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Europäische Kulturhauptstadt

Nicht die Schönste muss gewinnen

Von Nürnberg bis Dresden, von Mannheim bis Magdeburg: Das Schaulaufen der deutschen Bewerber für den Titel 2025 hat begonnen.

30.12.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Magdeburg könnte bunter sein, aber das Eis ist lecker.“ Die fünfjährige Kira hat schon eine klare Meinung von ihrem Heimatort an der Elbe. Den Politikern reicht das mit dem Eis als Standortfaktor freilich nicht aus. Magdeburg war die Grenzstadt Karls des Großen nach Osten hin. Auch in der DDR lag sie am Rande, zum Westen. In der Nachwendezeit ging sie „zwangsläufig ihren Weg in die unscheinbare Mitte“. Große Geschichte und auch graue Gegenwart. Jetzt plakatieren sie in Sachsen-Anhalt Slogans wie „Unscheinbar sein – sichtbar werden“. Magdeburg sammelt neues Selbstbewusstsein und bewirbt sich um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“. Ein Organisationsbüro arbeitet schon auf Hochtouren – und hat auch weise Kinder befragt.

Flüchtlingskrise, Brexit, drohender Euro-Kollaps, Nationalismus in Osteuropa – die Europäische Union (EU) hat eine Menge Probleme, kein gutes Image und ihre liebe Not damit, den Laden zusammenzuhalten. Aber auf den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ sind sie alle scharf, vor allem in Deutschland. Und das, obwohl der Titel nicht mit einem Geldsegen aus Brüssel verbunden ist. Nur 1,5 Millionen Euro darf jede Kulturhauptstadt erwarten, den „Melina Mercouri Preis“; die griechische Kulturministerin war es, die 1985 dieses EU-Programm ins Leben gerufen hatte.

Ein Titel, der kostet

West-Berlin (1988), Weimar (1999) und Essen (2010), stellvertretend für das gesamte Ruhrgebiet, waren die deutschen Kulturhauptstädte bislang. Im Jahre 2025 wird Deutschland erneut eine Kulturhauptstadt Europas stellen (neben Slowenien), und das Schaulaufen hat schon begonnen. Magdeburg und Halle, Hildesheim und Kassel, Mannheim, Chemnitz oder Dresden: Vielerorts arbeiten sie bereits offiziell an einer Bewerbung. Kürzlich hat auch der Stadtrat von Nürnberg beschlossen, dass die Frankenmetropole antreten soll. OB Ulrich Maly (SPD) feierte das als „eine wegweisende Entscheidung für die Zukunft“. Und die kostet zunächst mal fünf Millionen Euro – nur für die Bewerbung. „Kulturhauptstadt ist ein Stipendium, das man selbst finanzieren muss“, sagt das deutsche EU-Jury-Mitglied Ulrich Fuchs.

Um einen Schönheitswettbewerb also geht es nicht. Nicht darum, die Stadt herauszuputzen für eine Hochglanz-Kampagne, um den Tourismus zu beleben. Solcher Aktionismus lässt die EU-Jury kalt, die nach einer umfangreichen „Selection“ 2020 über die deutsche Kulturhauptstadt befinden wird. Im Frühjahr 2019 müssen die Bewerber ihre Unterlagen (ein 80-Seiten-Buch) eingereicht haben. Also müssen sie bald ihre Ideen und Konzepte fixieren. Europäische Kulturhauptstadt ist ein Stadtentwicklungsprozess, angetrieben durch die Kultur.

Was sind die Kriterien? Natürlich die „europäische Dimension“. Die potenziellen Kulturhauptstädte sind aufgefordert, „Europa eine Geschichte zu erzählen, und zu überlegen, was können wir von Europa, was kann Europa von uns lernen?“. Das bedeutet, eine Stadt muss Partner suchen, Netzwerke bilden, Begegnungsprojekte auflegen.

Grundsätzlich muss eine Stadt auch eine Langzeitstrategie bieten: ein paar teure Namen für einen Festival-Reigen einkaufen, das reicht nicht. Eine Stadt sollte sich vielmehr ein Ziel stecken, sich analysieren, neu definieren, wohin sie sich entwickeln möchte. Das Kulturhauptstadtjahr dient dabei nur als ein Motor. Baustellen sind gefragt, Visionen, und kein protzender Katalog der Selbstzufriedenheit einer Kommune. Nürnberg etwa hat jetzt die „zukunftsgerichtete Erinnerungskultur“ als ein Thema benannt: Die NS-Zeit prägt bis heute Teile des Stadtbilds. Wie soll man sich mit diesem Erbe auseinandersetzen? Wie geht die Stadt der Reichsparteitage mit dem Zeppelinfeld um, wo Hitler seinen Größenwahn inszenierte?

Und die Gesellschaft muss eingebunden sein. Aber so klug sind die Städte, dass sie die Bewerbung als einen Prozess umfassender bürgerschaftlicher Teilhabe verstehen. „Hi, meine Stimme hast du!“, heißt die Ich-bin-dafür!-Aktion in Hi-Hildesheim. In Dresden, das unter der Wir-sind-das-Volk-Pegida leidet und um seinen internationalen Ruf bangt, sowieso. „Kulturhauptstadtbriefkästen“ sind im sächsischen „Elbflorenz“ aufgestellt worden für Postkarten, auf denen die Dresdner solche Fragen wie „Welche Schwächen müssen wir ändern?“ beantworten dürfen.

Im Internet ist schon viel zu lesen auf der Dresden-Homepage, zum Beispiel: „eine Stadtreinigung einführen, die ihre Arbeit auch macht. Lassen Sie es mit der Kulturhauptstadt! Den Titel Dreckstadt haben Sie bereits!“ Ja, es geht wirklich nicht nur um Festkultur.

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30.12.2016, 06:00 Uhr

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