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Antiquariat

Neue Welt im alten Bier

Raimund Seidel verkauft bejahrte Schriftstücke. Am Wochenende bietet er auf der Ludwigsburger Messe auch Juwelen für Freunde des Brauwesens an.

24.01.2017
  • KATHRIN LÖFFLER

Ludwigsburg. Es ist ein Wisch. Alt, gelb, fleckig. Mit viel Text darauf. Der enthält keine epochale Streitschrift. Nicht einmal ein wertvolles Autogramm steht darunter. Lediglich zwei Lehrmeister haben mit ihren sehr unprominenten Namen unterschrieben.

So sieht es vermutlich ein Teil der Betrachter. Die anderen sehen ein Objekt der Begierde: den Gesellenbrief eines Bierbrauers aus dem Jahr 1768, von Blumenranken umschnörkelt, mit Putten und Hopfendolden und kleinen Vögeln zwischen den Buchstaben, mit Zunftzeichen und Siegelstempel. Preis: 650 Euro. Die anderen sind jene, die suchen. Nach dem einen Spezialgebiet, nach dem einen Genre, nach Gerstensaft. „Viele Menschen sammeln alles über Bier“, sagt Raimund Seidel. Am Donnerstag werden sie bei ihm fündig. Dann präsentiert er den Gesellenbrief auf der Antiquaria.

Auf der Ludwigsburger Antiquariatsmesse geht es freilich nicht nur um Devotionalien für Bierfreunde. Aussteller aus In- und Ausland bieten Bücher, Grafiken und Autografen mit Patina. All das bringt auch Seidel mit.

Er selbst war jung, als er Gefallen am Alten fand. Erst ging es ums Geld. Als Zehnjähriger trieb er sich dauernd in Antiquariaten herum. Dort waren die Bücher billig. Und Seidel musste seine Karl-May-Sucht stillen. Später tauschte er May gegen Sartre, Böll, Döblin. Die Botschaften änderten sich. Seidels Schwäche für betagte Hüllen blieb. Weil auch sie erzählen. Heute, mit 63, sagt er: „Das antiquarische Buch hat mitunter Jahrhunderte überlebt, es eröffnet neue Welten.“

Vor 35 Jahren eröffnete Seidel sein erstes Antiquariat in Waiblingen, vor fünf bezog er seinen Laden in einer Schwäbisch Gmünder Seitengasse. Das „Andanti“ ist eine Art Mikrokosmos. Ein Raum, bäckerthekengroß, tagelang durchstöberbar. Regal drückt sich an Regal, Buch an Buch.

Die Aktualität des Vergangenen

Parzival und Illias stehen Loriot gegenüber. Seidel hat „Schimpfende Weiber und patriotische Jungfrauen“ im Sortiment und Bildbände über afrikanische Masken. Das Kinderbuch vom Tod mit Knochenkarle vorne drauf. Grimms Märchen. Vergessene Märchen. Die schönsten Liebesmärchen. Märchentage auf Korsika. Bücher mit Ledereinband und Messingbeschlägen, steinalte Schinken, deren Seiten beim Blättern knirschen, vom langen Bücherleben gezeichnete Bücher. Bücher über Musik in Schwäbisch Gmünd, die Gmünder Industriekultur, Gmünds 800. Geburtstag.

Literatur über Gmünd ist Seidels Nische. Die brauche ein Antiquar, um zu überleben. 70-Jährige decken sich bei ihm mit Heimatgeschichte ein. Oder muslimische Teenie-Mädchen mit religiösen Abhandlungen. Und manchmal besorgt er für eine Kundin aus dem hintersten Winkel des Gäus „irgendwelche esoterischen Taschenbücher“.

Auf der Antiquaria ist das Publikum internationaler. Seidel hofft auf Amerikaner. Die könnten ihm das Gemälde eines Irokesen abkaufen, der im Zirkus Krone auftrat. Laut Seidel steht so etwas in den USA hoch im Kurs.

„Peregrina – Fremd in der Fremde“ heißt dieses Jahr das Rahmenthema der Antiquaria. Ein hochaktuelles, bekanntermaßen. Der Ausstellungskatalog zeigt: Das war es zu allen Zeiten. Die Messe spiegelt eine Weltgeschichte des Reisens und kulturellen Ineinanderdriftens: in Handwörterbüchern zur Feldforschung in Kolonien oder Alben von Auswanderern. Seidels Beitrag sind 31 Briefe. Ein Marquis schreibt darin vom Pfälzischen Erbfolgekrieg. Es geht um Dragoner, Husaren und getötete Grafen. Für Seidel geht es um 6800 Euro.

Seidel sagt: Das Antiquariatsgeschäft hat sich gewandelt. Massenware überschwemmt das Internet. Wer heute Omas ausgebleichte Schmöker erbt, nennt sich Antiquar und verramscht sie auf Online-Plattformen – und die größten von ihnen gehören alle Amazon. Die Antiquarsgenossenschaft hält mit einem eigenen Verkaufsportal (antiquariat.de) dagegen, das auf Qualität setzt. Es ist die Geschichte von David und Goliath.

Auf die Antiquaria freut sich Seidel schon wegen der schöneren Präsentationsmöglichkeiten als im Netz. Und wegen der Kunden. Die vergraben sich jahrelang in die abgefahrensten Sparten, wollen von Seidel Material dazu – und versorgen ihn mit Expertenwissen. Der Archivar sagt: „Mein Beruf ist ein ewiges Dazulernen.“ Das könnte heuer auch das Brauwesen betreffen.

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24.01.2017, 06:00 Uhr

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