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Musikverein mit „Doppelspitze“

Nicht bloß humba täterä

Sie hatten mal die jüngste Truppe wohl von allen Musikvereinen landesweit. Durchschnittsalter: 27. Inzwischen sind sie schon etwas gereifter: 34 im Schnitt. Und was sie spielen, kann sich hören lassen – findet jedenfalls die bestens harmonierende „Doppelspitze“ des Vereins: Erika Letsch und Jürgen Machann.

04.12.2012
  • Ernst Bauer

Mössingen. Längst spiele man, wie eigentlich alle Blaskapellen, nicht mehr bloß „humba humba täterä“, sagt Machann, 45, gebürtiger Mössinger, promovierter Physiker, der in der Radiologie des Uniklinikums arbeitet. „Wir machen mehr als bloß traditionelle Volksmusik.“ Andererseits mögen aber gerade viele der jungen Musiker durchaus auch mal einen gepflegten Marsch und die Polka. „Das darf‘s auch sein – wir haben ein paar Junge, die schwören Stein und Bein drauf.“

Es gibt andere, auch ältere Semester, die spielen gerne Moderneres. „Man muss eine gesunde Mischung finden, ich glaube die haben wir!“ – Erika Letsch, 57, die Spitzenfrau im Verein, nickt heftig. Sie Berufsschullehrerin in Tübingen, an der Mathilde-Weber-Schule unterrichtet sie Hauswirtschaft, seit 1980, stammt selber aus Aalen, hat nach Mössingen eingeheiratet. Sie kam durch ihre beiden Kinder zum Musikverein – die Tochter fing mit zehn Jahren Klarinette an, und Lehrerin war damals just die Ehefrau von Machann!

Sehr familiär, in vielerlei Hinsicht

Die hatte jener wiederum im Musikverein kennengelernt. Dass man in diesem 400 Mitglieder starken Verein ein sehr familiäres Verhältnis pflegt, wie beide betonen, ist also auch durchaus wörtlich zu nehmen. Erika Letsch war etliche Jahre Schriftführerin der Mössinger Musiker/innen und ist seit 2005 Erste Vorsitzende, seit 2012 mit Jürgen Machann zusammen, der von ihr das Schriftführeramt übernommen hatte und nun an die Stelle von Matthias Ritz trat.

Wie kam‘s zu dieser „Doppelspitze“? Inzwischen ja häufiger in hiesigen Vereinen anzutreffen. Die Doppelbesetzung, bestätigt das Mössinger Spitzenduo, sei schon „aus der Not heraus“ geboren. Weil man einfach niemanden gefunden habe, der allein die Vereinsführung übernehmen wollte. Aber das Modell habe sich bewährt. Zumal die Vereinsarbeit „nicht weniger“ geworden ist, so Letsch.

Als 2008 der neue Dirigent Simon Löffelmann, gebürtiger Regensburger und Klarinettist bei der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, nach Mössingen kam, war von einer regelrechten „Aufbruchstimmung im Verein“ die Rede. So lautete damals auch eine Schlagzeile im Steinlach-Boten. Ist dieser Schwung, diese Euphorie, die Löffelmann mitbrachte, noch zu spüren? „Wenn man die ganze Sache am Laufen halten will, sollte immer Aufbruchstimmung da sein“, analysiert Machann nüchtern.

Ganz wichtig sei, fügt Letsch hinzu, dass man im Team arbeitet, „dass sich das durchzieht – bis hin zur Altpapiersammlung, die brauchen wir unbedingt!“ Ohne dieses Geld vom Altpapier würde es schlecht aussehen mit den Vereinsfinanzen. Man könne ja nicht 20 Euro Eintritt verlangen für ein Konzert.

Aber mit Löffelmann, diesem stets gut gelaunten neuen Dirigenten, das bestätigen beide, habe der Mössinger Musikverein wirklich einen Glücksgriff getan. „Er ist schon sehr enthusiastisch, und das überträgt sich auch auf die Musiker. Er ist zudem sehr erfahren, er weiß, was er einem abverlangen kann.“ Mittlerweile habe man „mehr Mädels als Jungs“ beim Nachwuchs, im Jugendorchester, 16 Musikerinnen und vier Musiker. Für 2013 sind auch ein paar ganz neue „Sachen angedacht“, wie Machann und Letsch berichten:

Blockflötengruppe, Bläserklasse,

Open-Air-Konzert auf dem Löwensteinplatz mit anderen Mössinger Vereinen. „Wir möchten gerne die Musik treibenden Vereine zusammenkriegen“, sagt Machann, „weil uns die Location einfach gefallen hat.“ Bei der Premiere gab es nicht nur musikalisch, sondern hinterher auch noch ein richtiges Feuerwerk.

