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Kreuzweg

Neuer Jesus war früher ein Räuber

Am Karfreitag pflegt die italienische katholische Gemeinde zum 14. Mal die Tradition der Via Crucis Vivente. Die Organisatoren erwarten dazu Tausende Besucher.

13.04.2017
  • VERENA SCHÜHLY

Ulm/Neu-Ulm. Der Lebendige Kreuzweg, den die italienische katholische Gemeinde am Karfreitag zeigt, gehört für viele schon fest zu Ostern. Im 14. Jahr der bildgewaltigen Darstellung des Leidenswegs von Jesus gibt es einen einschneidenden Personalwechsel: Marcello Catena, der seit der Premiere 2004 stets Hauptdarsteller war, hat aufgehört. An seiner Stelle übernimmt Salvatore Tarantello die Rolle.

Catena (38), der als Medizinstudent und Kraftsportler erstmals ins Gewand von Jesus geschlüpft war, hat mittlerweile seine Facharzt-Ausbildung zum Orthopäden abgeschlossen und arbeitet nicht mehr in Ulm. Er hat „aus beruflichen und persönlichen Gründen aufgehört“, erklärt Nicola Albarino vom Organisationskomitee der Via Crucis Vivente, wie die Italiener die Veranstaltung nennen.

Dass für die Jesus-Rolle insbesondere bei Kälte und Regen Leidensfähigkeit nötig ist, hat der Neue bereits am eigenen Leib erfahren. Im vergangenen Jahr war der 36-jährige Tarantello bei widrigsten Wetterbedingungen einer der beiden Räuber, die mit Jesus gekreuzigt werden. „Das war schon schlimm, aber auszuhalten“, sagt er. Er sieht es symbolisch dafür, „wie viel Leid Jesus erlebt und was er für die Menschen getan hat“. Der Vater eines 13-jährigen Sohnes hat dabei auch empfunden, dass „die Leute beim Zuschauen nachdenklich werden. Das ist ein schönes Gefühl.“

Ansonsten ist der gebürtige Italiener, der seit 30 Jahren in Deutschland lebt und seit 2013 in Söflingen wohnt, eher schüchtern: „Ich bin eigentlich ein Mensch, der nicht so gern vor Publikum steht. Dazu muss ich mich überwinden.“ Dennoch hat er nicht gezögert, als er im vergangenen Jahr eingesprungen ist und ihm dann für 2017 die Jesus-Rolle angetragen wurde. Die zufriedenen Reaktionen der Mitspieler machen ihm inzwischen Mut. Auch ans Interview-Geben gewöhnt er sich langsam.

„Ich bin katholisch und glaube, dass alles so kommt, wie es kommen muss“, davon ist Salvatore Tarantello überzeugt. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Mechaniker bei Dana Reinz in Neu-Ulm. Als Hobby-Boxer und -Thaiboxer hat er eine gute Fitness, so dass das Tragen des 50 Kilo schweren Holzkreuzes „kein Problem sein sollte. Aber über die lange Strecke und das Kopfsteinpflaster wird es sicher schwer werden“, meint er angesichts der Herausforderung des letzten Stücks Prozessionsweg.

„Wichtig ist, dass das Wetter mitspielt“, sagt Tarantello. Oder zumindest besser ist als vergangenes Jahr. Nur 2008 musste der Kreuzweg wegen Schnees ausfallen. Vergangenes Jahr waren die Wetterprognosen nicht gut, so dass Organisator Albarino über eine Absage nachdachte, aber das ganze Team machte klar: „Wir spielen! Unsere Vorbereitungen laufen seit zwei Monaten. So haben wir es durchgezogen, obwohl alle komplett nass geworden sind.“

Er sieht das auch als Verantwortung gegenüber den einigen tausend Besuchern, die nicht nur aus Ulm und Neu-Ulm, sondern auch aus der Region bis Aalen, Heilbronn und Ravensburg kommen. Zudem haben Reiseveranstalter aus der Schweiz und aus Belgien bei ihm angefragt.

Neben dem Personalwechsel in der Hauptrolle und bei Maria gibt es kleine Veränderungen bei Musik und Text. „Wir wollen nicht jedes Jahr genau das Gleiche machen“, sagt Albarino. Große Veränderungen sind jedoch nicht möglich: „Wir halten uns ans Evangelium, die Geschichte ist geschrieben.“

Ein Tag, zu dem Trauer passt

Auch die Orte für die fünf Stationen stehen fest. Albarino: „Wir haben inzwischen die besten Plätze dafür gefunden.“ Die Veränderung, dass die Kreuzigungsszene mit der Auferstehung endet, wurde 2016 nach nur zwei Jahren wieder gestrichen. Albarino: „Das hat nicht überzeugt: Am Karfreitag herrscht Trauer. Die Auferstehung gehört zu Ostern.“

Die italienische katholische Gemeinde bietet zur Via Crucis ein Team von rund 140 Leuten auf: Zu den 75 Laiendarstellern kommen fast nochmal so viele Helfer für Ordnungsdienst, Aufbau von Bühnen und Kulissen sowie Spendensammler während der Prozession. Unter den Darstellern sind mittlerweile zehn Deutsche, darüber freut sich Albarino sehr. Außerdem machen Leute aus Griechenland, Mexiko, Albanien und Eritrea mit. „Jeder ist willkommen.“

Als besondere Gäste haben sich heuer Monsignore Vittorio Formenti, Canonicus der päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore in Rom, und Domvikar Alessandro Perego, der in der Diözese Augsburg für die Ausländerseelsorge zuständig ist, angesagt.

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13.04.2017, 06:00 Uhr

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