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Narren lauschten der Predigt des Vikars Timo Weber
Ein Hauch von Venedig nach der Narrenmesse. Bilder: Groebe
„Do siehscht bloß no rot“

Narren lauschten der Predigt des Vikars Timo Weber

Der Kenner geht samstags in die Zunftmesse und lässt sich dann vom Strom der Laufgruppen auf den Marktplatz treiben. Auch dieses Jahr entwickelte sich so eine bunte Straßenfasnet.

15.02.2010
  • walther puza

Rottenburg. Ob an die Kirchenrückwand gelehnt, an die Orgel oder die Seitenaltäre, irgendwo fand der letzte gläubige Narr noch ein Plätzchen. Gestopft voll und bunt zeigte sich am Fasnets-Samstagnachmittag die Morizkirche.

Dort erklärte der frühere Domdiakon und jetzige Vikar im Heilig-Kreuz-Münster von Schwäbisch Gmünd: „Bevor das bunte Narrentreiben weiter geht, ist es eine gute Tradition, sich hier auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ Als Lesung hatte er das Hohelied der Liebe aus dem ersten Korintherbrief gewählt: „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“

„Es gilt mit dem Herza zu schaua / ond Oberflächlichkeita abzubaua!“, sagte Weber in seiner Predigt und blickte närrisch auf das vergangene Jahr zurück. „Wer in der Metropole Rom gewohnet, / et in der Provinz am Neckar thronet“, zitierte er Rottenburgs Ehrenbürger Walter Kardinal Kasper, der im Frühjahr zu Besuch am Neckar war, aber nicht sein Altersteil hier sucht. Fazit: „No guat, no bleibsch in Rom, mir bleibet do! Ons g'fällts nirgends anderst wo!“

Denn Fasnet gebe es in Rom keine: „Do siehscht bloß no rot / mit dem große Kardinalsaufgebot! / Ond mo frogt sich manchmal scho im Stille: / Isch älles, was aus Rom kommt, Gottes Wille?“ Applaus. Für Herzlichkeit und Liebe fand sich manch überraschendes Beispiel direkt in Rottenburg. Nach Jahren steht der Narrenbrunnen, und „au do hängt Herzblut dran.“

Ganz grundsätzlich betrachtete Weber, wie der Einzelne sich der Herzlichkeit und Liebe nähern könne, die Jesus vorgelebt hat: „Als erster Schritt, do musch dafür / au gucka in Dei eig'ne Herzenstür!“ Es gelte zu erkennen, selbst ein wertvoller Mensch zu sein, dass „i mi voll und ganz akzeptier' / ond mi net bloß uff meine Fehler konzentrier'“.

Und dann könnte jeder auch „das Leba feiern / ond et nur om Probleme eiern.“ Wenig Verständnis brachte der Vikar daher für die OB-Wahl-Anfechtung auf, wo doch die Problemlösung im Händereichen liege. „Statt 2010 rutscht dia Uhr auf 00 / drom hat dia Glock et g'wisst, was sie macha soll!“ So geschah es nach Silvester, als keine der Rottenburger Kirchen das neue Jahr einläuten wollte. Aber: „So reichet die beide Kirche über d'Neckar ihre Händ / weil St. Martin ond St. Moriz solidarisch send!“

Genau so reiche Gott Tag für Tag den Menschen seine Hand. Ein Funken, der ohne weiteres von Gott auf die Menschen überspringen könne, so dass auch im Menschen Herzlichkeit und Liebe brennen: „Tuat öfters diesen Liebesfunka nach oba kramen / dann isch's Leba lebenswert! Amen!“

In der Morizkirche fanden die Worte Webers großen Anklang. Passend dazu der Gräfin Mechthild Fürbitte, jeder möge über die Fasnet beim anderen ein Leuchten in die Augen und ein Lachen auf die Lippen zaubern.

Bevor die Narren das auf der Straße gerne machten, sangen sie noch begleitet von Toni Aicher und der Ahlandkapelle und ließen die frisch renovierte Fahne der Narrenzunft Rottenburg segnen. „Der Narr war schon immer das Salz dieser Welt“, zitierte Clemens Fuchs „De Höhner“, dann ging es los. Ein ziemlich langer Zug machte sich auf gen Marktplatz.

Die Laufgruppe Uricher immunisierte mittels Schluckimpfung „gegen alles was de bloget“. Sei es „a bees Maul, O'vernunft, kalte Fiaß.“ Die Laufgruppe Edelmann setzte dagegen aufs Glücksspiel. „Die Fasnet ist die letzte Chance auf die Schweinegrippe“, war an ihrem Pokertisch im Casino Royal zu hören. Drei Päckchen wandelnder Tempo-Taschentücher hätten vielleicht fürs erste gereicht.

Nicht nur warm hatte es eine Gruppe von Eskimos. „Der die Robbe fängt“ und „Die die Robbe kocht“ schienen gesund genährt. Schwarzwurst lautete vielerorts das Zauberwort. Am Spiegeltisch einer Schneewittchen-Laufgruppe („Die Schönsten im ganzen Land“) gab es mehrere Ringe davon, auch bei einer „Bio-Hexe“ – die Warzen im Gesicht seien ihr also nachzusehen – gab es dicke Rädle davon. Und sogar „to go“ verschenkte die Laufgruppe Eckes Edelkirsch mit Sahne und Gummibärchen jene nahrhafte Wurst. Die mit dem langen Namen hatten sich nämlich als Dosenwürste verkleidet und sogar einen Herren in der Senftube zum Würzen dabei.

Der Oberbürgermeister zog als Christbaum vom Ehinger Platz hinüber auf die Rottenburger Seite. Die Kakteen Mammillaria folgten ihm – ebenfalls in grün, aber stechend. Einige Rotgewandete hatten Feuerlöscher dabei, wollten damit aber nicht den Funken der Liebe löschen. Ein halbes Dutzend Familien fuhr im Drachenboot vor, einige Jungs gar mit dem Yellow Submarine. Fallschirmspringer der Laufgruppe Jäger aus dem Lindele-Ost transportierten den Narrensamen im Doppeldecker. Das Bankhaus St. Moriz („Wir verkaufen alle Ihre Bankdaten“) wunderte sich schließlich über wenige Selbstanzeigen. Vermutung: In alter Verbundenheit lagert das Rottenburger Geld gar nicht in der Schweiz, sondern in der Ex-Heimat Österreich.

Narren lauschten der Predigt des Vikars Timo Weber
Irgendwo fanden alle noch ein Plätzchen.

Narren lauschten der Predigt des Vikars Timo Weber
Zum Bersten voll war die Morizkirche. Im Vordergrund Karl Eggenweiler, seit 40 Jahren als Kräuterhexe der Narrenzunft Rottenburg unterwegs, beim Lesen einer Fürbitte.

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15.02.2010, 12:00 Uhr

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