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Zum Sex gedrängt

Nach der Party: „Tape“ im Brechtbau-Theater

Vince (Johann Thaisen) ist einer der Typen, die gerne so geräuschvoll pissen, dass ihre gesamte Umgebung es mitbekommt. Für die Eingangsszene betritt er ein schäbiges Zimmer, das mit seinem Wollteppich und dem Blümchensessel stark an die siebziger Jahre erinnert. Jugendzimmer oder Schrotthotel?

16.06.2015
  • dhe

Tübingen. Auf jeden Fall ist es kein Ort zum Bleiben (Bühnenbild: Mirjam Vollmer). Bierdosen liegen herum, und beinahe vermisst man den abgestandenen Geruch, der realistischerweise über der Szene hängen müsste. Als es klopft, kann Vince nicht ahnen, dass die Vergangenheit vor der Tür steht.

„Tape“ wie Tonband heißt das Stück des US-Dramatikers Stephen Bebel, für das sich die Studierenden-Theatergruppe Wir Boni als erste auf Amateurebene die Rechte an der deutschen Fassung sicherte. Die etwa 50 Premierenzuschauer im Brechtbau-Theater am Montagabend ließen sich rasch in das Psycho-Kammerspiel hineinziehen.

Der Besucher ist Jon (Gero Bauer), ein High-School-Kumpel von früher, der sich als Filmregisseur etablieren möchte. Smart und ehrgeizig, hat er bald heraus, dass Vince sich treiben lässt und als Gras- und Koksdealer von der Hand in den Mund lebt. „Du könntest mehr aus dir machen! Du verpisst dein Leben!“, tönt Jon und donnert mit Kommandostimme „Was geht da ab in deiner Tasche, Vince?“

Doch Vince, stolzer Underdog in Unterhemd und Boxershorts, lässt sich nicht verunsichern – auch dann nicht, als Jon aus ihm herausholt, dass er nicht bloß ein harmloser Tagedieb ist, sondern ein Gewaltproblem hat. Bei diesen Status-Sondierungen sieht man die beiden mal buddymäßig nah beieinander auf dem Bett sitzen, mal so viel Distanz wie in dem schmalen Zimmer möglich zwischen sich bringen. Zielsicher dreschen sie auf die wunden Punkte des anderen ein – bis Jons Augen vor Abwehr glasig zu werden scheinen: Dann nämlich, wenn es um einen gemeinsamen Fixpunkt aus der High-School-Zeit geht, einen bestimmten Party-Abend, an dem Jon Amy, die damalige Freundin von Vince, zum Sex gedrängt haben soll.

Als auch noch Amy (wunderbar souverän: Eva Schwendemann) auf der Bühne auftaucht, das mögliche oder das vermeintliche Opfer von damals, verschiebt sich die Machtbalance zwischen den drei Figuren wieder und wieder. Man staunt, welche emotionale Achterbahnfahrt auf so begrenztem Raum, mit so begrenzten Mitteln möglich ist. An den Party-Abend von damals hat jede/r eine andere Erinnerung – wie in einer Kumpelversion von „Rashomon“ (Regie: Daniel Tille).dhe

Info Weitere Aufführungen gibt es von Mittwochabend bis einschließlich Freitag, 19. Juni, jeweils um 20 Uhr im Brechtbau-Theater, Wilhelmstraße 50.

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16.06.2015, 12:00 Uhr

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