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Naturvielfalt von Weingarten / Brühl muss gefördert werden
Das Feuchtgebiet, in dem das kleine Brühlbächle versickerte, wurde bei der Flurbereinigung trocken gelegt und ein schöner Brunnen gebaut. Seitdem gibt es aber keine Köcherfliegenlarven und Bachflohkrebse mehr.
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Naturvielfalt von Weingarten / Brühl muss gefördert werden

Eine der schönsten Aussichten auf den Ortskern von Empfingen hat man vom Höhenzug des Weingartens. Ein alter Traum ist, dort einmal bauen zu dürfen. Gegenüber nachfolgenden Generationen sollte es aber eine Verpflichtung sein, lieber den Erhalt der ökologischen Vielfalt des Gebietes Weingarten / Brühl anzustreben und sogar zu fördern.

14.06.2014
  • WERNER BAIKER

Empfingen. Im Bereich Weingarten / Brühl, der sich vom Weiherplatz ab dem Bereich Kendlisbrunnen / Spitzweg-Apotheke bis zum Grillplatz an der Wehrsteiner Straße hoch erstreckt, findet sich ein Gebiet mit Baumgärten, Streuobstwiesen, einer Quelle und verschiedener Wiesenflächen mit unterschiedlicher Bodenbeschaffenheit, die einer schönen Anzahl von Wiesenblumen und Wildkräutern einen Lebensraum bieten. In den alten Obstbäumen ist der Grünspecht zuhause und im Winter halten sich dort Bergfinken auf. Ein Bussardpärchen nützt die Thermik aus und dreht seine Kreise über dieser grünen Landschaft. Für die Turmfalken, die in einer Nische des Kirchturms brüten, liegt das Jagdgebiet quasi vor der Haustüre.

Auf den Blumenwiesen summen die Honigbienen, auch verschiedene Wildbienen suchen die Blüten auf. In den „Kirschengärten“ entdeckt man unzählige Hummeln, die dort den reichhaltigen Wiesensalbei schätzen und an einer Pfütze am Wiesenweg klauben einige Mehlschwalben den „Dreck“ mit den Schnäbeln zusammen und fliegen damit zu ihren Nest-Baustellen an den Häusern im Ortskern. Ein Rotschwanz hat in der Nähe der Brühlquelle ein Insekt erbeutet und Meister Lampe, der Feldhase, nimmt erschrocken Reißaus. Er rennt den Hang empor, an dem heute noch erkennbar ist, dass er eine Terrasse der früheren Weinbaufläche war.

Halbtrockenrasen mit Salbei-Glatthaferwiese

Wo der Feldhase empor flüchtete, versteckt und etwas weiter entfernt vom geteerten Flurbereinigungsweg, tut sich plötzlich ein wunderschöner Blick auf. Eine bunte Wiese mit tausenden von Blumen. Zuerst begeistern die leuchtenden Margeriten, die viel zarter aussehen, als in gedüngter Rasenfläche. Schaut man genauer in die Wiese, sticht plötzlich der lila Wiesen-Salbei hervor und die blaue Glockenblume. Einige gelbe Blumen, die man von der Kindheit nur als „Habermark“ und Butterblumen kennt, leben ebenfalls in dieser Gesellschaft.

Das bedeutet jedoch noch lange nicht das Ende der botanischen Aufzählung› Zahlreiche Blüten kennt man nicht und muss sie erst einmal anhand eines „Kosmos-Naturführers“ oder über „Wikipedia“ identifizieren. Die Weingarten- und Brühlwiesen enthalten vielerlei Pflanzen, die zeigen, dass dort eine Anzahl unterschiedlicher Wiesenarten beheimatet sind.

Das auffälligste davon sind die Salbei-Glatthaferwiesen (Salvio-Arrhenatheretum), die sich an den Hängen des Weingartens befinden. Zu deren typischen Pflanzenarten zählen Wiesen-Salbei, Hornklee, Glockenblume, Wiesen-Flockenblume, der Klappertopf, Schafgarbe, Margerite, Wiesen-Bocksbart und Knöllchen-Steinbrech. Diese gedeihen in trockenen, kalkreichen Hanglagen. Im Weingarten sind sie alle zuhause. Mit bis zu 60 vorkommenden Pflanzenarten auf 25 Quadratmetern ist dieser Wiesentyp sehr artenreich und einer der vielfältigsten Lebensräume für Vögel und Insekten.

Leider verschwanden viele solcher Flächen landesweit durch die Intensivierung der Grünflächen durch die moderne Landwirtschaft immer mehr. Im Weingarten findet der Aufmerksame sogar den Wiesenthymian. Der erzeugt an heißen Tagen einen Duft der an den Urlaub am Mittelmeer erinnert. Früher an mehreren Stellen der Weingartenhänge zu finden, duftet er dieses Jahr nur noch an einer Stelle. Der Hang war bis vor wenigen Jahren auch die Heimat einer seltenen Orchideenart aus der Familie des Knabenkrautes.

Biologisch wertvoll oder nur Grünzeug?

