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Fundgrube zur Geschichte der Mössinger Arbeiterkultur

Neuauflage des Generalstreik-Buchs

Da ist nirgends nichts gewesen außer hier. Dieser Satz einer Mössingerin, in dem ein herzensschwerer Seufzer und ein bescheidener, doch tief empfundener Stolz mitschwingt, wurde in den 1980-Jahren zum Titel eines Buches, das nun in einer Neuauflage vorliegt. Tübinger Wissenschaftler machten vor über 30 Jahren das „rote Mössingen“ im Generalstreik gegen Hitler zum Gegenstand einer Untersuchung.

30.08.2012
  • Jürgen Jonas

Neuauflage des Generalstreik-Buchs
Ihm ist die Neuauflage des Buches gewidmet: Jakob Textor, den die Stadt nie offiziell gewürdigt hat. Er war Mitglied im Arbeiterturnverein und gehörte dort der Akrobatengruppe an. Außerdem leitete der erste Mössinger Besitzer eines eigenen Motorrads die Motorradgruppe im Arbeiterradfahrverein.Bild: Archiv Stadtmuseum

Mössingen. Im April 2012 war es 80 Jahre her, dass der Mössinger Jakob Textor auf den Kamin der Mechanischen Weberei Pausa kletterte und die rote Fahne, mit Hammer und Sichel versehen, aufsteckte. So hoch droben, dass keiner der politischen Gegner im Reichstagswahlkampf es ihm gleichzutun wagte, um sie einzuholen. Der Heizer der Firma wurde angewiesen, so stark zu feuern, dass das rote Tuch verbrennen musste.

In diesem Sommer ist im Talheimer Verlag, herausgegeben von dem Tübinger Kulturwissenschaftler Bernd Jürgen Warneken und dem Mössinger Museumsleiter Hermann Berner, das Buch herausgekommen, das vor 30 Jahren im Berliner Rotbuch-Verlag erschienen war. Die erweiterte Neuauflage ist Textor gewidmet, einem der vorneweg Aktiven beim Januar-„Aufstand“ des Jahres 1933.

Teilnehmerstarke, entschlossene Aktion

Der akrobatisch begabte „Schlangenmensch“, der geschätzt war unter seinen Genossen wegen seiner spektakulären Aktionen, ist von der Stadt niemals, auch nicht zu seinem 100. Geburtstag, offiziell gewürdigt worden. Berner hat sein Wirken dargestellt, eine kleine Genugtuung für diejenigen, die das als ungerecht empfinden.

Neuauflage des Generalstreik-Buchs

Eine Neuauflage war längst fällig. Nun ist das Buch schon eine Weile da, war bereits Gegenstand politischer Diskussionen und wird es bleiben, im Kulturherbst und während des nächsten Jahres, in dem sich die Machtübernahme der Nationalsozialisten zum 80. Mal jährt. Die drei Jahrzehnte hat die Untersuchung gut überstanden, die damals von zehn jungen Wissenschaftlern des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts geleistet wurde.

Das Buch unterscheidet sich äußerlich stark von seinem eher leichtgewichtigen Vorgänger, der viel bescheidener daherkam. Papier, Einband und Qualität der Fotos haben sich wesentlich gebessert. Unter der Überschrift „Ein Dorf schreibt deutsche Geschichte“ schildert das Vorwort Warnekens die Arbeit, bei der man „verständnisvoll“, doch „vorurteilsfrei“ vorgegangen sei.

Wer das Buch aufschlage, werde „bald merken, daß es nicht als Heldenepos und nicht als Propagandaschrift angelegt ist, sondern als sozial- und kulturhistorische Investigation“. Seinerzeit hieß das Ziel, zu erkunden, warum eigentlich „eine solche teilnehmerstarke, entschlossene, hellsichtige Aktion nicht in den Zentren der Arbeiterbewegung, nicht an der Spree, an der Elbe, am Rhein, sondern an der Steinlach in einem 4000-Seelen-Dorf am Fuß der Schwäbischen Alb stattfand?“

Dazu breitet die Studie eine Fülle von Material aus, basierend auf Kenntnis der schriftlich vorhandenen Unterlagen, von Pfarrberichten bis zu Flugblättern, und mündlichen Auskünften von Mössingern, die zumeist aktiv am Streikgeschehen beteiligt waren. Die Geschehnisse am Tag des Generalstreiks selber spielen eine eher untergeordnete Rolle. Seine Vorgeschichte und damit die Geschichte der Mössinger Arbeiterkultur sind das eigentliche Thema.

