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Smart aber fair aus Hessen

Nachhaltig produziertes Smartphone entwickelt

Zwei Brüder aus Hessen haben ein Smartphone entwickelt, das nachhaltig produziert wird. Display und Akku lassen sich einfach austauschen.

03.06.2019

Von ROLF OBERTREIS

Samuel (links) und Carsten Waldeck haben das faire Telefon entwickelt. Foto: Shift

Ein High-Tech-Dorf ist Falkenberg in Nordhessen nicht. Im Ortskern ältere Häuser, ein paar Bauernhöfe, am Rand ein Neubaugebiet. 800 Einwohner leben hier, rund 30 Kilometer südlich von Kassel. In einem zweistöckigen Neubau zwischen alten Häusern hat sich die Shift GmbH niedergelassen. Samuel Waldeck, 39, kahl rasierter Kopf, gepflegter Bart, lächelt. In der Hand hält er das, um das es im von ihm zusammen mit seinem Bruder Carsten (47) und dem Vater gegründeten Unternehmen geht: Das erste faire, nachhaltig produzierte Smartphone aus Deutschland, das Shift-Phone.

Im ersten Stock sitzen fünf junge Männer, darunter auch Geflüchtete, an Bildschirmen, vor sich in ihre Einzelteile zerlegte Smartphones. Ende 2014 hat Shift die ersten Telefone ausgeliefert, bislang wurden mehr als 30 000 verkauft. „Ende des Jahres sollen es 50 000 sein“, sagt Carsten Waldeck, ebenfalls Vollbart, auf dem Kopf eine graue Schiebermütze. Zum Vergleich: Samsung hat 2018 rund 295 Mio. Smartphones verkauft, Apple 209 Millionen und Huawei 203 Millionen.

Dass sich das erste in Deutschland konzipierte nachhaltige Smartphone in nur fünf Jahren zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt, können die beiden Brüder immer noch nicht so recht fassen. „Dass es das Shift-Phone gibt, ist eigentlich unrealistisch“, sagt Carsten. Aber das neueste Modell liegt vor ihm auf dem Tisch, in wenigen Sekunden in seine 13 Einzelteile zerlegt. „Das ist im Prinzip wie Lego“, lacht er. Damit kann alles ausgetauscht oder das Gerät einfach aufgerüstet werden.

Das Shiftphone. Foto: Shift

Coltan aus zertifizierten Minen

Schon in den 90er-Jahren hatten die beiden, eigentlich Mediengestalter und Kommunikationsdesigner, Ideen für solche Geräte, starteten aber mit kleinen Firmen, die Reinigungstücher für Displays, eine Krankamera und Monitore dafür produzierten. Vor sechs Jahren dann die Idee für ein Smartphone. Bis dahin hatten natürlich auch die Waldecks Smartphones genutzt. „Bei den meisten ist alles verklebt, verbacken und gelötet. Ein einfacher Austausch von Teilen ist nicht möglich“, sagt Samuel Waldeck.

Genau das haben die Shift-Phone-Macher geändert. „Wir wollten und bauen jetzt leistungsstarke und zugleich ressourcenschonende und modular aufgebaute Geräte“. 444 EUR müssen aktuell für das kleinste Shift bezahlt werden, 733 EUR für das teuerste. 10 Prozent ist es teurer, wenn das Gerät sofort geliefert werden soll. Das Betriebssystem basiert auf Android, Windows Phone soll auch möglich sein. Neue Akkus gibt es ab 20, Displays ab 55 EUR. Das verlängert die Lebens- und Nutzungsdauer. „Bei anderen Herstellern verwenden Studien zufolge weniger als 20 Prozent der Nutzer das Gerät länger als zwei Jahre“.

Mit Nachhaltigkeit hat das in den Augen der Waldeck-Brüder nichts zu tun. Wichtig sind den beiden auch die Herkunft der Rohstoffe und die Arbeitsbedingungen bei deren Herstellung. Im Kongo hat sich Carsten Waldeck vor zwei Jahren zertifizierte Minen angeschaut, wo Coltan – aus dem Tantal für die Kondensatoren gewonnen wird – und Gold geschürft werden. Die auch für die Shift-Phones unverzichtbaren Metalle sollen unter menschenwürdigen Bedingungen gefördert werden.

Faire Löhne und Arbeitszeiten, keine Kinderarbeit: das gilt auch für die Produktion in Hangzhou. Foto: Shift

„Wir wollen Arbeitsplätze schaffen, an denen wir selbst gerne arbeiten würden,“ sagt Samuel Waldeck. Und verweist auf die Arbeitsbedingungen bei Shift – in Falkenberg wie auch in der eigenen kleinen Technologie-Manufaktur im chinesischen Hangzhou, wo die Smartphones hergestellt werden. Weil alles gesteckt wird, sind keine Reinräume nötig, es besteht kein Problem mit schädlichen Dämpfen durch Löten und Kleben. Dabei gilt auch in China für die derzeit zehn Frauen und Männer der Acht-Stunden-Tag und die 40 Stunden-Woche bei sozialer Absicherung, Fortzahlung bei Krankheit und Mutterschutz. Aber warum produzieren sie in China und nicht in Deutschland? „Die empfindlichen Bauteile wie Platinen, Displays, Kameras und Sensoren müssten für die Luftfracht aufwendig verpackt werden. Es fiele also viel Verpackungsmüll an“, sagt Carsten Waldeck.

Natürlich muss auch Shift rentabel arbeiten. Aber den Waldecks geht es nicht darum, möglichst viel Gewinn für die eigene Tasche zu erwirtschaften. „Der Gewinn bleibt im Unternehmen und wird investiert oder wir unterstützen soziale Projekte.“ Deshalb erwägen sie, demnächst die GmbH in eine Stiftung zu überführen, damit auch künftig keine Gewinne entnommen werden.

Gibt es keinen Haken? Sie würden gerne noch nachhaltiger arbeiten. Aber trotz aller Bemühungen lässt sich die Lieferkette nicht bis zum Ende nachvollziehen. Auch wenn Shift im jüngsten Wirkungsbericht detailliert auflistet, wo die Teile bezogen werden. „Die Lieferkette ist einfach zu lang“, sagt Samuel Waldeck.

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Erstellt:
3. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Juni 2019, 06:00 Uhr

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