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Wissenschaft und Verbrechen

Nationalsozialistische Erforschung der „Judenfrage“

Wenig beachtet in der historischen Forschung: Die strukturelle Neuausrichtung der Universität im Dritten Reich auf die Rassenkunde und die so genannte „Judenforschung“. Darüber referierte am Montag Dr. Horst Junginger.

23.10.2010
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. „Es dauerte nur wenige Jahre, bis die Universität für sich in Anspruch nahm, auf diesem neuen Forschungsgebiet einen Spitzenplatz einzunehmen“, leitete Horst Junginger seinen Vortrag ein. Er bezog deren antisemitischen Ziele auch auf die zunehmend rabiater gewordene staatliche Judenpolitik. Für Theorie und Praxis präsentierte der Religionswissenschaftler Exponenten, die aus der Eberhard-Karls-Universität hervorgegangen waren.

Erforschung der „Judenfrage“, erläuterte der Referent seinen knapp 200 Zuhörern im Kupferbau, muss übersetzt werden als „Kampf gegen das Judentum auf dem Gebiet und mit den Methoden der Wissenschaft“. Dafür stand beispielsweise der protestantische Neutestamentler Prof. Gerhard Kittel, der von Sommer 1933 an offen für die NS-Rassengesetzgebung Partei nahm und das Judentum als Gift für den „Volkskörper“ bezeichnete.

Kittel engagierte sich mit seinen judenfeindlichen Thesen auf vielen Ebenen auch außerhalb der Universität. Mit seinem Schüler Karl Georg Kuhn, der am 1. April 1933 von der Kanzel des Tübinger Rathauses herab die offizielle Boykottrede der örtlichen NSDAP gegen jüdische Geschäftsleute gehalten hatte, und dem Philosophen Max Wundt wirkte er an der „Forschungsabteilung Judenfrage des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschland“ mit, das eng mit der SS kooperierte.

Mit seinem einschlägigen Expertenwissen beteiligte er sich an mehreren Propagandaausstellungen, darunter auch 1937 an der Münchner Ausstellung „Der ewige Jude“, in der die „halbmenschliche Abartigkeit“ und Andersartigkeit der jüdischen Bevölkerung wissenschaftlich dargestellt und somit bewiesen werden sollte.

Vom Volksgerichtshof ließ er sich sogar als Gutachter in einem Schauprozess gegen Herschel Grynszpan gewinnen, der am 7. November 1938 in Paris den deutschen Legationssekretär erschossen hatte. Kittels Weisheit letzter Schluss: Grynszpan sei aus seiner talmudischen Gesinnung heraus zum Mörder geworden.

Kittels Schüler Kuhn, seit 1942 in Tübingen außerordentlicher Professor, beteiligte sich am Raub talmudischer Handschriften und Bibliotheken in Polen. Kuhn war von dem Anglisten Carl August Weber für eine Professur zum Studium der „Judenfrage“ vorgeschlagen worden. Durch Kittel, Kuhn und Wundt sah Weber die Tübinger Universität „führend geworden in der wissenschaftlichen Erforschung der weltanschaulich und rassenpolitisch bedeutungsvollen Judenfrage“.

Die Bekämpfung der Juden radikalisierte sich mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen und dem damit begonnenen Zweiten Weltkrieg. Junginger zählte eine Reihe von Exekutoren des Judenmords auf, die an der Tübinger Universität studiert hatten. Unter anderen nannte er Führer von Einsatzgruppen der SS, die zusammen mehrere hunderttausend Juden im Baltikum und in der Sowjetunion erschossen.

Dazu gehörten etwa der erst kürzlich hochbetagt gestorbene Martin Sandberger, Erich Ehrlinger, Franz Stahlecker, Eugen Steimle, Albert Rapp. Sie seien „weltanschaulich gefestigte Überzeugungstäter“ gewesen, so Horst Junginger. Sie mussten nicht eigens von der nationalsozialistischen Judenpolitik überzeugt werden.

Die „Judenforschung“ habe wesentlich dazu beigetragen, antisemitische Ressentiments ideologisch zu verfestigen. Junginger: „Bei ihrer Interpretation der Rasse und Religion des jüdischen Volkes konnten die Tübinger Judenforscher an eine Tradition akademischer Judenfeindschaft anknüpfen, die in Tübingen wie wohl an keiner zweiten deutschen Universität ausgeprägt war.“

Uni im Nationalsozialismus

Der Vortragsabend war zugleich öffentliche Präsentation eines Sammelbandes, den Horst Junginger mitherausgegeben hat: „Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus“. Franz Steiner Verlag,, 1136 Seiten, 99 Euro.

Nationalsozialistische Erforschung der „Judenfrage“
Horst Junginger

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23.10.2010, 12:00 Uhr

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