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Sprechgitter und Steilkurve

Neske-Bibliothek (1): Verlagsgründung nach dem Krieg

Hier veröffentlichten Größen von Jünger bis Jens, von Heidegger bis Hans Mayer: Am 17. April 1951 gründete Günther Neske in Pfullingen den Neske-Verlag. Ein Blick in die Anfangsjahre.

13.08.2010
  • Matthias Reichert

Pfullingen. Mit Fremden durften die Nonnen im Pfullinger Klarissenkloster nur durch ein Sprechgitter sprechen – und das auch nur in Begleitung zweier weiterer Nonnen. Eine Postkarte mit diesem Sprechgitter schickte Verleger Günther Neske Pfingsten 1957 an Paul Celan – die Anregung zu einem der bedeutendsten Lyrik-Bände der deutschen Nachkriegsliteratur: „Sprachgitter“ von 1959. Es gelang Neske freilich nicht, Celan in seinen Verlag einzubauen. 1965 scheiterte der Versuch, Celans Gedichtzyklus „Atemkristalle“ mit Original-Radierungen von Gisèle Celan-Lestrange zu verlegen. Denn der geplante bibliophile Band wäre zu teuer geworden.

Den eigenen Verlag hatte Günther Neske 1951 gegründet. Zuvor war er in den Nachkriegsjahren Kompagnon von Altverleger Otto Reichl, den es von Leipzig nach Schwaben verschlagen hatte. Einer der ersten Autoren war Ernst Jünger, mit dem Neske seit 1939 korrespondierte.

1949 erschienen „Atlantische Fahrt“ und „Auf den Marmorklippen“. Als er sich mit Reichl verkrachte und den eigenen Verlag gründete, fragte Neske Jünger um Rat, wo der Sitz sein solle: Pfullingen oder Tübingen. „Jacke wie Hose“, antwortete der Schriftsteller, „haben Sie gute Sachen, so können Sie die in Pfullingen machen. Machen Sie in Pfullingen nichts, so könnten Sie auch in Berlin sitzen und würden nicht auffallen!“

Vom Flüchtling zum Flieger

Er fiel auf – schon vorher. Neske, 1913 als Beamtensohn in Schwetz an der Weichsel geboren, studiert Theologie, Philosophie und Geschichte in Bethel, Berlin, Tübingen, Göttingen, Basel und Rom, ist Schüler von Karl Barth, Nikolai Hartmann, Carlo Schmid, Helmut Thielicke. Als er 1933 im privaten Kreis denunziert wird, weil er Hitler „des Teufels und Deutschlands Untergang“ nennt, emigriert er in die Schweiz, wo er als Hauslehrer Zuflucht findet und Hesse trifft.

Später gelangt er nach Rom, und widmet sich an der Gregoriana der Kirchengeschichte. Widerständler gegen die Nazis bewegen ihn zur Rückkehr nach Deutschland. Im Krieg wird er Flieger, Nahaufklärer, schließlich Staffelkapitän und Gruppenkommandeur. Das Abenteuer des Fliegens, das Phänomen der „Steilkurve“, bei der der Pilot „mit dem einen Auge den Himmel, mit dem anderen die Erde sieht“, blieb bestimmend für seinen Lebensweg.

„Steilkurve“ – so sollte auch Band eins seiner Autobiografie heißen, für die er in den letzten Lebensjahren Material zusammenstellte. Womöglich lagern noch Fragmente in den zig Nachlass-Kisten bei Sohn Thomas im norddeutschen Niebühl.

Nach dem Krieg nimmt Günther Neske das Studium in Tübingen wieder auf. Er arbeitet an seiner Dissertation über „Das Problem des Todes im Werk Ernst Jüngers“. Der Doktorvater ist Helmut Thielicke. Ein Besuch im ehemaligen Pfullinger Kloster verändert Neskes Leben: Er lernt dort seine Frau kennen, die Pfullinger Textilfabrikanten-Tochter Brigitte Gayle. Sie heiraten 1948, zugleich ergibt sich die Berufsperspektive als Verleger. 1949 kommt Sohn Thomas zur Welt. Die Familie zieht in die Fabrikantenvilla in der Klosterstraße mit Blick aufs alte Kloster. Die beiden oberen Stockwerke werden für die junge Familie ausgebaut. Seit damals wird das Haus liebevoll „Die Arche“ genannt. Bis 1965 ist hier zugleich der Verlagssitz, dann zieht dieser ins Kontorhaus der Firma Knapp.

Mit dem Logo von Grieshaber

Das Logo des neuen Verlags entwirft HAP Grieshaber: ein barockes „N“ aus einem englischen Alphabet, ein Wirbel von Linien und Kurven mit senkrechter Mittelachse. Ehefrau Brigitte hilft als Korrektorin, Lektorin, Einband-Gestalterin und anfangs Texterfasserin, auch ihre Lyrikbände werden hochgelobt. Sie bezeichnet sich selbst als „Hauptverbrecherin in Sachen Neske-Verlag“. Die „Zeit“ schrieb dazu: „Zu einer Zeit, als Buchhüllen zu Recht, nur Schutzumschläge genannt wurden, hatte sie durch kargen Schmuck, große Buchstaben, schwarz oder grün auf gelbweißem Papier, den von diesem großen Kleinverlag herausgebrachten Werken eine Aura geschaffen.“

Neske-Bibliothek (1): Verlagsgründung nach dem Krieg
Das Verleger-Ehepaar Günther und Brigitte Neske Anfang der 1960er-Jahre in Pfullingen.

Neske-Bibliothek (1): Verlagsgründung nach dem Krieg
Die Vignette des Neske-Verlag, Pfullingen.

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13.08.2010, 12:00 Uhr

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