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Die Kunst der Schönschrift

Neuntklässler der Albert-Schweitzer-Realschule übten sich in Kalligrafie

Kalligrafie ist zur Kunst erhobene Schrift. Sabine Albus, Lehrerin für Ethik und Bildende Kunst an der Albert-Schweitzer-Realschule im Tübinger Westen, führte Neuntklässler in die Kunst arabischer Kalligrafie ein.

17.07.2014
  • Michael Sturm

Tübingen. Wer bei Kalligrafie allein an kunstvoll gepinselte Silbenzeichen aus Japan und China denkt, greift zu kurz: In vielen Regionen der Welt, auch in Mitteleuropa, gab es Spezialisten für die Kunst des schönen Schreibens – ohne sie könnte man kaum eine mittelalterliche Urkunde lesen.

Auch im Orient gilt Kalligrafie als große Kunst. Lehrerin Sabine Albus rannte bei ihren Neuntklässlern der Tübinger Albert-Schweitzer-Realschule offene Türen ein, als sie einen Kurs anbot. Arabisch sei einfach eine schöne Schrift, fand Emrullah Atvur. „Man darf sich im Islam kein Bild von Gott machen – darum wurde die Schrift so ausgeschmückt“, wusste Coskun Bülent Atmaca. Das Thema passte, auch weil Muslime weltweit gerade den Fastenmonat Ramadan begehen.

Schülerin Marina Banti schlug vor, jeden einzelnen der 28 arabischen Buchstaben auf einem Blatt darzustellen. Das war manchen in der Klasse zu wenig. Alle wollten einmal ihre Namen in arabischer Schrift schreiben, was sie später auch auf vielen Bildern verwirklichten. Emrullah Atvur war für „schöne Zitate aus dem Koran“. Bis er feststellte, dass man damit zum einen Gefahr laufe, dass die Worte aus der heiligen Schrift des Islam entweiht werden könnten. Zum anderen, fand er, wäre es „unfair gegenüber den anderen Religionen“.

Die Schülerinnen und Schüler mühten sich um Originalität: „Wir wollten die Schriftzeichen mit Bambusstäbchen malen, aber wir fanden keine Quelle, wo wir die bekommen konnten“, verriet Sarah Gossweiler. Statt traditionell orientalischem Zeichenmaterial arbeiteten sie mit blauer und schwarzer Tusche, Wasserfarben, sowie dicken Filzstiften, mit denen sie die meist in Gold gehaltenen Buchstaben aufpinselten. Auf den Bildern sind nun viele Namen zu sehen. Darüber hinaus Begriffe aus der Welt des Islam, etwa „Tugra“ (mit stummem g), das imperische Signum der Sultane im Osmanischen Reich, oder „Habibi“, das man im Schwäbischen am besten mit „Schätzle“ übersetzen kann. Sehr kunstvoll gelang eines von Sarah Gossweilers Bildern: Sie schmückte „ihren“ Buchstaben mit einer Tropfen-Form aus.

Emrullah Atvur übernahm es, die alle in dunkelblauem Hintergrund und meist goldenen Schriftzeichen gehaltenenen Bilder in eine Ordnung zu bringen: Sie hängen jetzt nebeneinander im Rund des Treppenhauses der Schule – wie ein Fries in einer Moschee.

Sabine Albus hatte übrigens gute Gründe, den Kurs anzubieten. Vor ihrer Klasse erzählte sie von ihrem Leben unter Beduinen auf der Sinai-Halbinsel. Nach dem Abitur hatte sie 1978 eine neun Monate währende Reise dorthin gemacht – und war danach immer wieder zurückgekommen. Sie verriet: „Während des Studiums habe ich meist eine Semester-Sequenz dort und die andere hier in Deutschland verbracht.“

Es war eine spannende Zeit, denn die bis dahin von Israel besetzte Sinai-Halbinsel kam zu Ägypten zurück. Und mit ihm der Stamm der Nomaden, bei denen Sabine Albus lebte: „Sie fühlten sich eher dem jordanischen Königshaus verbunden.“

Als sie auf der Sinai-Halbinsel ankam, konnte keiner lesen. Die neuen ägyptischen Herrscher sahen es nicht gern, dass Albus ihren Zöglingen Englisch beibringen wollte. Der Stamm wurde damals sesshaft, bekam Schulen, Wasser, Strom – und Rechnungen.

Die Frauen klagten der Deutschen ihr Leid: „Die Sonne scheint doch auch umsonst!“ Statt einer Feuerstelle gab es nun Fernseher und den Kontakt zur großen weiten Welt. „Statt ihr Haar weiterhin mit Olivenöl zu behandeln wollten die Frauen auf einmal alle Conditioner!“ so erzählte Sabine Albus. Immerhin habe sie den Männern ermöglichen können, mit Kameltouren für Touristen auf redliche Weise gutes Geld zu verdienen. Auf diese Weise gab sie den Beduinen etwas dafür zurück, dass die ihr einiges beigebracht hatten: Hauptsächlich einander zu vertrauen, sich in der Wüste zu orientieren – und darin zu überleben.

Neuntklässler der Albert-Schweitzer-Realschule übten sich in Kalligrafie
Sabine Albus (Bild) bot ihren Schülern einen Kalligrafie-Kurs an und erzählte aus ihrem Leben.Bild: Metz

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17.07.2014, 12:00 Uhr

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