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Stark wie nie zuvor

Nach einer Stammzellspende geht es Albert Röcker wieder gut

Vor einem Jahr erhielt Albert Röcker die erschütternde Nachricht, dass er an Blutkrebs erkrankt ist. 18 Wochen wurde er in der Medizinischen Uni-Klinik behandelt. „Ich war noch nie so stark wie in dieser Situation“, sagt er. Die Stammzellspende eines Amerikaners rettete ihm das Leben.

31.10.2014
  • Susanne Wiedmann

Ofterdingen. Er war noch am Vortag gejoggt. Und nie hätte Albert Röcker geahnt, dass er bereits lebensbedrohlich erkrankt war. Seit einem halben Jahrhundert gehörte er zum TSV Ofterdingen. Als Mittelstürmer und Torjäger war er einer der besten Fußballspieler des Vereins. Ein durchtrainierter Sportler, den alle nur „Schütz“ nennen.

Nach einer Stammzellspende geht es Albert Röcker wieder gut
„Vorher war alles normal. Heute ist nichts mehr normal“, sagt Albert Röcker. „Ich genieße jeden einzelnen Tag.“ Bild: Rippmann

Fast jeden Tag verbrachte Albert Röcker auf dem Sportplatz. Seit er als Briefträger im Ruhestand war, trainierte er die örtliche E-Jugend. „Mein Leben war Fußball“, sagt der 63-Jährige. Bis zu jenem Tag vor einem Jahr, als er bei einer Zahnreinigung so stark blutete, dass der Zahnarzt ihn aufforderte, sich bei seiner Hausärztin untersuchen zu lassen.

Am Morgen hatte er sich Blut abnehmen lassen. Als er abends nach Hause zurückkehrte, hatte seine Ärztin bereits eine beunruhigende Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. „Sie müssen sofort in die Medizinische Klinik.“ Noch am selben Abend stellten die Ärzte fest, dass sich in seinem Blut nur noch 7000 Thrombozyten pro Mikroliter befinden, Blutplättchen, die für die Blutgerinnung zuständig sind. „Über 100.000 ist normal“, hatte ihm sein Freund, der Ofterdinger Mediziner Friedrich Dreher erklärt. „Bei 7000 kann jede kleine Blutung lebensbedrohlich sein.“

Albert Röcker war an Leukämie erkrankt. „Für mich brach eine Welt zusammen. Das war ein Wahnsinnsschlag!“ Und nicht weniger wühlte ihn die SMS seines Sohnes auf: „Papa, du kannst mich nicht alleine lassen.“ In diesem Augenblick begriff Albert Röcker: Er muss kämpfen. Er wird kämpfen. So wie er es immerzu auf dem Fußballplatz getan hatte.

Jetzt, ein Jahr danach, sitzt er zu Hause auf seiner Couch, braun gebrannt und strahlend, als wollte er von einem Turniersieg berichten. Neben ihm sitzt sein Freund. „Wer dich sieht“, sagt Friedrich Dreher, „käme nie auf die Idee, was du in den vergangenen zwölf Monaten durchgemacht hast.“

Während in der Klinik im vorigen November Albert Röckers Behandlungsmarathon startete, begann in Ofterdingen eine ungeahnte Hilfsaktion. Nur eine Stammzellspende konnte das Leben des Ofterdingers retten. Seine Schwester würde als Spenderin aber nicht infrage kommen, weil ihr Blut zu wenige identische Gewebemerkmale aufwies. Und auch der Sohn war nicht der „genetische Zwilling“ seines Vaters.

Irgendwo auf der Welt musste ein passender Stammzellspender für Albert Röcker gefunden werden. Oft wurde die Suche danach mit der Nadel im Heuhaufen verglichen. Aber wenigstens wollten seine Familie, Freunde, Sportkameraden so viele Menschen wie möglich dazu animieren, sich typisieren zu lassen. Sohn Markus und Röckers Freund Leopold Freudemann berichteten im Internet und den Zeitungen über Röckers Schicksal. Noch vor Weihnachten organisierten sie gemeinsam mit dem TSV Ofterdingen und der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) eine Typisierungsaktion in der Burghofhalle. Bürgermeister Joseph Reichert hatte sie sofort bereitgestellt. Wolfgang Haug, Willi Schmid und Leopold Freudemann verteilten Flyer im ganzen Ort.

Am Sonntag vor Weihnachten strömten fast tausend Menschen in die Burghofhalle, ließen sich Blut abnehmen. Friedrich Dreher hatte als Mediziner die Aufsicht übernommen. Und Leopold Freudemann berichtete seinem kranken Freund unablässig am Telefon. „Es war unvorstellbar“, sagt Röcker gerührt. „Eine solche Aktion wegen mir.“ Bald war jedoch klar, niemand hatte die passenden Gewebemerkmale. Nicht in Ofterdingen, nicht einmal in ganz Deutschland.

