewesen seien, aber inzwischen durch untadeliges Verhalten längst wieder gutgemacht wurden. Man sei, so lautete eine Sprachregelung, "nicht etwa Ort der Taten, sondern Forum von Debatten" gewesen.

Doch gab sich mindestens die parteipolitische Konkurrenz, besonders die CSU, damit nicht zufrieden. Tatsächlich wurde ja die "Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule, Päderasten und Transsexuelle" der Grünen erst 1987 durch die "BAG Schwule" ersetzt. Zwei Jahre zuvor hatte ein Landesparteitag in Nordrhein-Westfalen einen Antrag verabschiedet, nach dem "gewaltfreier Sex" mit Kindern nicht geahndet werden sollte. Der Beschluss wurde von der Bundespartei freilich kassiert. Dennoch nutzte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt die trübe Vergangenheit der Grünen zu dauernden Attacken auf Daniel Cohn-Bendit und Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck, der sich jetzt juristisch gegen Dobrindt zur Wehr setzt.

Überhaupt haben sich die Grünen entschlossen, ihr zunächst zögerliches Verhalten aufzugeben und eine aktive Aufarbeitung der Parteigeschichte zu betreiben. Zunächst ging Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt in die Offensive und sprach in einem Interview von "einem Fehler, den wir bedauern" und der "keine Relativierung" vertrage. Dann beauftragte die Parteispitze den Göttinger Politik-Professor Franz Walter, die Vorwürfe und Vorgänge aus den frühen Jahren der Grünen zu erforschen und aufzuklären. Schließlich kündigte Parteichefin Claudia Roth am Wochenende eine formelle Entschuldigung der Partei für "eindeutige und objektive Fehler" an.

Das Gutachten wird indes auf sich warten lassen. Parteienforscher Walter und sein Team wollen sich im Juli an die Arbeit machen, haben aber angekündigt, dass erst Ende 2014 mit ihrem Abschlussbericht zu rechnen sei. Ein "tragfähiger Zwischenbericht" könne vielleicht schon bis zur Bundestagswahl im September vorliegen, doch rechnet Katrin Göring-Eckardt damit auch eher nicht vor Ende 2013: "Mir wäre zwar lieber, wir könnten das Kapitel möglichst bald abschließen, aber die Göttinger Wissenschaftler werden die Zeit haben, die sie brauchen."

Nach anfänglichem Zögern wollen die Grünen ihre frühere Nähe zu Pädophilen komplett
Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth distanziert sich von einstigen Positionen ihrer Partei. Foto: dpa

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04.06.2013, 12:00 Uhr

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