Bogenhalle als Festhalle – wäre ideal

Ausweichort ist die Bogenhalle, falls das Wetter nicht mitmacht. Wie viele Vereinsleute wären übrigens auch Machann und Letsch „beglückt, wenn da was ginge“ – in der Bogenhalle bei der Pausa: wenn daraus eine Festhalle werden könnte. Letsch: „Das wäre auch für die Stadt was, Mössingen fehlt so was; wir haben keine Halle, wo was Größeres stattfinden könnte!“

Eine Blockflötenklasse will man 2013 einführen, um den Nachwuchs aus zweiten und dritten Klassen „früher schon an den Verein heranzuführen“. Eine eigene Bläserklasse ist für Dritt- und Viertklässler geplant, weil der Zulauf von jenen an den Schulen etwas nachgelassen hat. Vorbilder sind hier Ofterdingen und Hagelloch, wo Jugenddirigentin Monika Schöll herkommt.

Einige Lehrer hat man schon an der Hand, Instrumente stellt man auch, „in der Hoffnung, dass sich auch welche angesprochen fühlen und bei uns hängen bleiben“. Darüber hinaus arbeitet der Musikverein auch mit der Jugendmusikschule zusammen, die Vereinsjugend nimmt dort Einzel- und Gruppenunterricht. Machann: „Es ist einfach wichtig, dass unsere ’jungen Künstler‘ eine qualifizierte Ausbildung bekommen; das können wir nicht leisten. Wir bezuschussen das mit 20 Prozent.“ Neben dem alljährlichen Vatertagsfest an Himmelfahrt auf der Olgahöhe, das dem Musikverein Mössingen nicht nur musikalisch, sondern vor allem logistisch, von der Verpflegung her alles abverlangt, sind die Auftritte der Blechbläserinnen und Blechbläser beim großen U & D-Rockfestival im Sommer gute Tradition geworden. Wacken – das Heavy Metal-Dorf – lässt grüßen. Das steht auch für eine neue Blasmusikkultur.

Nach wie vor „haben wir einfach das Problem, vom Bier-Image wegzukommen“, erklärt Machann; „wobei es eigentlich gar nicht mehr stimmt, es hat sich total gewandelt – obwohl wir nach der Probe schon noch ein Bier trinken gehen!“

Fanclub namens „Schattige Pinien“

Vor zwei Jahren ist der Mössinger Musikverein sogar beim Oktoberfest mitmarschiert, „bereits zum zweiten Mal“, so Letsch. Man musste sich bewerben, „die prüfen das ganz streng“. Wegen der Live-Übertragung darf kein Ton, kein Einsatz danebengehen. Die Musiker waren früher mal in Amerika und zehn Tage in Spanien, im nächsten Jahr ist eine Prag-Reise geplant. „Wir werden unseren Fanclub mitnehmen“, freuen sich Letsch und Machann schon jetzt. „Schattige Pinien“ heißt dieser Club, der Name entstand auf einer England-Reise 1996.

Es sind ehemalige Musiker, die sich einmal im Monat zum Stammtisch treffen. Machann: „Das ist sehr wichtig, wir unternehmen viel, auch in der Freizeit.“ – „Da lebt der Musikverein davon“, fügt Erika Letsch an. Ja, man sei „wirklich eine schöne große Familie“, sinnieren die beiden Vereinsoberhäupter. „Generationen-übergreifend“, zwischen 14, 15 und 70 Jahren, komme man super miteinander aus. Kein Wunder aus ihrer Sicht: „Musik verbindet eigentlich ein Leben lang.“

Nicht bloß humba täterä
Beide waren mal fürs Protokoll zuständig, jetzt stehen sie gemeinsam an der Spitze des 400 Mitglieder starken Vereins mit 40-köpfigem Orchester (von links): Jürgen Machann und Erika Letsch. Bild: Franke

Nicht bloß humba täterä

Ein Höhepunkt im Jahresprogramm des Musikvereins, sie haben wieder extra ein ganzes Proben-Wochenende dafür auf der Sonnenmatte in Erpfingen eingelegt: Die Winterfeier mit Jugendorchester, Hauptorchester und Ehrungen steigt heuer am Sonntag, 9. Dezember, 17 Uhr, in der Quenstedt-Aula. Saalöffnung ist bereits um 15.30 Uhr. Eintritt sechs Euro, für Mitglieder vier Euro, unter 18 Jahren frei. Geehrt wird unter anderem auch Jürgen Machann, für 30 Jahre aktive Mitgliedschaft.

Das Motto lautet diesmal: „Musikverein – Solo!“ Es gibt nämlich eine ganze Menge Solo-Stücke um die Ohren: „Hüttenzauber“, solistische Polka für vier Klarinetten, „Celtic Flutes“, Solo für Flöten, „Kings of Swing“, Solo für Percussion und Band, „Happy Spain“, Solo für Trompeten, „Gabriels Oboe“ mit Solistin Sabine Dieter; ein buntes musikalisches Spektrum.

„White Christmas“ wird es natürlich auch geben. Und die beliebte Wunsch-Hitparade mit attraktiven Preisen. Das Jugendorchester macht den Auftakt mit „March to Castle Rock“, „Flight of the Condor“ und „West Side Story“.

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04.12.2012, 12:00 Uhr

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