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Ein bisschen wie Bethlehem

Nicht alle haben an Weihnachten eine Herberge

Gemischter Braten mit Rotkohl und Knödel, danach Kaffee und Kuchen gibt es beim traditionellen Obdachlosen-Weihnachtsessen im Café Nepomuk. Mit hundert Gästen hat die Arbeiterwohlfahrt und der Arbeitskreis Obdachlosenhilfe gerechnet. Es kommen einige mehr. Platz gibt es für alle, Geschenksäckchen auch.

27.12.2012
  • Fred Keicher

Reutlingen. Zunächst wird gegessen, erst dann hält Oberbürgermeisterin Barbara Bosch ihre kurze Begrüßungsrede. Zum zehnten Mal ist sie beim Weihnachtsessen, sitzt mit den anderen Gästen am Tisch. „Ein herzliches Grüß Gott“, sagt sie den Gästen im Nepomuk und betont, „dass Sie mit dazugehören zur Reutlinger Stadtgesellschaft“.

„Bethlehem ist ein bisschen wie Reutlingen, auch dort haben nicht alle eine Herberge gefunden.“ So einfach stellt Pfarrer Jürgen Quack den konkreten Bezug zur Bibel her. Die Weihnachtsgeschichte des Lukasevangelium trägt Pfarrer Klaus Kuntz vor – auswendig, ohne zu stocken: „Ich hab meine Neues Testament vergessen.“ Die Organistin Friedlinde Trüün begleitet die gemeinsam gesungenen Weihnachtslieder auf dem Keyboard, unterstützt von einem kleinen Mädchen, das die hohen Töne dazu klimpert.

Dass die Armut in Reutlingen wächst, das sei bei der AWO deutlich zu spüren. Bereits 600 Wohnungslose seien dieses Jahr zur Beratung gekommen, sagt Rita Wilde von der AWO. Ein tägliches kostenloses Mittagessen (wie in Tübingen) gibt es in Reutlingen für die Menschen auf der Straße nicht. Im Treff an der Aulberstraße oder im Lobbyrestaurant Unter den Linden kostet das Essen 2,30 Euro. Wer weniger hat, werde nicht weggeschickt. Aber es werde geschaut, warum sie mit ihrem Geld aus der Grundsicherung nicht wirtschaften könnten. Ein schwieriges Unterfangen bei Menschen, denen die Grundlage dafür, der eigene Haushalt und der eigene Herd, abhanden gekommen ist.

Günther Thurnus, 72, hat zehn Jahre auf der Straße gelebt, in Südfrankreich. Jemand habe ihm gesagt, erzählt er am Rand des Weihnachtsessens, du musst wieder runter von der Straße, geh nach Stuttgart oder Reutlingen. 2002 kam er zur Reutlinger AWO und bekam eine Wohnung. Neun Jahre lang hat er freiwillig im Altenheim gearbeitet, von morgens sechs bis abends acht. Eine Krebserkrankung hat er überwunden. Rauchen tut er noch, aber trinken, nein: „Alkohol kommt mir nicht über den Schluck.“ Immer noch hat er eine Aufgabe. Zur AWO-Weihnachtsfeier kann er nur kommen, weil die alte Dame, die er jetzt betreut, zum Weihnachtsbesuch bei ihrer Familie ist.

Ein wenig verlegen und als fast alle gegessen haben, kommt ein Mann mittleren Alters zu Wilde. Ob’s noch einen Platz gebe, fragt er, und: Was er machen solle mit seinem einzigen Zahn? Essen natürlich, schnell findet sich ein Platz für ihn. Er isst schnell und geht wieder zur Tür. Wilde ruft ihm ein Adieu zu. Er dreht sich um und kommt zurück: „Werde ich jetzt rausgeworfen? Adieu sagt man zu Leuten, die man rauswirft“, meint er schockiert. „Auf Wiedersehen“, ruft einer, der zuhört. Da kann der Mann mit seiner schweren Tasche erleichtert zur Tür gehen.

Das Weihnachtsessen lebt von Sponsoren und Helfern. Dazu gehören etwa die ehemaligen Gomaringer Realschüler Sonja Harm, Kathrin Schössner, Frieder Anders und Marian Saur, die zum fünften Mal beim Servieren helfen. Die Reutlinger Schüler Carlotta Wilde und Leonid Burchard helfen zum dritten Mal.

Nicht alle haben an Weihnachten eine Herberge
Pfarrer Klaus Kunz begrüßt einen Gast im Nepomuk.

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27.12.2012, 12:00 Uhr

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