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Kirchturm mit Stahlgürtel

Nach neun Monaten ist die Sanierung des Ofterdinger Wahrzeichens beendet

Das Gerüst verschwindet, Geschoss für Geschoss. Punktgenau ist die Sanierung des Ofterdinger Kirchturms beendet. „Mensch, ist der schön geworden!“, sagen viele Ofterdinger. Und Pfarrer Bernhard Schaber-Laudien sagt: „Ich hoffe, dass sich das auch finanziell auswirkt.“ Immerhin: Rund 640 000 Euro wird die Sanierung kosten. Noch werden Spenden benötigt.

18.11.2015
  • Susanne Wiedmann

Ofterdingen. Es scheint, als wären die Fugen aufgemalt. Wie einst, als der Turm gebaut wurde. „Das haben wir nicht wieder gemacht“, sagt Architekt Albert Hörz. Dennoch sind die Fugen deutlich sichtbar. Und an manchen Stellen so breit und tief, dass sie mit kleinen Steinen aufgefüllt werden mussten. Wer genau hinschaut, wird auch jetzt erkennen, wo sich unzählige Risse und Furchen durchs Mauerwerk zogen.

Ein dreiviertel Jahr wurde der Kirchturm saniert. Die Schäden waren groß – im Mauerwerk und im Holzbau. Gerade mal 15 Jahre nach der letzten Sanierung. Damals seien die Arbeiten nicht fachmännisch ausgeführt worden, sagt Albert Hörz vom Reutlinger Architekturbüro Riehle+Assoziierte und verspricht: „Erst in 40 oder 50 Jahren wird hier wieder ein Gerüst stehen.“

Das drängendste Problem war, den 45 Meter hohen Turm zu stabilisieren. Mit seinen zwei Meter dicken Mauern wirkte er zwar unerschütterlich, aber er bewegte sich so stark, dass innen und außen immer mehr Risse aufklafften. Jetzt trägt der Turm einen Ringgurt aus Stahl. Auf allen Etagen, an allen Ecken wurden Gewindestangen aus hochfestem Edelstahl eingebaut, die verhindern, dass das Mauerwerk auseinanderdriftet. „Eine Statikerin hatte dazu geraten, damit der Turm langfristig stabil bleibt“, betont Hörz. Denn der Ofterdinger Turm ist zweischalig gebaut. Bruchsteinmauerwerk bildet die Innenwand, Sandstein die Außenmauer.

Dort musste auch ein Traufgesims erneuert werden, weil es abgeschlagen war. Regenwasser floss die Fassade entlang, statt über das Gesims abzulaufen. „Die Verfugungen an den Gesimsen wurden jetzt mit Blei gemacht, erklärt Hörz. „Eine jahrtausendealte Technik, absolut fest für die nächsten Jahrhunderte. Es kostet das Vierfache, hält aber zehnmal länger.“

Zudem mussten die Zinnen untersucht und teilweise abgebaut werden, weil der Unterbau aus Schilfsandstein die Last nicht tragen konnte. Gewindestangen wurden eingesetzt, um die Zinnen zu sichern. Das Dach ist neu gedeckt und gelattet, aber die Ziegel blieben größtenteils erhalten. Mit Sturmklammern wurden sie befestigt. „Doppelt so viele Klammern wie üblich, weil der Turm so hoch ist“, versichert Pfarrer Schaber-Laudien.

Lange vor der Sanierung, im Jahr 2012, wurden die Schwingungen der vier Kirchturmglocken gemessen und der Rhythmus so verändert, dass er von der Eigenfrequenz des Turmes mindestens zehn Prozent auseinanderliegt, um diese nicht anzuregen. Das sind Erfahrungswerte von Bauphysikern. Vorgestern wurde neu gemessen und nachgestellt, weil sich nun die Eigenfrequenz des stabileren Turms veränderte, berichtet Schaber-Laudien. „Glocke drei ist das Sorgenkind. Sie erreicht diese zehn Prozent fast nicht.“ Deshalb wurde sie vorerst aus dem Vollgeläut herausgenommen. „Das wird noch geklärt. Vermutlich ist das Problem über Klöppel und Gewichte lösbar.“ Zu Weihnachten werden alle vier Glocken läuten, zum Turmfest reicht es nicht.

Mit Sanierungskosten von 640 000 Euro plus rechnet der Pfarrer. Noch ist längst nicht alles abgerechnet. Die Hälfte der Kosten muss die evangelische Kirchengemeinde Ofterdingen tragen, erwartet jedoch noch Zahlungen der Versicherung für die Hagelschäden und der bürgerlichen Gemeinde. Wenigstens hat das Land Fördermittel von rund 81 000 Euro angekündigt. Trotzdem, befürchtet Schaber-Laudien, werde letztlich noch „ein höherer fünfstelliger Betrag“ fehlen.

Ursprünglich wurden die Sanierungskosten auf nicht einmal die Hälfte geschätzt, aber nach und nach zeigten sich weitaus mehr Schäden als gedacht – vor allem an der Holzkonstruktion des Giebelgeschosses. Auch dass die Turmzierkonstruktion innen kaputt, aber nicht zu reparieren war, konnte niemand ahnen. Trotzdem wurde der Falkenkasten instandgesetzt, Beleuchtung und Steckdose für eine Kamera eingebaut. Wenn sich Falkennachwuchs ankündigt, können die Geburten live übertragen werden. Seit vielen Jahren ist der Ofterdinger Kirchturm Geburtsstätte von Turmfalken.

Froh ist der Architekt, dass die Handwerker ihre Arbeit in Ruhe vollenden konnten. „Bei einem frühen Wintereinbruch hätten wir große Probleme gekriegt.“ Und Hörz ist erleichtert, dass kein Unfall passierte. Denn die Arbeiten im Außenbereich des Turms waren nicht ungefährlich. Wenigstens sind die restlichen Aufgaben, die der Pfarrer ankündigt, weniger riskant: „Kirchentür streichen und Hof kehren.

Nach neun Monaten ist die Sanierung  des Ofterdinger Wahrzeichens beendet

Nach neun Monaten ist die Sanierung  des Ofterdinger Wahrzeichens beendet
Jahreszahl an der Fassade: anno MCCCCLX, 1460. Nach der Sanierung wurde sie freigelegt. Zwischen 1427 und 1525 wurde der Turm in mehreren Etappen errichtet.

Die evangelische Kirchengemeinde Ofterdingen lädt am ersten Advent, Sonntag, 29. November, zum Turmfest ein. Um 10 Uhr beginnt der Festgottesdienst in der Mauritiuskirche, den die Ofterdinger Singvögel mitgestalten. Die Predigt hält Dekanin Elisabeth Hege. Im Anschluss an den Gottesdienst ist der Festakt mit Grußworten. Ab 12 Uhr wird Mittagessen im Gemeindehaus in der Rohrgasse 6 serviert. Eine Stunde später, ab 13 Uhr, kann der Kirchturm bestiegen werden. Um 14 Uhr wird eine Diaschau mit Bildern vom Bau im Gemeindehaus gezeigt. Parallel dazu gibt es dort ein Kinderprogramm. Bilder aus der Bauzeit sind ebenfalls im Gemeindehaus ausgestellt. Wer für die Sanierung spenden möchte, kann dies auf die Konten der evangelischen Kirchengemeinde Ofterdingen bei der Kreissparkasse Tübingen
(IBAN: DE87 6415 0020
0003 0145 98) oder VR Bank Steinlach-Wiesaz-Härten (IBAN: DE69 6406 1854 0040
4590 04)

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18.11.2015, 12:00 Uhr

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