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Ermittlungen gegen die Clique wegen Angriff auf 13-Jährige

Nach der Prügel-Attacke waren Psychologen an der Scholl-Schule

An der Geschwister-Scholl-Schule war gestern die Aufregung nach der Prügelattacke auf eine Schülerin am Montag weiter groß. Die Polizei ermittelt mittlerweile gegen die gesamte Clique, die bei dem Angriff dabei war – und prüft Verfahren wegen Drohungen im Internet.

21.11.2014
  • Jonas Bleeser und Lorenzo Zimmer

Tübingen. Das Interesse der Boulevard-Medien an dem Fall war groß: Am Freitagmittag versammelten sich vor der Schule auf Waldhäuser-Ost mehrere Kamera-Teams und Reporter. „Manche Pressevertreter setzten die Schülerinnen und Schüler unter Druck, sich zu der Thematik zu äußern. Oft fragten sie sogar nach Namen der Täter und des Opfers, bedrängten die Jugendlichen geradezu“, berichtete Stefan Meißner, Pressesprecher der Schulabteilung des Regierungspräsidium Tübingen. Schulpersonal wurde abgeordnet, um die Schüler vor aufdringlichen Berichterstattern zu schützen. „Der erste Schritt ist, den vielen nicht betroffenen Schülern zu helfen, die jetzt einem immensen Druck von außen ausgesetzt sind“, sagte Meißner.

Die Schulpsychologische Beratungsstelle setzte fünf Psychologen ein – außerdem wurde für alle Schüler ein Beratungstelefon eingerichtet. Es sei darum gegangen, den im Video dargestellten Personen – also Tätern, Opfern und Zuschauern – zu helfen, sicher durch das Wochenende zu kommen. „Wir sorgen uns sehr um das Wohl aller Beteiligten“, sagte Meißner.

Die Polizei verstärkte die Streifen im Umfeld der Schule. Sie ermittelt nun gegen die gesamte Clique, die bei dem Angriff auf eine 13-Jährige dabei war, nicht nur gegen die beiden Schlägerinnen, wegen gefährlicher Körperverletzung. Nachdem im Internet, vor allem auf Facebook, zur Selbstjustiz gegen die prügelnden Mädchen und ihre Freundinnen aufgerufen wurde, ist die Polizei mit allen betroffenen Familien in Kontakt – sowohl mit der des Opfers als auch denen der Mädchen-Clique. „Man kann sich vorstellen, dass sie alle sehr unter der Situation leiden“, sagte Polizeisprecherin Andrea Kopp.

Man stehe mit Facebook in Verbindung, um die weitere Verbreitung des Prügelvideos zu verhindern. Einen entsprechenden Antrag hätten mehrere der Beteiligten dort bereits gestellt. Hochgeladen hat es nach derzeitigem Ermittlungsstand nicht das Mädchen, das gefilmt hat. Sie habe es vermutlich im Bekanntenkreis verbreitet – und irgendjemand stellte es auf Facebook. Die Aufrufe zur Gewalt gegen die Mädchen und die Beleidigungen im Netz würden ebenfalls geprüft. Ob es deswegen zu Verfahren komme, sei noch unklar.

Täter wollen durch Video Stärke beweisen

Warum dokumentieren die Täter das Geschehnis? Prof. Tobias Renner, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Tübingen, erklärte das so: „Der Erfahrung nach geht es hier um zweierlei Dinge: Einmal soll dem Opfer dadurch ein zusätzlicher Schaden zugefügt werden. Zweitens versprechen sich die Täter durch die Aufnahmen Anerkennung ihrer Stärke und Macht.“ Dass die Solidarisierung vieler Unbeteiligter in den sozialen Netzwerken in solchen Fällen einen positiven oder tröstlichen Effekt für das Opfer haben könnte, bezweifelt Renner: „Hier überwiegt meiner Erfahrung nach klar die Scham.“

Die Zahl gewalttätiger Jugendlicher sinkt seit Jahren (siehe Kasten). „Auf der anderen Seite mache ich in meiner täglichen Arbeit schon die Erfahrung, dass die Gewaltbereitschaft gerade bei Mädchen gestiegen zu sein scheint“, sagt Renner. Außerdem sei immer zu prüfen, ob bei den Tätern psychische Krankheitsbilder vorliegen, die für das Aggressionspotenzial ursächlich sein könnten. „Das Jugendamt in Tübingen macht eine hervorragende Arbeit und stellt sowohl für Täter als auch für Opfer eine psychologische Betreuung zur Verfügung“, so Renner.

Ein Sprecher der Jugendgerichtshilfe wollte zum konkreten Fall keine Stellung nehmen. Prinzipiell gebe es nach so einer Tat zwei Möglichkeiten: „Beim Täter-Opfer-Ausgleich setzen sich beide an einen Tisch. Dies kann Klärung bringen und nimmt dem Angegriffenen in vielen Fällen die Angst, erneut Opfer zu werden.“ Dies sei jedoch für die Betroffenen manchmal schwer und daher nicht immer möglich. „Die Alternative ist eine getrennte therapeutische Beratung für Opfer und Täter“, so der Sprecher.

Facebook löscht den Film nicht von sich aus

Aufgrund unserer Berichterstattung meldete sich gestern eine Facebook-Sprecherin, um zu erläutern, warum das Unternehmen nicht von sich aus gegen die Verbreitung des Videos vorgeht. Sollten solche Filme nur aus sadistischem Vergnügen gepostet werden, lösche man sehr schnell. In den Postings zum Video verurteilten die Nutzer die Gewalt jedoch eindeutig. Deshalb habe man nichts unternommen.

Man sehe Facebook als „neutrale Plattform, auf der Menschen offen diskutieren können, während die Rechte und Gefühle anderer respektiert werden“, so die Sprecherin. Erst wenn sich die Betroffenen selbst meldeten, käme eine Löschung infrage. Dass entsprechende Anträge nach Polizeiangaben bereits gestellt sind, wusste sie offenbar nicht. Auf einigen Facebook-Seiten war der Film gestern weiter problemlos abrufbar.

Im ganzen Kreis Tübingen gab es 2013 insgesamt 91 Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzungen gegen Verdächtige unter 21 Jahren. Dies war der geringste Wert in den letzten zehn Jahren. Das deckt sich mit der bundesweiten Entwicklung. Laut Statistik des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden ging die Gewaltkriminalität von Jugendlichen vergangenes Jahr um 11,9 Prozent zurück. Bei der gefährlichen und schweren Körperverletzung sogar um 13,7 Prozent. Die Fälle, in denen Mädchen oder junge Frauen zuschlugen, sanken ebenfalls um 11,8 Prozent.

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21.11.2014, 12:00 Uhr

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