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Leitartikel zum Krieg um Aleppo

Nationale Tragödie

Die ganze Welt schaut auf Aleppo – die einen entsetzt, die anderen triumphierend. Erstmals seit vier Jahren stehen das syrische Regime, Russland und Irans Milizen kurz davor, den Bürgerkrieg zu ihren Gunsten zu wenden. Gleichzeitig wird Aleppo zum Symbol für die barbarische Unversöhnlichkeit des nahezu sechs Jahre dauernden Kriegs.

12.12.2016
  • Martin Gehlen

Kairo.

Kein Wunder, dass sich der Blick zuletzt immer mehr verengte auf das Schicksal dieser Stadt. Das größere Bild dagegen verblasst – die nationale syrische Tragödie, die bisher weit mehr als 300 000 Menschen das Leben gekostet und Millionen zu Flüchtlingen gemacht hat.

Vergessen ist auch, wie der Konflikt einst friedlich begann. Hunderttausende Bürger hatten nach 40 Jahren Diktatur die Herrschaft des Assad-Clans satt, der das Land ausplünderte. Syrien war vor dem Arabischen Frühling und ist bis heute einer der härtesten Polizeistaaten. Mindestens 17 000 Menschen wurden laut Amnesty International seit März 2011 zu Tode gequält – durch einen Staatsapparat, der vor keiner Bestialität zurückschreckt. An diesem Grundübel hat sich nichts geändert – und so wird es auch nach Aleppo ohne einen wirklichen Machtkompromiss zwischen dem Regime und der moderaten aufständischen Bevölkerung keinen Frieden geben.

Dagegen glauben die Machthaber in Damaskus, dass sich ihr Staat durch Bombenteppiche und Polizeiwillkür zusammenflicken lässt. Vom ersten Tag an verunglimpften Assads Getreue alle Demonstranten als Terroristen. So eskalierte die ungleiche innersyrische Konfrontation zu einem regionalen und globalen Konflikt. Die Golfstaaten mit Saudi-Arabien an der Spitze sahen ihre Chance gekommen, das Iran-freundliche Assad-Regime aus dem Sattel zu heben, und begannen, salafistische Brigaden aufzurüsten. Die Türkei schleuste abertausende Dschihadisten und Waffen für den „Islamischen Staat“ ins Nachbarland. Der syrische Diktator ließ sämtliche Extremisten aus den Gefängnissen laufen, die sein Regime aus dem Post-Saddam-Irak verhaftet hatte. Als Folge entwickelte sich der Bürgerkrieg immer mehr in Richtung des Assad-Narrativs von einem apokalyptischen Kampf zwischen einem säkularen Regime und radikalen Terrorzerstörern.

Die Zivilbevölkerung aber wird rücksichtslos zermahlen und das moderate Lager dezimiert. Die meisten oppositionellen Politiker, Diplomaten, Kleriker, Bürgerrechtler und Offiziere sind von der Bühne verschwunden, leben in der Diaspora oder als Flüchtlinge in den umliegenden Staaten – uneinig, zerstritten und vom Schlachtenlärm erstickt, während die Al-Nusra-Front und „Islamischer Staat“ das Geschehen dominieren.

Ohne die Rückkehr zu einem politischen Prozess jedoch wird es kein Ende des Blutvergießens und keinen international finanzierten Wiederaufbau des Landes geben. Stattdessen drohen Syrien ein weiteres Zerbröseln des Assad-Reststaates und ein chronischer Guerillakrieg. Das weiß die Führung in Moskau, doch davon will das siegestrunkene Regime in Damaskus nichts hören.

leitartikel@swp.de

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12.12.2016, 06:00 Uhr

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