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Grabung · Eine Frau ohne Schmuck

Nach dem Fund eines kopflosen Pferdes wurde in Mössingen ein Menschenskelett freigelegt.

Der Schädel ist zusammengedrückt. Immerhin: Er ist vollständig. Außerdem Schlüsselbein, Rippen, linker Arm, Becken und Beine – alles da. Noch ist der rechte Arm nicht sichtbar. Vielleicht steckt er im Boden. Was aber definitiv fehlt, sind die Backenzähne im Unterkiefer.

12.04.2017
  • Susanne Wiedmann

„Das spricht für ein älteres Individuum“, erklärt Grabungstechniker Klaus Dollhopf vom Landesamt für Denkmalpflege. Noch dazu weisen der Körperbau, aber auch die Einkerbung im Becken, die weiter ist als bei Männern, auf eine Frau hin. Eindeutig wird das Geschlecht jedoch erst feststehen, wenn das Skelett anthropologisch untersucht worden ist.

Begraben wurde der Leichnam in einem der Reihengräber auf dem frühmittelalterlichen Friedhof in der Flur „Breite“. Der Kopf nach Westen, der Blick nach Osten, typisch seit dem frühen Mittelalter. Und genau in dieser Haltung legte das Grabungsteam das Skelett gestern vollständig frei. Niemand hatte also in dieser Grabstätte gewühlt. Eine Premiere auf dem alamannischen Gräberfeld in der Zollernstraße. Denn in den anderen Gruben, die das Team bisher geöffnet hat, war bereits in früheren Zeiten gebuddelt, geschaufelt, gesucht worden – weshalb die Knochen wild durcheinandergepurzelt waren. Spuren der Grabräuber. Schade nur, bedauert Dollhopf, dass das unberaubte Grab dennoch ohne Beigaben ist. Als ob die Grabräuber gewusst hätten, dass sich die Mühe nicht lohnte, dass nichts zu holen war. Wer waren sie überhaupt? Gehörten sie zum Dorf? Gar zur eigenen Familie? Es gebe unzählige Forschungsansätze, sagt Dollhopf. Gewiss ist: „Sie waren nicht zimperlich, aber geruchsresistent.“

Dass einige Gräber in der Mössinger Zollernstraße reich ausgestattet waren, bezeugen beispielsweise Bronzenieten als Überreste einer Verzierung von Schwertscheiden. Oder der Verstorbene wurde von seinem Pferd in die Ewigkeit begleitet. So bargen die Wissenschaftler vor einigen Tagen ein Pferdeskelett in einem sehr engen Grab. Ein kleines Tier mit angezogenen Beinen. Allerdings ohne Kopf. „Im siebten Jahrhundert zeigt sich das Phänomen, dass die Pferde kopflos in ihrer Grube lagen, immer häufiger“, erklärt Katja Lumpp, Pressesprecherin des Landesamtes für Denkmalpflege. „Mangels entsprechender schriftlicher Hinterlassenschaften sind uns die dahinter stehenden Beweggründe nicht bekannt. Denkbar sind sowohl rituelle als auch ganz profane Ursachen. Mit dem abgetrennten Pferdeschädel könnte zum Beispiel die Grabstätte des Verstorbenen gekennzeichnet worden sein.“

Wo aber ist der Reiter? Irgendwo in der Nähe, soviel ist sicher. Ob er in dem benachbarten Grab lag, das längst ausgeraubt wurde, und in dem Dollhopf und seine Kollegen lediglich Messerreste aufspürten? Oder gegenüber? Jedenfalls muss es ein wohlhabender Herr gewesen sein. Nur wenige Menschen besaßen damals ein Pferd. Und offensichtlich konnten sogar die Hinterbliebenen auf das Tier verzichten. Pferdeskelette gehören, so Lumpp, regelhaft, wenn auch selten, zu den Funden in alamannischen Friedhöfen des sechsten und siebten Jahrhunderts. Nach den Jenseitsvorstellungen jener Zeit lebten die Verstorbenen nach dem Tode weiter. „Deshalb wurde ihnen alles, was für ein standesgemäßes Leben notwendig war, als Beigaben mit in die Gräber gegeben.“ Dementsprechend gehörten Pferdebestattungen immer zu reich ausgestatteten Gräbern bewaffneter Männer und bezeugen eine hochrangige soziale Stellung des Verstorbenen.

Grabungstouristen sei gesagt: Ein Baustellenbesuch lohnt nicht. Alle Funde werden abends abgeräumt.

In der Baugrube des Mehrfamilienhauses

Auf dem Grundstück eines geplanten Mehrfamilienhauses in der Mössinger Zollernstraße begannen vergangene Woche unter Leitung des Archäologen Frieder Klein die Ausgrabungen. Rund 50 alamannische Gräber sind auf diesem Areal gefunden worden. Nun untersuchen die Wissenschaftler nach und nach einzelne Grabgruben.

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12.04.2017, 01:00 Uhr

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