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Leitartikel zum Thema Fake News

Neue Medienlage

Es ist nicht so lange her, da bestand die Filterblase der meisten Bundesbürger aus zwei Fernsehsendern, einer Tageszeitung und dem Radioprogramm. Mehr gab es in den 80er Jahren in der Regel nicht. Im Wesentlichen hatte man zu glauben, was man dort sah, hörte oder las. Wer es nicht tat, musste sich schon anstrengen, um an Informationen zu kommen, die einem verlässlicher oder angenehmer erschienen.

14.01.2017
  • Guido Bohsem

Heutzutage ist das anders. Über das Internet steht der Zugang zum Wissen der Welt sperrangelweit offen. Selbst die Schwäbische Alb ist nur ein paar Klicks von Forschungsergebnissen der besten Universitäten der Welt entfernt. Genauso leicht aber kann man sich in der weiten Welt des Netzes auch auf Seiten verirren, die Halbwahrheiten, Bizarrerien und Irrsinn verbreiten. Im Vergleich zur alten Medienwelt führt sich die heutige zudem auf wie ein ADHS-Kranker auf Koks – chaotischer, schneller, vielfältiger, tabuloser, irrer, gefährlicher.

Nur eines ist gleichgeblieben: Wer sich wirklich umfassend informieren möchte, hat es heute genauso schwer wie früher. Es ist nur anders schwer, weil das neue Medium Internet anderen Spielregeln folgt. Die Gefahr ist, dass es das Wissen nicht beflügelt, sondern vor allem das bestätigt, was man ohnehin schon gedacht hat.

Vor Beginn des Wahljahres 2017 wird diese neue Medienlage vor allem von der Politik mit Sorge betrachtet. Über die sozialen Netzwerke würden immer mehr Falschmeldungen verbreitet, heißt es. Verschwörungstheorien blühten auf, die politischen Ränder erhielten Zulauf. Manch einer sieht sogar die Demokratie bedroht, weil die Wähler sich nur noch über Facebook und Twitter informierten.

An den Klagen ist etwas dran. Doch sind sie nicht die ganze Wahrheit. Die alten Medien genießen in Deutschland immer noch ein vergleichsweise hohes Ansehen. Der Informationsstand der Deutschen ist zudem überdurchschnittlich hoch, was auch der unverändert großen Bedeutung der Regionalzeitungen zu verdanken ist. Die allermeisten Deutschen treffen ihre Wahlentscheidung, weil sie einen Kandidaten sympathisch finden oder eine Partei für vernünftig halten. Und ihre Wahl war mitunter früher genauso irrational wie heute.

Politiker und Parteien bekommen zu spüren, dass ihr Einfluss schwindet. Das hat zwei Gründe: Die Wähler müssen, weil sie sich anders informieren, auch anders angesprochen werden als früher. Welcher Weg dabei der richtige ist, hat sich noch nicht herausgestellt. Diese Schwierigkeit führt zu einem Verlust von Einfluss und Macht. Wer ins Leere kommuniziert, wird weder gehört noch gewählt.

Kein Wunder, dass die Parteien die sozialen Netzwerke für die Misere verantwortlich machen. Das ist einfacher als einzuräumen, dass ihnen noch kein guter Umgang mit den neuen Informationskanälen eingefallen ist. Doch statt zu schimpfen, sollten sie schnellstens lernen, wie neue Medien gehen, sonst wird ihr Machtverlust anhalten. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für uns Bürger. Sonst droht unsere Demokratie tatsächlich unter die Räder zu kommen.

leitartikel@swp.de

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14.01.2017, 06:00 Uhr

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