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Neckarschifffahrt auf Schlingerkurs
Eventfahrten boomen, doch der Stuttgarter „Neckarkäpt'n“ Wolfgang Thie vermisst die Laufkundschaft. Foto: Ferdinando Iannone
Saisonstart

Neckarschifffahrt auf Schlingerkurs

Seit 20 Jahren kann man mit dem „Neckarkäpt'n“ Flussfahrten unternehmen. Das soll gefeiert werden. Doch sinkende Kundenzahlen trüben die Stimmung.

29.04.2017
  • BARBARA WOLLNY

Stuttgart. Die Schwaben mögen ihr Wasser, ob jung oder etwas älter“, ist sich der waschechte Hamburger Wolfgang Thie nach zwei Jahrzehnten sicher. Der Chef der Neckarflotte mit dem Kapitänspatent für Große Fahrt manövrierte jahrelang Riesenpötte durch die Weltmeere, bis er vor 20 Jahren als „Neckarkäpt'n“ in Stuttgart dauerhaft vor Anker ging. Seitdem schippert er auf drei Ausflugsschiffen Stuttgarter und Besucher den Neckar hinauf und hinunter – rund zwei Millionen Gäste bisher, so hat er gezählt.

Dabei seien die meisten überrascht, wie schön es am Fluss ist und wie romantisch das Neckarufer vom Schiff aus wirkt. Der Neckar habe eben ein Handicap: Er fließe nicht mitten durch die Stadt wie der Rhein in Köln oder der Main in Frankfurt, sondern sei etwas abgelegen und brauche dafür umso mehr Pflege und Aufmerksamkeit.

„Wir fühlen uns in Stuttgart sehr wohl. Meine Aufgaben als Unternehmer sind so vielseitig, wie ich mir das in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen konnte“, sagt der Kapitän. Am Steuerrad steht er zwar nur noch ein paarmal im Jahr. Dafür korrespondiert er mit städtischen Ämtern, ärgert sich über die verkrauteten Eidechsen-Steinhaufen am Neckardamm und vor allem über die Baustelle am Neckartor.

„Die Laufkundschaft bleibt aus. Wir verkaufen bei den Ein-Stunden-Fahrten 20 Prozent weniger Fahrkarten. Deshalb mussten wir im Februar drei Leute entlassen und unser viertes Schiff verkaufen“, klagt Thie. Den Plan, ein neues, moderneres Schiff anzuschaffen, hat er wegen der unsicheren Perspektiven inzwischen verworfen. Als Hauptgrund für den Besucherrückgang nennt er den durch die S-21-Bauarbeiten und die Großbaustelle am Rosensteintunnel veränderten Zugang zur Schiffsanlegestelle. „Früher kam man immer bei uns vorbei, egal ob man in die Wilhelma, nach Cannstatt, ins Museum oder ins Leuze wollte. Jetzt sitzen wir in einer Sackgasse.“

Dazu kommt, dass die Anlegestelle momentan so wenig einladend ist, dass etwaige Bootstouristen keine Lust verspüren, hier auf das nächste Schiff zu warten. „Früher gab es Sitzgruppen und Parkplätze. Jetzt haben wir gar nichts mehr. Keine Bänke, kein Dach über dem Kopf, keine behindertengerechten Eingänge“, kritisiert Thie. Die Stadt wüsste von den Problemen, aber sei hinterher oder stelle sich quer. Auch die Diskussionen zum Thema „Stadt am Fluss“ seien zäh. „Der Architektenwettbewerb ist erst mal wieder zurückgepfiffen worden, alles wird auf 2021 verschoben, aber das kann so nicht bleiben. Sonst muss ich die Kurzfahrten einstellen“, macht Thie Druck. „Das wird touristisch für Stuttgart ein Verlust.“

Die Neckarfahrten sind fester Bestandteil der Stadtvermarktung der Stuttgarter Tourismus-Organisation. Unter den „Top 10“ Empfehlungen im Internet findet man zwar nichts zur Neckarflotte. Doch „Stadt-Land-Fluss“, so Andrea Gehrlach von der Stuttgart Marketing GmbH, sei ein zentrales Stuttgarter Thema – für Einheimische wie Touristen. Vor zwei Jahren habe man die Zusammenarbeit mit dem „Neckarkäpt'n“ ausgebaut. Seitdem sind Schiffstouren ein Bestandteil der Stuttgart-Card-Angebote. Bei den Bustouren durch die City ist ein Stopp in der Nähe der Schiffsanlegestelle vorgesehen. „Wir haben die Neckarschifffahrt zu 100 Prozent mit drin in unseren Angeboten“, so Gehrlach.

„Die Stadt bedauert die Beeinträchtigungen“, sagt ihr Sprecher Sven Matis. „Das Tiefbauamt legt großen Wert auf einen guten Austausch mit den Anliegern und schaut nach Möglichkeiten, die unvermeidbaren Beeinträchtigungen so gering wie möglich zu halten. Gemeinsam wurden bereits Flächen für zusätzliche Werbemaßnahmen gesucht und gefunden. Die Kollegen vom Tiefbauamt sind weiterhin offen für Gespräche mit Herrn Thie.“

Auch wenn sich Thie um die ausbleibenden Spontankunden sorgt, weil die Schiffe nicht voll werden – Eventfahrten boomen immerhin. Dabei hat das Partyfloss seinen Einsatz, wobei es sich um ein komfortables, mit Holz verkleidetes modernes Schiff handelt. Die Grillparties und All-inclusive-Touren sind teils schon auf Wochen ausverkauft. „Der Tourismus verändert sich“, so Thie. „Wir wollen aber nicht nur Reiseveranstalter sein, sondern weiter vor allem Wasser unterm Kiel haben und Seeleute bleiben.“

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29.04.2017, 06:00 Uhr

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