Was für den einen nur Grünzeug ist, kann für den anderen so spannend werden, dass er sich ärgert, keine Ausbildung als Botaniker oder Biologe zu besitzen. Einiges kann man als Laie einfach nicht beurteilen. So wäre es für das Gewann vorteilhaft, wenn ein Biologe oder Botaniker dieses „Quartier“ der biologischen Vielfalt in Augenschein nähme, den Bestand kartografieren und ihn im Vergleich zum landesweiten Bestand einstufen würde. Eine klare objektive Sicht beugt Überschätzung ebenso vor, wie der Vernachlässigung und dient als Hilfe und Entscheidungsgrundlage bei der zukünftigen Frage was den nachfolgenden Generationen an ökologischen Werten auf der Empfinger Gemarkung gesichert wird.

Streuobst ist überaus wertvoll

Die Bedeutung der Streuobstwiesen wurde schon vom ehemaligen Minister für den ländlichen Raum, Peter Hauk (CDU), im Jahre 2009 erkannt und hat mit Förderhilfen in manchen Gegenden Baden-Württembergs dazu geführt, das diese als Projekt zu Streuobstparadiesen aufgewertet wurden.

Um Empfingen herum forderte die Baulandgewinnung im Laufe der Jahre ihren Tribut. Alle wesentlichen Teile des Streuobstgürtels um den Ort herum sind Vergangenheit. Wie viele der einst über 3000 Obstbäume nicht mehr stehen, das hat bisher noch niemand ermittelt.

Als letzte größere zusammenhängende Streuobstfläche bleibt der Weingarten/Brühl. Durch den „Sprung“ der Baulandplanung auf die rechte Seite der Fischinger Straße mit 30 geplanten weiteren Bauplätzen dürften nachhaltige ökologische Auswirkungen auf diesen „Restbestand“ zukommen. Dazu bedarf es einer objektiven Beurteilung eines neutralen Experten. Niemand hat bisher auch den Überblick, welche alten Obstarten noch in den Gärten und Obstwiesen dieser alten Kulturlandschaft vorhanden sein könnten. Vielleicht wäre auch der eine oder andere Eigentümer, der sein Grundstück pflegt, dankbar für eine Unterstützung. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, diese Landschaft aufzuwerten, die in viele Privat-Parzellen aufgeteilt ist.

Zum Ausgleich des Ökokontos, für das die Gemeinde bei Bauland und sonstigen Eingriffen in die Natur verpflichtet ist, wäre auch eine Förderung der Pflege und Neupflanzung von Obstbäumen in so einem Streuobstgebiet möglich. Das würde die Privatbesitzer unterstützen und gleichzeitig beim Ökokonto der Gemeinde kräftig „punkten“. Ganzheitlich gesehen wäre es ein Beitrag zur Stabilisierung eines solchen ökologischen „Quartiers“ und eine klare Botschaft den Besitzern gegenüber. Neue „Quartiere“ für den Hausbau werden für die Gemeinde immer schwerer durchsetzbar, da landesweit durch Verordnungen gegen den Flächenverbrauch eingeschritten wird.

Das eine tun, das andere nicht lassen

Beim Projekt „Empfingen 2025“ machten sich die Bürger Gedanken über die Zukunft ihres Ortes, damit dieser für künftige Generationen lebenswert ist. Auf neues Bauland will niemand verzichten. In den nächsten Jahren wird sich aber der neue Gemeinderat aus gegebenem Anlass dem Thema mit einem anderem Blickwinkel zuwenden müssen, um alternative Lösungen bei Bauland zu finden. Vielleicht entstehen dabei nachhaltige Vorschläge, die eine Einengung des Bereichs Weingarten/Brühl durch 30 Bauplätze verzichtbar macht.

Entscheidungen der Vergangenheit, wie die Ablehnung dieser Kulturlandschaft als Landschaftsschutzgebiet oder die Trockenlegung des ehemaligen Feuchtgebietes bei der Brühlquelle müssen unter Anwendung des heutigen Wissenstandes neu überprüft werden, denn die Erhaltung einer von Natur aus vernetzten großräumigen Biotopfläche dürfte ebenso wichtig sein wie die Vernetzung wesentlich kleinerer Biotope auf der sonstigen Gemarkungsfläche.

Vielleicht sieht man dann irgendwann auch mal wieder den Wiedehopf, denn dieser Vogel soll laut Erzählung im Weingarten gelebt haben.

Naturvielfalt von Weingarten / Brühl muss gefördert werden
Nicht nur sehr schön, auch ein Lebensraum für Insekten und Vögel, sind die Salbei-Glatthaferwiesen, wie sie noch im Weingarten zu finden sind. Und früher holten die Frauen im Weingarten und den Kirschengärten ihre Blumen für die Teppiche der Fronleichnamsprozession.Bilder: wbr

Naturvielfalt von Weingarten / Brühl muss gefördert werden
Die Hänge des Weingartens bieten durch ihre Widerhitze und magere Böden einen Lebensraum für mediterran duftende Pflanzen, hier dem Wiesen-Thymian.

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14.06.2014, 12:00 Uhr

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