Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Hinten hui, vorne pfui

Nazi-Auftragsmaler porträtierte Wehrmachtssoldaten auf einer Thora

Die Schändung einer Thora ist kein Angriff auf einen Gegenstand, sondern ein Stich gegen das Judentum. Ein Zufallsfund in einer Tübinger Wohnung demonstriert den alltäglichen Antisemitismus im Nationalsozialismus.

04.06.2011
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. Der plötzliche Tod seines Mieters, eines alleinstehenden Rentners, konfrontierte den Tübinger Religionslehrer Helmut Schneck mit einem kuriosen Beispiel der Judenfeindschaft im Nationalsozialismus. Schneck selbst musste die Wohnung auflösen, Ihm waren schon früher zwei ungewöhnliche Porträtbilder an der Wohnzimmerwand aufgefallen. Aber als er sie jetzt, durch den Nachlasspfleger veranlasst, vom Haken nahm, erschrak er zutiefst. Er hatte beim Blick auf die Rückseite der Porträts entdeckt, dass sie auf die zerschnittenen Fragmente einer Thorarolle gemalt waren.

Der Religionslehrer will nicht einfach die Vergangenheit entsorgen, sondern verantwortlich damit umgehen. Also hat er damit begonnen, die Geschichte dieser beiden Bilder zu erforschen. Er fragt sich, welcher Maler es gewesen sein könnte, der ausgerechnet Stücke einer Thora als Leinwand zweckentfremdete. Aus dem genaueren Studium der beiden Fragmente weiß Schneck mittlerweile, dass sie der Unbekannte aus einem fortlaufenden Text entnommen hat; denn beide Rückseiten enthalten Auszüge aus dem Buch Exodus, das weibliche Porträt aus dem Kapitel 34 und das männliche aus dem Kapitel 38. Es könnten auf die fehlenden Thorateile noch weitere Porträts gepinselt worden sein, vielleicht in Serie von einem Auftragsmaler. Die Fotovorlagen der beiden Ölbilder sind sogar erhalten.

Nazi-Auftragsmaler porträtierte Wehrmachtssoldaten auf einer Thora
Helmut Schneck mit einem von zwei Funden, die er nach dem Tod seines Mieters machte. Die Rückseite eines Ölbildes zeigt das Stück einer zerschnittenen Thorarolle, auf die das Porträt eines Wehrmachtssoldaten (siehe Spiegel-Bild und unten auf der Seite) gepinselt wurde. Ein zweites Ölbild zeigt dessen Ehefrau.Bild: Metz

Die Bilder zeigen die Eltern des Verstorbenen, den Elektromeister Alfred Mayer in Wehrmachtsuniform und seine Frau Hedwig. Der am 2. Oktober 1910 in Stuttgart geboren Elektriker betrieb mit seinem Bruder Fritz in der Hirschgasse ein Geschäft und wurde vermutlich zu Kriegsbeginn Soldat. Zunächst war er in Frankreich stationiert, im Sommer 1941 wurde er in Dortmund bei der Bewachung von Kriegsgefangenen eingesetzt. Der deutsche Angriff gegen die Sowjetunion brachte ihn längere Zeit nach Charkow, danach war er auf der Peleponnes und an weiteren Kriegsplätzen. Das Bändchen am zweiten Uniformknopf deutet auf das Kriegsverdienstkreuz, das ihm am 1. März 1942 ausgehändigt wurde und das als ungefährer Anhaltspunkt für die Datierung des Bildes dienen kann.

Hat womöglich er die Thorarolle dem Maler gebracht? Und überhaupt: Woher stammt sie? Ist sie Raubgut aus Osteuropa? Oder kommt sie – Alfred Mayers Eltern wohnten nicht weit davon entfernt – aus der 1938 von Nazis zerstörten Tübinger Synagoge?

Nazi-Auftragsmaler porträtierte Wehrmachtssoldaten auf einer Thora
Alfred Mayer Bild: Metz

Helmut Schneck betrachtet die beiden Thorafragmente mit großer Ehrfurcht. Er weiß um die Bedeutung der Thora als einem Kern des jüdischen Glaubens. Der jüdische Religionswissenschaftler Joseph Rothschild erzählte ihm, dass sie im Mittelpunkt des Feiertages Schawuot steht, der nächsten Mittwoch im jüdischen Kalender steht. Und weil religiösen Juden eine Thora immer heilig ist, wird sie nach Gebrauch begraben – auch eine geschändete. Ausnahmen, beispielsweise für Ausstellungen, sind aber zulässig.

Helmut Schneck will seine Fundstücke nicht behalten. „Ich sehe meine Rolle als eine Art Vermittler“, sagt er. „Ich möchte den besten Weg finden, wie man damit umgehen soll.“ Er hat schon vielerlei Kontakte geknüpft, und die Kunde ist bereits so weit verbreitet, dass eine Anfrage des Jüdisch-Galizischen Museums aus Krakau kam, ob er die beiden Schand-Taten zeitweise für eine Ausstellung ausleihen würde.

Wer kennt den Maler der Ölbilder? Sind noch weitere solche Beispiele bekannt? Welche Hintergründe können nützlich sein? Hinweise bitte schriftlich an die Redaktion oder per Email an lang@tagblatt.de


Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball