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Großer Fährtenleser des Zeichendschungels

Neue Biografie zum 100. von Roland Barthes

Es war nach einem Mittagessen. Im kleinen Kreis, in dem Geist und Macht zusammensaßen, hatte er den späteren Staatspräsidenten François Mitterrand getroffen.

07.11.2015
  • GEORG LEISTEN

Auf dem Rückweg übersah Roland Barthes den Lieferwagen einer Reinigungsfirma, wurde überfahren und starb einen Monat später im Krankenhaus. Weil Intellektuelle in Frankreich viel mehr als in Deutschland Figuren der Öffentlichkeit sind, ranken sich bis heute Gerüchte über den spektakulären Tod. Hat Barthes, der große Fährtenleser des modernen Zeichendschungels, an jenem Tag im Februar 1980 den Wagen wirklich übersehen? War es der bizarre Selbstmordversuch eines innerlich Vereinsamten, der mit seiner einige Jahre zuvor verstorbenen Mutter den wichtigsten Bezugspunkt verloren hatte? Vergessen wird in der Gerüchteküche oft, dass der Autor und Kulturtheoretiker gar nicht den Unfallverletzungen erlag, sondern den Spätfolgen einer Tuberkulose. Mit dieser Klarstellung beginnt Tiphaine Samoyault ihre monumentale Biographie.

Auf rund 800 Seiten deutet die Pariser Literaturkritikerin Barthes' gesamtes Schaffen als von der frühen Lungenkrankheit geprägt. Es sei ihm darum gegangen, sich von seinem kranken Körper zu lösen und sein Leben in Literatur auszulagern. Zunächst in die Rollen, die er auf der Studentenbühne der Sorbonne spielte, dann in seinen kulturkritischen Büchern, die sich vor allem Sprache und Literatur widmeten. Vieles davon wurde zu Klassikern der Geisteswissenschaft: vom Frühwerk der "Mythen des Alltags" über die "Lust am Text" zu den "Fragmenten einer Sprache der Liebe".

Methodisch schloss er sich dabei der Schule des Strukturalismus an, übertrug das Prinzip der Analyse kleinster Einheiten jedoch vom sprachlichen Zeichen auf Spaghettiwerbung und Autodesign, die Ästhetik von Sportveranstaltungen oder den Striptease. So wurde der Universaldenker nicht nur zum Wegbereiter jener Disziplin, die heute Kulturwissenschaft heißt. Mit seinem offenen, bilderreichen und mitunter ironischen Stil näherte Barthes das wissenschaftliche Schreiben auch selbst wieder der Literatur an.

Vor 100 Jahren kam der Sohn eines Marinesoldaten in Cherbourg zur Welt. Noch vor einem 1. Geburtstag fiel sein Vater im Ersten Weltkrieg. Samoyault wertet viele bislang unbekannte Privatdokumente aus und verfolgt Barthes' Lebensweg anhand seiner sozialen Netzwerke, angefangen bei der symbiotischen Beziehung zur Mutter. Ihre bedingungslose Liebe gab dem jungen Roland den Halt, den man braucht, um mit einem mehrfachen Außenseitertum zurechtzukommen: materielle Armut, ständige Krankheiten, erwachende Homosexualität. In monatelangen Liegekuren in Lungenheilanstalten entdeckte er die geistige Freundschaft zu Autoren wie Marcel Proust und André Gide, später pflegte er persönlichen Umgang mit Geistesgrößen wie dem Psychoanalytiker Jacques Lacan, dem Schriftsteller Alain Robbe-Grillet und dem Philosophen Michel Foucault, mit dem er durch die Pariser Schwulenbars zog und der ihm eine Professur am Collège de France besorgte.

Leider versandet Samoyaults Aufzählung der privaten und beruflichen Verdrahtungen irgendwann im Namedropping, der Kitt einer großen, atmosphärisch ausgekleideten Lebenserzählung fehlt. Zugleich übernimmt das Buch ein wenig zu unkritisch den Barthesschen Theoriejargon, in dem die ganze Welt sprachlich vorgeformt ist, und Autoren stets in ihrem Werk verschwinden: So ist diese Biografie weniger ertragreich als ihr Umfang vermuten ließe.

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07.11.2015, 12:00 Uhr

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