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Zschäpe und Mundlos sollen für V-Mann gearbeitet haben

Neuer NSU-Skandal

Schon früher gab es den Verdacht, dass Verbindungen zwischen der Terrorzelle NSU und Informanten des Verfassungsschutzes existierten. Nun gibt es neue Hinweise, die heikle Fragen aufwerfen.

08.04.2016
  • DPA

München/Berlin. Neue Hinweise im Fall NSU: Zwei der drei mutmaßlichen Rechtsterroristen sollen während ihrer Zeit im Untergrund in Firmen gearbeitet haben, die von einem V-Mann des Verfassungsschutzes betrieben wurden. Uwe Mundlos und Beate Zschäpe sollen zeitversetzt in Zwickau bei dem Neonazi Ralf Marschner beschäftigt gewesen sein. Marschner war unter dem Tarnnamen "Primus" Informant des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV). Eine Sprecherin des Inlandsgeheimdienstes wollte den Vorgang zunächst nicht kommentieren. Der NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag will den Hinweisen nun nachgehen.

Zunächst hatte ein "Welt"-Autorenteam um Stefan Aust in der am Mittwochabend ausgestrahlten ARD-Dokumentation "Der NSU-Komplex" berichtet, Mundlos habe unter Tarnidentität in den Jahren 2000 bis 2002 als Vorarbeiter eines Bauunternehmens im sächsischen Zwickau gearbeitet. Inhaber der Firma war Marschner. Die Journalisten berufen sich auf Dokumente und Zeugenaussagen. BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen sagte der "Welt": "Nach unserer Erkenntnislage und nach den Auskünften der damals dafür zuständigen Mitarbeiter haben wir keine Anhaltspunkte dafür, dass es so war."

Zudem hat, nach dpa-Informationen, Zschäpe einige Jahre später in einer anderen Firma Marschners gearbeitet. Ein früherer Partner Marschners bestätigte, er habe dessen Geschäft, den rechten Szene-Laden "Heaven and Hell" finanziert. Dieser habe nach seiner Erinnerung zwischen 2008 und 2011 existiert. Er habe alle Mitarbeiter gekannt. Auf die Frage, ob Zschäpe dabei war, antwortete Marschners Partner zunächst, dazu wolle er am Telefon nichts sagen und fügte dann hinzu: "Ich habe nicht nein gesagt." Aus der Vernehmung eines anderen Zwickauer Neonazis im Jahr 2012 geht hervor, dass auch die Behörden von Zschäpes Beschäftigung im Geschäft wussten.

Es hatte schon früher Spekulationen gegeben, Zschäpe sei bei Marschner beschäftigt gewesen. Nach Medienberichten vom Frühjahr 2013 hatte ein Zeuge behauptet, Zschäpe habe als Aushilfe in einem Laden des V-Mannes "Primus" gearbeitet. Ermittlungen hätten diesen Verdacht jedoch nicht erhärten können.

Auch der erste NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag war solchen Hinweisen nachgegangen - erfolglos. Clemens Binninger, damals CDU-Obmann im ersten NSU-Ausschuss und nun Vorsitzender des zweiten Aufklärungsgremiums, sagte, für ihn seien aber Zweifel geblieben. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es gar keinen V-Mann gab, der zumindest wusste, wo sich das Trio aufhielt."

V-Mann im Mittelpunkt

Sein Tarnname war "Primus", doch davon will Ralf Marschner nichts mehr wissen: Als Reporter der "Welt" den ehemaligen Informanten des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) befragen wollen, zieht er die Kapuze seines schwarzen Pullis übers Gesicht, verjagt die Journalisten rabiat von seinem Grundstück in Liechtenstein.

Marschner steht plötzlich im Mittelpunkt des Interesses von Politik und Öffentlichkeit in Deutschland. Denn: Zwei der drei mutmaßlichen NSU-Terroristen sollen zeitversetzt in Firmen gearbeitet haben, die von Marschner betrieben wurden: Uwe Mundlos und Beate Zschäpe.

Fest steht: Marschner, Mitte 40, war einst führendes Mitglied der Neonazi-Szene in Sachsen. "Manole" sollen ihn seine Kameraden genannt haben. "Mann ohne Hals" nannten ihn angeblich Gegner wegen seiner Körperfülle.

Von 1992 bis 2002 soll er bezahlter Spitzel des BfV gewesen ein. Anfang der 2000er Jahre besaß Marschner demnach eine Baufirma für Abriss- und Entkernungsarbeiten in Zwickau, dort soll er Uwe Mundlos unter falschem Namen beschäftigt haben. Einige Jahre später führte Marschner einen Szeneladen mit dem Namen "Heaven and Hell" - in dem dann zeitweise Zschäpe gearbeitet haben soll.

Marschner versuchte sich laut verschiedenen Quellen unter anderem als Nazi-Rocksänger, verkaufte rechte Magazine und CDs, betrieb Szeneläden. Mehrere Ermittlungsverfahren soll es gegen ihn gegeben haben. Irgendwann aber verschwand Marschner ganz plötzlich aus der Stadt und tauchte unter. Heute wohnt er in der Schweiz und betreibt ein Geschäft in Liechtenstein - dort spürten ihn die "Welt"-Reporter auf.

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08.04.2016, 06:00 Uhr

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