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Alltag im Wirtschaftswunder

Neuer Bildband über die 50er- und 60er-Jahre

Ist das nicht Otto? Oder vielleicht Heinz? Als im vergangenen Jahr die Fotoausstellung „Bodelshausen in den 50er- und 60er-Jahren“ gezeigt wurde, waren die Bürger begeistert und versammelten sich vor den Bildern zu Menschentrauben. Jetzt erscheinen die historischen Fotografien als Bildband.

09.11.2011
  • susanne Wiedmann

Bodelshausen. In seiner Jugendzeit hatte sich Wolfgang Göhring gern eine Schneckennudel in der Bäckerei Schwarz gekauft. Für fünf Pfennig, bei der „Bäck-Anna“, Am Kappelbrunnen. Wilhelm Göhring erinnert sich genau an die Wirtschaftswunderjahre in Bodelshausen. Gemeinsam mit Helmut Nill, Gerhard Hepper, Karl Egerter, Hermann Steinhilber, Else Kimmich, Erwin Haag und Büchereileiterin Sabine Engeser hat Göhring die Fotografien für den Bildband ausgewählt und beschrieben. Von einer „Fleißaufgabe in den Sommerferien“ spricht Bürgermeister Uwe Ganzenmüller. Und er sagt: Ohne die Mithilfe dieses Redaktionsteams hätte das Buch nicht entstehen können.

Wo einst Göhrings Schneckennudeln gebacken wurden, hat sich längst ein Second-hand-Laden eingerichtet. Wo heute das Rathaus steht, war früher das alte Schulhaus platziert. 1952 wurde es mit der Kamera festgehalten. Genauso wie der Farrenstall nebenan, der mittlerweile ebenso verschwunden ist. Wolfgang Göhring hatte öfter beobachtet, wie Kühe dorthin gebracht wurden. „Damals gab es noch keine künstliche Besamung“, sagt er.

Als sich Bodelshausen vom landwirtschaftlich geprägten Dorf zu einer Industriegemeinde wandelte, verschwand manches Haus aus dem Straßenbild. Orte und Plätze wurden umgestaltet. Noch in den 1950er-Jahren gab es über 300 Landwirtschaften und vor nahezu jedem Haus einen Misthaufen. Heuwagen und Ochsengespann dokumentieren jene Zeit. Nur wenige Jahre später wuchs mit der Industrialisierung die Bevölkerung rasant. Vertriebene aus den Ostgebieten ließen sich in Bodelshausen nieder, da der Bürgermeister aktiv „Ansiedlungspolitik“ betrieb. Die ersten „Gastarbeiter“ aus Italien und Spanien arbeiteten im Dorf.

Lichtstub’ und Feierabendbänkle

Vom Gewerbe und Handwerk sind dennoch wenig Bilder erhalten. Es war nicht üblich, während des Arbeitsalltags zu fotografieren. Das „Konsum-Bärbele“ wurde jedoch hinter der Ladentheke geknipst. Zunächst arbeitete sie als Verkäuferin – bis sie in ihrem eigenen Haus einen Laden eröffnete. Sie wurde auch „Wolla-Bärbele“ gerufen, weil sie mit Wolle handelte. In einem Ort mit vielen gleichen Nachnamen trugen die meisten Leute noch Beinamen. Der „Bala-Eugen“ zeigt sich auf einem Foto, von der „Hut-Anna“ ist die Rede.

Als sie die Bilder betrachtete, hatte Sabine Engeser das Gefühl von „einer lebendigen Ortsgemeinschaft, einem engen Miteinander, dass viel gemeinsam gefeiert wurde“. Davon zeugen die vielen Feste im Dorf – Kinderfeste mit aufwändig kostümierten Mädchen und Jungen. Ein blühendes Vereinsleben. Die Fahnenweihe der TSG von 1956, die Zugabfahrt 1953 zum Deutschen Turnfest nach Hamburg.

Die Bodelshäuser veranstalteten ein großes Fest, als die Glocke der Dionysiuskirche geweiht wurde. Fotografien von der Lichtstub’ oder dem Feierabendbänkle stecken in dem Bildband. Konfirmanden und die Kindergartenkinder von Tante Lisbeth sind dokumentiert. Ein Schulausflug zur Bärenhöhle im Jahr 1958.

Trockenübungen am Planschbecken

In den Sommermonaten Anfang der 60er-Jahre war auf dem Schulhof ein Planschbecken aufgebaut. Dort, wo heute die Mensa steht. Die Kinder vergnügten sich darin. Und Helmut Nill erinnert sich an die Trockenübungen, die sie zunächst ringsum machen mussten.

Für die ältere Generation erscheint diese Zeit immer noch greifbar nahe, sagt Bürgermeister Uwe Ganzenmüller. 2010 organisierte die Gemeinde das Dorfstraßenfest unter dem Motto „Rock’n’ Roll und Flowerpower“, verknüpft mit einer umfassenden Fotoausstellung, die vom Arbeitskreis Kultur unter der Leitung von Sabine Engeser konzipiert wurde.

Zugleich gab es in der Heimatgeschichtlichen Sammlung von 2008 bis 2011 eine Sonderschau zu den 50er- und 60er-Jahren. Viele Besucher hätten „von der guten alten Zeit“ geschwärmt, betont Ganzenmüller. Eine „hervorragende Resonanz“ hatte die Ausstellung und die Gäste wünschten sich, dass die Bilder öffentlich zugänglich gemacht werden.

Nach dem Lied „So schön, schön war die Zeit“ des Schlagersängers Freddy Quinn ist das Buch betitelt, das nach der Idee und Konzeption von Sabine Engeser und Hauptamtsleiter Kurt Lacher entstand. Es ist ein Projekt der Gemeinde Bodelshausen gemeinsam mit dem Arbeitskreis Kultur und dem Förderverein Heimatgeschichte. „Die Bildauswahl ist nicht repräsentativ“, erklärt Engeser, sondern hänge davon ab, wie sich Vereine und Personen in das Projekt einbrachten. Zudem wurde der Band um weitere Fotografien aus dem Gemeindearchiv ergänzt.

Nicht nur Erinnerungen, viele Emotionen rufen die Zeitzeugnisse hervor. Etwa die Vesperpause beim Weihnachtsputz der Zuschneiderei der Firma Fauser. Als Belohnung gab es dort stets Bier und Fleischkäsweckle, erzählt Else Kimmich und fügt hinzu: „Des war richtig schee!“

Neuer Bildband über die 50er- und 60er-Jahre
Bier und Fleischkäsweckle gab es in der Vesperpause beim Weihnachtsputz in der Zuschneiderei der Bodelshäuser Firma Fauser – wie hier im Jahr 1960. Privatbild

Neuer Bildband über die 50er- und 60er-Jahre
Peter Keck Anfang der 50er-Jahre: Mit seinem Becher machte er sich auf den Weg zum Konsum, um Marmelade zu kaufen.Privatbild

Das Buch „Bodelshausen in den 50er- und 60er-Jahren“ wird am Freitag, 11. November, um 19 Uhr im Forum Bodelshausen vorgestellt. Die Veranstaltung wird von Rolf Schorp mit schwäbischen Gedichten – unter anderem von Sebastian Blau – umrahmt. Der Bildband „Bodelshausen in den 50er- und 60er-Jahren“ hat 84 Seiten, 110 Schwarz-Weiß-Fotografien, ist im Geiger Verlag Horb erschienen und kostet 18.90 Euro.

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09.11.2011, 12:00 Uhr

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