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Stadtmuseumsleiterin Wiebke Ratzeburg

Neue Ausstellungen, neue Konturen, private Freuden

Bei Politikern bilanziert man oft die ersten hundert Tage. Wir halten uns an die 250, die es bei der also gar nicht mehr so neuen Stadtmuseumsleiterin demnächst sind: Wiebke Ratzeburg.

08.09.2012
  • Peter Ertle

Tübingen. „Ratzeburg wie die gleichnamige Stadt“ sagt sie, wenn sie ihren Namen solchen diktiert, die sie noch nicht kennen. In der Tübinger Kulturszene wird man solche Menschen kaum finden. „Ich habe meine Netzwerke geknüpft. Das ist der Vorteil einer kleineren Stadt, dass man alle schnell kennenlernt“, sagt sie. So war es auch in Braunschweig, wo sie von 2000 bis 2004 das Fotomuseum leitete. Sie fühlt sich in solch übersichtlichen Städten wohler als zum Beispiel in Berlin.

Trotzdem beantwortet sie die Frage nach einem Heimatgefühl sofort mit: „Berlin, einfach weil ich da die längste Zeit gelebt habe.“ Auch wohnen die Eltern dort, wenn auch mit teils süddeutschem Hintergrund: Der Vater kommt aus Augsburg. Sieben Jahre lang hat sie in Stuttgart gearbeitet, mit den Schwaben ist sie also vertraut. Die Tübinger seien allerdings nochmal ein anderer Schlag. Intellektueller, empfindlicher. Das liege ihr, einerseits. Andererseits sei es neu für sie. Sie lerne noch.

Sie ist ja mit einigen Zielvorgaben angetreten. Eine davon: Verstärkt Drittmittel einzuwerben. Aber da kommt eine Bilanz zu früh. Vom Antrag bis zur Bewilligung dauert das manchmal ein, eineinhalb Jahre. So lange ist sie noch nicht da. Trotzdem gibt es erfolgreiche Kontakte. Zum Beispiel zur Erika Voelter-Stiftung, die bei der Ausstellung zur Wilhelmvorstadt eine Rolle spiele, eine in naher Zukunft geplante Schau parallel zur Uni-Neugestaltung, in Kooperation mit der Uni. Verstärkt Kooperationen suchen – auch das war eines ihrer Ziele.

Mit der Wilhelmvorstadt sind wir bei zukünftigen Ausstellungen, die noch in der Planungsphase sind. Das gilt auch für eine Schau mit Arbeiten eines Fotokünstlers aus Johannesburg, Thema: sexueller Missbrauch. Es müsse nicht zwingend immer ein Lokalbezug bestehen, findet Ratzeburg. Es gebe keine Statuten, in denen stünde, wie Stadtmuseumsausstellungen auszusehen hätten. Das seien politische Entscheidungen. Sie will zwischendurch auch große, aktuelle Themen aufgreifen, Debatten anstoßen. Über die Einbeziehung der Kliniken im Begleitprogramm dieser Ausstellung ist dann doch wieder Lokalbezug gegeben.

Stichwort Begleitprogramm: Das auszubauen, mehr Informationsveranstaltungen, Familien- und Kinderfreundlichkeit war ein weiterer Punkt auf ihrer Antrittsagenda. Hier geschieht auch enorm viel. Eine Ausstellung pro Saison soll dezidiert auch Kinder ansprechen, hat sich die Mutter zweier Kinder im Vorschul- und Grundschulalter in den Kopf gesetzt. Dieses Jahr wird das die im Dezember eröffnende Schau „Tierisch belebt. Wilde Tiere in Tübingen“ sein, die sich mit unserem Umgang mit Tieren im öffentlichen Raum beschäftigt. „Natürlich freuen mich die Debatten über die Füchse an den Rändern der Stadt“ sagt sie, Tauben, Fledermäuse, Ratten, ein unendliches Thema. Im Begleitprogramm soll von den Tierschützern über Biologen bis hin zu Haustierhaltern die ganze Klientel zu Wort kommen. „Das Stadtmuseum will dabei nicht Stellung beziehen, sondern eine Plattform bieten.“

Insgesamt so um die 20 000 Besucher pro Jahr kommen ins Stadtmuseum, in den Urlaubsmonaten herrsche normalerweise leichte Flaute, nicht so in der aktuellen Zeichenlehrerausstellung. Das liege auch an der Begleitung durch das SCHWÄBISCHE TAGBLATT. Weiß man denn im Kornhaus, wie hoch der Anteil der Touristen und der Einheimischen unter den Besuchern ist? „Wir haben jetzt tatsächlich begonnen, nach der Postleitzahl zu fragen, auch wenn sich einige ausgefragt fühlen“, sagt die Museumsleiterin. Bis die Ergebnisse da sind, wird es noch einige Zeit dauern.

Wiebke Ratzeburg lässt sich gern durch andere Ausstellungen anregen. Zuletzt auf der Documenta, wo sie Arbeiten des Südamerikaners William Kentridge beeindruckten, der unter anderem auch viel mit Schattentheater arbeitet. Jetzt hat sie die Idee, ihn in Zusammenhang mit Lotte Reiniger zu präsentieren. Ein ganz ungelegtes Ei, weiter gediehen ist da schon eine Ausstellung mit historischen Fotografien vom Kriegsbeginn 1914, mit und ohne Lokalbezug, präsentiert

sinnfälligerweise 2014, sicher mit dem Stadtarchiv im Boot.

Die nächste Ausstellung aber (Beginn 15. Oktober) widmet sich Ludwig Uhland. Ist der heute denn noch so interessant? Die Ausstellungsmacherin lacht: „Das ist ja gerade das Interessante an Uhland: Dass man sich mal so für ihn interessiert hat und heute nicht mehr“. Viele Exponate werden aus dem Literaturarchiv Marbach beigesteuert. Das Uhland-Klavier wird natürlich mit von der Partie sein, im Begleitprogramm soll sogar ein Konzert darauf gespielt werden.

Mit den Plänen, das momentan im Haeringhaus befindliche Depot einstmals im restaurierten Güterbahnhof unterzubringen, geht sie vollauf d’accord. Das Depot ist neben dem sichtbaren Ausstellungsbetrieb die große, von außen unsichtbare, immerwährende Baustelle, „und im Sudhaus haben wir ja auch noch zwei Etagen, dort ist jetzt auch alles voll. Es vergeht keine Woche, ohne dass wir etwas angeboten bekommen.“ Manchmal müsse man Schenkern, die sich im Bewusstsein einer generösen Gabe schweren Herzens von einem alten Stück trennen wollten, schnöde sagen: „Tut uns leid, davon haben wir schon zwei.“ Dann sei Enttäuschung vorprogrammiert.

Und wenn Wiebke Ratzeburg nicht im Dienst ist? „Ich bin ein Familienmensch“, sagt sie. Zeit mit ihren Kindern und ihrer Lebenspartnerin, viele Ausflüge, viel Natur. Und viel Handwerkliches, eine Bastlerin sei sie, ein Ausgleich für die Ausstellungsarbeit, wo zwar auch vieles „gebaut“ werden muss, „aber die Hauptarbeit findet doch im Kopf statt.“

Neue Ausstellungen, neue Konturen, private Freuden
Arbeitet gern in einer übersichtlichen Stadt: Wiebke Ratzeburg.Bild: Metz

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08.09.2012, 12:00 Uhr

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