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Die Fürststraße gehört jetzt ihnen

Neues für Radfahrer: Radeln geht hier auch im Rudel

Die längste Fahrradstraße Baden-Württembergs, die Tübinger Fürststraße, sollte gestern Nachmittag offiziell dem Verkehr übergeben werden. Allerdings war sie kurz vor der Eröffnung schon wieder geschrumpft und hatte ihren Titel verloren. Plötzlich war sie nur noch die zweitlängste.

02.11.2015
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Die Esslinger hatten nun die Nase vorn mit einer 1,8 Kilometer langen Fahrradstraße, die erst kürzlich eröffnet wurde. Tübingen muss sich dennoch nicht ärgern, denn die Fürststraße ist jetzt keine Holperstrecke mehr. Sie hat einen fahrradfreundlichen Belag und für ihre Umwidmung Geld vom Land erhalten.

Auch Verkehrsminister Winfried Hermann erfuhr erst kurz vorm Vorort-Pressetermin, dass die Fürststraße entthront worden war. Dennoch betonte er, dass die Straße „etwas Besonderes“ sei. Was an ihr besonders ist, enthüllt sich nicht auf den ersten Blick. Denn zunächst scheint sie eine Straße wie alle anderen zu sein, mit einem leicht erhöhten Gehweg für die Fußgänger und einer Fahrbahn für alles mit Rädern. Autos gibt es hier ebenfalls noch – und gar nicht so wenige, wie sich an der Kreuzung Fürst- und Heinlenstraße zeigte. Dennoch sind die Autofahrer hier nicht diejenigen, die den Takt oder das Tempo vorgeben. Hupen, wenn ein Rad dem Autofahrer den Weg blockiert, das geht gar nicht. Genau diese Situation hatte Hermann gerade vorher beobachtet. Die Autofahrer müssen sich hier hinter den Radfahrern bescheiden. „Die anderen“, so Minister Hermann, „müssen dankbar sein, dass sie hier fahren dürfen.“ Und wenn mehrere Radler nebeneinander die ganze Fahrbahn versperren, müssen die Autofahrer das ebenfalls brav hinnehmen.

Der motorisierte Verkehr ist bei einer Fahrradstraße nicht ausgeschlossen, aber das Schild besagt eine klare Vorrang-Regelung für Radfahrer. Am liebsten wäre dem Stuttgarter Minister, wenn ein Schild diesen Vorrang erklären würde. Das wiederum kommentierte sein Parteikollege – der, wie Hermann ihn vorgestellt hatte, „neben mir berühmteste Radfahrer des Landes“ – Boris Palmer nur ironisch mit: „ein Schild, das das Schild erklärt“.

Das Land hatte 121 000 Euro für die Fahrradstraße lockergemacht. Früher habe es, so Palmer, im Land keine Förderung für Radverkehr gegeben. Die Gesamtsanierung der Strecke, die schon eine ziemliche „Buckelpiste“ (Palmer) war, kostete 600 000 Euro.

Palmer nahm die Tatsache, dass der Fürststraße der Rekord genommen worden war, gefasst hin: „Immerhin waren wir für ein paar Tage Titelträger.“ Wichtiger war ihm, dass nun eine Verbindungsachse für Radler ins Stadtzentrum geschaffen ist. Und wenn man die Rad- und Fußgängerunterführung beim Epplehaus und die Fahrradstrecke Poststraße mitrechne, übertrumpfe man außerdem den Esslinger Rekord.

Dennoch ist Tübingen nicht die beste Radlerstadt im Land. Besser sind Freiburg, Heidelberg und Karlsruhe. Tübingen kommt allerdings auf einen Fahrradanteil von 25 Prozent. Eine Zahl, von der Stuttgart nur träumen kann. Hermann nannte 6 bis 7 Prozent. Im Jahr 2030, so sein Fernziel, wolle man im ganzen Land bei 20 Prozent liegen. Auch in Tübingen werden schon die nächsten Fahrradstraßen geplant. Im Westen sollen es der Schleifmühleweg und die Rappstraße sein, die bequem in die Altstadt führen.

Als fahrradfreundliche Kommune bekam Tübingen sogar noch ein Zusatzgeschenk vom Land – und zwar eine Radzählsäule, die am Fahrradtunnel durch den Schlossberg postiert ist und per Induktionsschleifen auf der Fahrbahn, die ein- und ausfahrenden Radler zählt. Eine Leuchtanzeige lässt die aktuelle Tageszahl erkennen und soll außerdem den Anreiz zur fleißigen Fahrradnutzung schaffen.

Seit Juni 2013 wird schon unauffällig gezählt (im Schnitt 3500 pro Tag). Mit mehr als 1,8 Millionen Raddurchfahrten im Jahr rechnen vorerst weder Land noch Stadt. Jedenfalls reicht die LED-Anzeige nur so weit. Wenigstens an dieser Stelle hält Tübingen einen Rekord: Es ist der meistbefahrene Radtunnel im Land. Allerdings, so Hermann, „gibt es keinen zweiten“.

Neues für Radfahrer: Radeln geht hier auch im Rudel
Die Fürststraße ist nun als Fahrradstraße amtlich besiegelt: Tiefbau-Chef Albert Füger, Verkehrsminister Winfried Hermann, Oberbürgermeister Boris Palmer und der städtische Verkehrsplaner Mirco Sarcoli fuhren sie in ganzer Länge ab.

Neues für Radfahrer: Radeln geht hier auch im Rudel
Winfried Hermann und Boris Palmer enthüllten gestern die Radzählsäule am Schlossbergtunnel. Bild: Steuernagel

Die Fahrradstraße ist nicht mit einem Radweg zu verwechseln, der schmaler und nur den Fahrrädern vorbehalten ist. Auf der Fahrradstraße können auch Autos und motorisierte Zweiräder zugelassen werden, allerdings müssen Zusatzschilder sie erlauben und sie sind dem Radverkehr untergeordnet. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt hier 30 Stundenkilometer. Das Tempo richtet sich aber immer nach der Geschwindigkeit der Radfahrer. Auf der Fahrbahnkönnen auch mehrere Räder nebeneinander fahren. Das ist ausdrücklich erlaubt und kein Verkehrshindernis. Die Fußgänger haben in der Fahrradstraße, anders als in der Spielstraße, ihren abgetrennten Bereich, einen Gehweg.

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02.11.2015, 12:00 Uhr

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