So war und bleibt das Buch eine Fundgrube. Wie kam es zum „halsstarrigen, rebellischen Gesindlein“ im Steinlachtal, wieso konnten Sozialismus und marxistische Theorie Fuß fassen. Wie die Theorie Wirklichkeit wurde, im Sportverein, in der Kommunalpolitik. Die Rolle der Frauen in den politischen Zusammenhängen wird untersucht, auch der Kampf gegen den Paragraphen 218. Oder das Gesundheitsbuch des Hechinger Arztes Friedrich Wolf „Die Natur als Arzt und Helfer“. Wolf war, wie der Nehrener Karl Steimle sagte, „das Idol aller fortschrittlichen Leute im Steinlachtal“. Das Verhältnis der Linken zur Kirche wird beschrieben, ebenso wie das Leben der roten Aktivisten während der braunen Herrschaft.

Der Leser findet rührende Generalstreiksgedichte des Dußlingers Hans Dürr, neu aufgenommen wurde ein Gedicht von Anna Nill, dem selbstbewussten KPD-Mitglied, das nach Amerika ausgewandert war. Die Urteile der Gerichte, mit denen das Land Baden-Württemberg 1954 und 1955 verurteilt wurde, den verurteilten Generalstreikern eine Entschädigung zu zahlen, sind abgedruckt. Worin es heißt, die Mössinger Widerstandsaktion sei „ein Verdienst um das Wohl des deutschen Volkes“ gewesen. Und es findet sich die Rede von Prof. Jürgen Wertheimer, der in der Langgass-Turnhalle der bauernschlauen Generalstreiksbande, den Blechtrommlern, wie er sie nannte, seine Reverenz erwies.

Im Nachwort geht Berner auf die Rezeption der Studie ein, aber auch auf das Buch des Mössingers Paul Gucker, das in seiner Grundsubstanz allerdings keinen Hingucker lohnt. Es hält weder historischen noch juristischen und politischen oder auch sprachlichen Ansprüchen stand.

Sein Ziel sei es gewesen, so Gucker, „die politischen Gegebenheiten so aufzuzeigen, daß dem Leser die Zusammenhänge deutlich werden“. Kilometerweit verfehlt. Seltsam, dass der Mann, nach eigener Aussage doch „überzeugter Antifaschist“, in keiner Weise auf die Tätigkeit der örtlichen Nazis eingeht. Der Name Löwenstein kommt einmal vor, die Zwangsarbeiter bleiben unerwähnt, wer die Frauen und Kinder der Inhaftierten schikanierte, wird verschwiegen. Seine Hauptaussage zum Generalstreik: „Das Ganze liegt im wesentlichen auf derselben Linie wie der Hitlerputsch 1923. Beide Vorhaben waren ungesetzlich und gegen die Verfassung gerichtet.“

Rote Nelken für die Blumenstadt

Der Historiker Dieter Langewiesche meinte dazu im Januar 1987 bei einer Diskussion im Mössinger Feuerwehrhaus, die Frage, ob jemand am 30. Januar 1933 gegen die Auslieferung der Republik an ihre Mörder Widerstand leiste, gehe an der Sache vorbei. Die Hauptfrage heiße vielmehr: Warum leisteten so wenige so früh Widerstand?

Der SPD-Landtagsabgeordnete Karl Weingärtner bescheinigte dem Autor „primitiven Antikommunismus und Legalismus“, er lege „verheerende Maßstäbe an, nicht nur für die Mössinger, sondern für alle“. Unerfindlich sind die Gründe, warum das peinliche Machwerk, wie es hieß, neu aufgelegt werden sollte.

Hoffnungsvoll merkt Warneken an, die Überzeugung, dass zur Identität der Blumenstadt Mössingen auch ein Strauß roter Nelken gehöre, scheine heute mehrheitsfähig zu sein. Die Verleger, Irene Scherer und Welf Schröter, sind deshalb für ihre Arbeit zu loben. Sie schreiben: „Das damalige Verhalten der Mössinger Frauen und Männer, Arbeiter, Bauern und Handwerker war vorbildlich. Die Erinnerung soll zur Ermutigung in der Gegenwart beitragen.“ Sie haben eine Großtat für ein Grundlagenwerk geleistet, das den Rädelsführern um Jakob Stotz, den Ayens, den Maiers, Steinhilbers und wie sie alle hießen, Respekt erweist. Ihre Lehre aus dem Hitlerfaschismus hieß: „Wachsam sein, dass sowas nicht wiederkommt“.

Info: Bernd Jürgen Warneken, Hermann Berner : Da ist nirgends nichts gewesen außer hier, Talheimer Verlag, Mössingen-Talheim, 360 Seiten, 32 Euro.

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30.08.2012, 12:00 Uhr

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