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Nicht mit Heil Hitler gegrüßt

Nationalsozialismus-Ausstellung: Zeitzeugen meldeten sich

Am Sonntag berichteten in der Zehntscheuer Ausstellungsmacher, Autoren und Zeitzeugen über neuere Forschungsergebnisse und persönliche Erinnerungen.

02.03.2010
  • frank rumpel

Rottenburg. In ihrer gemeinsamen Ausstellung präsentieren das Stadtarchiv und das Diözesanarchiv in der Zehntscheuer gerade die kleineren, bisher nicht oder kaum bearbeiteten Themen, betonte Stadtarchivar Peter Ehrmann am Sonntagnachmittag vor 25 Besucher/innen. Deshalb spare man diesmal bewusst Themen wie die jüdische Gemeinde in Baisingen, Eugen Bolz oder Bischof Iohannes Baptista Sproll aus.

Zu diesen weniger bekannten Persönlichkeiten zählte Ehrmann etwa den Journalisten Fritz Kiefer, der 1927 zur „Rottenburger Zeitung“ kam und dort in der Rubrik „Ungeschickte Fragen – notwendige Feststellungen“ gegen den Nationalsozialismus anschrieb. „Und der Mann konnte schreiben“, sagte Ehrmann.

Nach der Machtübernahme der Nazis wurde es für Kiefer allerdings unangenehm. Alt-Oberbürgermeister Winfried Löffler, dessen Eltern mit Kiefer befreundet waren, berichtete, dass Jugendliche 1933 vor Kiefers Haus einen Galgen aufgebaut hätten. 1934 wanderte Kiefer mit seiner Familie nach Brasilien aus, wo er 1969 starb.

Im Zuge der Ausstellung meldete sich eine Nichte Kiefers, lieferte etliche Bilder und genauere Informationen. Wenigstens einmal, sagte Löffler, war Kiefer nochmals in Rottenburg. „Das muss Ende der 50er Jahre gewesen sein. Damals hat er meine Eltern auch besucht.“ Für Ehrmann ist Kiefer „des Erinnerns äußerst würdig. Den würde ich als Namenspatron für das Zweite Städtische Gymnasium vorschlagen.“

Wilhelm Seeger war von 1933 bis 1945 Bürgermeister von Rottenburg. Etliche Rottenburger können sich noch an ihn erinnern. „Er soll ein engagierter brauner Mensch gewesen sein“, sagte Ehrmann. So berichtete Annemarie Ittmann von einem Erlebnis im Jahr 1942. Damals arbeitete sie als 17-jährige nach ihrem Abschluss an der Handelsschule in St. Klara eine Zeit lang im Rathaus und grüßte ihre Kollegin dort stets mit „Guten Morgen“. Das trugen die Pedellen wohl Seeger zu. Der bestellte die 17-Jährige in sein Büro und drohte ihr, wenn sie nicht „Heil Hitler“ sage, werde er sie für die Luftwaffenhelferinnen an der Front frei stellen.

Alt-OB Löffler konnte von einem Erlebnis aus dem Jahr 1945, zwei Tage vor dem Einmarsch der Franzosen berichten. „Seeger wollte mich damals erschießen lassen“, sagte er. Damals habe ihm die SS vormittags an der Keplerbrücke sein Fahrrad konfisziert. Durch Intervention seines Vaters durfte er es am Nachmittag im Schadenweiler Hof wieder abholen. „Als ich da hoch kam, standen im Hof Hunderte von Fahrrädern. Ich habe meines nicht gefunden, wusste aber, dass ich nicht lange fackeln durfte und habe eben eines genommen.“

Kurz darauf sah er am Marktplatzbrunnen sein eigenes lehnen. Er wollte es holen, wurde aber von Seeger, der dort mit einigen Leuten stand, aufgehalten. Der Bürgermeister drohte dem jungen Löffler, wenn er das Fahrrad nicht abgebe, werde er erschossen. „Auch das war Seeger“, sagte Löffler.

Ursula Kuttler-Merz sprach über die Jugendorganisationen in Rottenburg. Thomas Oschmann, Mitarbeiter im Diözesanarchiv, erinnerte an die beiden Pfarrer Franz Eggers (Schwalldorf) und Hermann Aichs (Hemmendorf), die für ihre Kritik an den Nazis bestraft wurden.

Im Gegensatz zu diesen beiden probte der Dettinger Pfarrer Eugen Kottmann „den aktiven Widerstand gegen die Nazis“. Oschmann: „Er konnte von Glück reden, dass er die Gemeinde hinter sich stehen hatte.“ Braune Priester übrigens, die aktiv NS-Ideologie verbreiteten, gab es im Dekanat Rottenburg nach bisherigem Kenntnisstand wohl nicht.

Bisher haben sich, anders als von den Veranstaltern erhofft, nur wenige Zeitzeugen gemeldet. „Mir fällt auf“, sagte Ehrmann, „dass hier etliche, die diese Zeit erlebt und sich nichts zu Schulden haben kommen lassen, schnell ihren Frieden damit gemacht haben.“ Interessant, sagte Ehrmann etwa mit Blick auf den NS-Gemeinderat Karl Müller, den die Rottenburger 1954 zum Bürgermeister wählten, wäre eine weitere Ausstellung über den nachträglichen Umgang mit dem so genannten Dritten Reich.

Der Begleitband zur Ausstellung hat 288 Seiten und kostet 19,90 Euro: „Rottenburg im Nationalsozialismus. Von der Machtergreifung zum Kriegsbeginn 1933-1939“. Herausgegeben vom Sülchgauer Altertumsverein (Der Sülchgau, Band 52/53).

Nationalsozialismus-Ausstellung: Zeitzeugen meldeten sich
Großer Andrang herrschte bei der Eröffnung im September; seither kamen etwa 500 Besucher.

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02.03.2010, 12:00 Uhr

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