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Triumph eines Anti-Balkanesen

Nach den Parlamentswahlen in Kroatien ist der liberale Polit-Neuling Bozo Petrov plötzlich in der Rolle des Königsmachers

Bozo Petrov hat eine steile Karriere hinter sich: In nur drei Jahren hat sich der Mediziner erst zu Kroatiens bekanntestem Bürgermeister und nun zum heimliche Gewinner der Parlamentswahlen gemausert.

10.11.2015
  • NORBERT MAPPES-NIEDIEK

Nein, sagt Bozo Petrov und verschluckt sich gleich ein bisschen: "Wir sind nicht der Star dieser Wahl. Wir haben das Ergebnis ja erwartet." Bescheidener Ton, gewaltiger Anspruch - das ist die Mischung, die den 36-jährigen Bürgermeister der Kleinstadt Metkovic zum eigentlichen Sieger der kroatischen Parlamentswahl gemacht hat.

Kein Politiker im Land erhielt so viele persönliche Stimmen: Drei von fünf Wählern seiner Liste "Most" (Brücke) setzten ihr Kreuzchen hinter den Namen des leisen Newcomers, nie ist eine Partei aus dem Stand so stark geworden. Noch in der Wahlnacht begannen beide Lager, das sozialdemokratische und das rechtsnationale, um die 19 Abgeordneten seiner Liste zu werben.

Denn die Parlamentswahl in Kroatien ist mit einem Patt zu Ende gegangen. Stärkste Kraft wurde knapp das "Patriotische Bündnis", eine Listenverbindung rund um die rechtsnationale Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ) unter Tomislav Karamarko. Zu ihren 56 Sitzen kommen voraussichtlich weiter drei: Sie sind für die traditionell konservativ wählenden Auslandskroaten reserviert, deren Stimmen aber noch nicht vollständig ausgezählt sind. Auf ebenfalls 56 Sitze kam die Listenverbindung "Kroatien wächst" rund um die sozialdemokratische Partei unter Regierungschef Zoran Milanovic. Fest zu den Sitzen der linksliberalen Liste gerechnet werden auch die drei Sitze der Regionalpartei in der Region Istrien, IDS. Damit hat keine der beiden großen Parteien eine Mehrheit. Der kleine Bürgermeister aus Matkovic fällt damit in die Rolle des Königsmachers.

Es ist nicht das erste Mal, dass Petrov in Kroatien Schlagzeilen macht. Landesweit gingen die Augenbrauen schon hoch, als Petrov vor zwei Jahren mit satter Zweidrittelmehrheit den Bürgermeister seiner Heimatstadt aus dem Amt kippte - einen bulligen Balkan-Patriarchen, den bis dahin alle für unüberwindbar gehalten hatten. Weil die Konfrontation zwischen dem brummigen Schwergewicht und dem schmalen, artigen jungen Mann so kurios war, schaffte das ungleiche Paar es sogar ins nationale Fernsehen.

Nach Petkovs Wahlsieg in dem idyllischen Badeort an der Adria kam Kroatien aus dem Staunen nicht mehr heraus. Kaum im Amt, kürzte er seine eigenen Bezüge drastisch, beschnitt die Verwaltungsausgaben und senkte die Verschuldung der Gemeinde um mehr als ein Drittel. Seine Stellvertreter arbeiten ehrenamtlich, die Stadträte werden mit einer symbolischen Kuna entschädigt. Verträge mit parteinahen Firmen wurden gekündigt, die Repräsentationskosten auf ein Zehntel gesenkt.

Neben seiner Abneigung gegen Parteienwirtschaft und byzantinischen Pomp hat Petrov nur dürre Botschaften anzubieten: Eine Verwaltungsreform, ein neues Steuersystem, Privatisierung vor allem in der Tourismus-Industrie - alles liberale Forderungen, die bisher als unpopulär galten. Nationale, identitäre und soziale Wohlfühlparolen hat er nicht im Angebot. Biografisch kommt der Facharzt für Psychiatrie aus der kirchlich-konservativen Hälfte des polarisierten Spektrums: Mit 14, bekannte er einmal, habe er Franziskaner werden wollen, dann aber gemerkt, dass er nur zum einfachen Gläubigen tauge. Gerade sein rechtsliberaler Hintergrund aber trieb ihn in den Konflikt mit der konservativen HDZ, die zwar liberale Reformen predigte, dann aber nur Klientelpolitik betrieb.

Hauptberuflich in der Politik ist der verheiratete Vater dreier Kinder erst seit seiner Wahl zum Bürgermeister im Juni 2013. Nach dem klassischen Gymnasium in Sinj ging Petrov zum Medizinstudium nach Zagreb und arbeitete dann am Krankenhaus in Mostar, eine knappe Autostunde von seiner Heimatstadt. In nur zwei Jahren ist aus dem Arzt ein Hoffnungsträger geworden.

Der Ball liegt nun bei Staatspräsidentin Kolinda Grabar Kitarovic. An ihr liegt es, einem Politiker das Mandat für die Regierungsbildung zu erteilen. Da Karamarko die stärkste Liste anführt, Milanovic dagegen mehr Abgeordnete hinter sich hat, gibt es für die Mandatsvergabe an den einen wie an den anderen gute Argumente. Gewinnen wird wohl der, der Patrov überzeugen kann.

Nach den Parlamentswahlen in Kroatien ist der liberale Polit-Neuling Bozo Petrov plötzlich in der
Seit drei Jahren in der Politik und schon das Zünglein an der Waage: Der kroatische Politiker Bozo Petrov. Foto: IMAGO

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10.11.2015, 12:00 Uhr

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