„Leider bekommt man auch im Leben manchmal ein Gegentor“, schrieb ihm ein ehemaliger Spieler. Aber wer sollte besser wissen als Schütz, was dann zu tun ist? Er hatte bei vielen Zweikämpfen gesiegt. Seine Kameraden waren sicher, er würde auch diesen lebenswichtigen Kampf gewinnen.

Seit er in der Klinik war, versuchten die Ärzte mit einer Chemotherapie, die Leukämiezellen zu zerstören. „Nach der ersten Aktion waren immer noch 21 Prozent da.“ Aber die zweite Chemotherapie ließ die kranken Zellen nahezu verschwinden. Wie sehr er sich freute! Wie unglaublich erleichtert er war!

An Heiligabend durfte Albert Röcker erstmals für einige Stunden nach Hause. Seine Lebensgefährtin hatte alles vorbereitet, damit das Haus so keimfrei wie möglich war: die Gardinen gewaschen, die Betten gereinigt, alles geputzt und sämtliche Pflanzen entfernt.

Nicht weniger als 60 Briefe mit den besten Genesungswünschen erreichten Albert Röcker während er in der Medizinischen Klinik behandelt wurde. Und an manchen Tagen standen zehn Besucher an seinem Krankenbett. Daraus schöpfte er so viel Kraft, dass er manchmal vergaß, wie krank er war. „Ich war gut drauf“, sagt Röcker. Und Friedrich Dreher findet: „Diese gewisse Unbekümmertheit war hilfreich und gut.“

Als Albert Röcker eines Samstags von der Klinik aus gerade mit einem Bekannten telefonierte, überkam ihn der Appetit. „Was soll ich machen?“, fragte der Bekannte. „Könntest du mir ein halbes Göckele mit Pommes bringen?“, fragte Röcker zurück und vertilgte wenig später ein saftiges Hähnchen.

Doch manchmal gab es auch Momente, in denen Albert Röcker sein Leben für verloren glaubte. Abends, wenn sich die Besucher verabschiedet hatten. Wenn er alleine zurückblieb mit nichts als der Dunkelheit, seinen Gedanken und bisweilen Tränen. Eines Abends hatte er Fieber und glaubte: In dieser Nacht werde er sterben.

Zum Jahreswechsel passierte, was Albert Röcker „einen Sechser im Lotto“ nennt. Die DKMS fand in den USA einen passenden Stammzellspender. Die zehn Gewebemerkmale eines 40-jährigen Mannes waren identisch mit jenen des Ofterdingers. Nach zwölf Wochen wurde der Patient in ein „Reinluftzimmer“ verlegt, mit einer intensiven Chemotherapie sein Immunsystem unterdrückt. Am Stuttgarter Flughafen traf der Beutel mit der Stammzellspende aus Amerika ein. Ein Kurier holte ihn ab. Ein unspektakulärer Beutel, klein wie eine Blutkonserve, der aber für Albert Röcker ein zweites Leben bedeutete. Am 28. Januar liefen Stamm- und Immunzellen des Amerikaners als Infusion in Albert Röckers Körper. Seither hat er auch dessen Blutgruppe. „Ich muss mich wieder impfen lassen wie ein kleines Kind.“

Im März durfte er die Klinik verlassen. Mittlerweile betreibt er Muskelaufbautraining, weil seine Fußballerwaden verschwunden waren. „Ich bin so glücklich, dass es mir gut geht.“ Am Anfang, erzählt er, habe er schon schlapp gemacht, wenn er nur 20 Minuten gegangen sei. Einer wie er, der früher 90 Minuten hin und her auf dem Sportplatz stürmte.

Sein robuster, vitaler Körper half dem 63-Jährigen, alles so komplikationslos zu überstehen. Und neben der medizinischen Leistung war es vor allem das soziale Netz, das ihn aufgefangen und stark gemacht hat.

„Es ist mir so wichtig, allen zu danken: meinem Sohn Markus, Leo und Frieder, dem Bürgermeister, allen Helfern, allen Spendern“, sagt Röcker. Außerdem möchte er anderen Kranken Mut machen: „Nicht hängen lassen! Nicht aufgeben! Wer sich hängen lässt, ist verloren!“

Bereits im Krankenhaus war ihm bewusst, dass sein Leben ein anderes sein wird, wenn er die Klinik verlässt. „Vorher war alles normal. Heute ist nichts mehr normal“, sagt Röcker. „Ich sehe die Natur. Und ich genieße jeden einzelnen Tag. Das Leben ist ein Geschenk. Und so schön.“

Vielleicht, sagt der Ofterdinger, wird er sogar irgendwann nach Amerika reisen. Einmal war er dort, glaubte aber nicht, je wieder zurückzukehren. Nach zwei Jahren dürfen sich Spender und Empfänger kennenlernen. Albert Röcker glaubt: „Wenn du den Menschen siehst, muss es ein Wahnsinnsgefühl sein.“

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31.10.2014, 12:00 Uhr

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