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Muslime in Brüssel wehren sich nach den jüngsten*Terror-Anschlägen - und sind doch auch ratlos

Nicht in unserem Namen

Zwei Fragen dröhnen nach den Anschlägen von Brüssel: Warum radikalisieren sich junge Muslime? Und: Wie erklärt sich das Schweigen der muslimischen Gemeinschaft? Auf Antwortsuche in Molenbeek, dem Brüsseler Stadtteil, in dem sich Salah Abdeslam, einer der Drahtzieher der Pariser Attentate, verstecken konnte.

07.04.2016
  • ELISABETH ZOLL

Schockstarre liegt über Molenbeek. Auf dem Platz vor der Art déco-Kirche St. Johann verharren ältere Männer in kleinen Gruppen. Sie stehen eng beisammen, als könnte die körperliche Nähe einen Schutzwall bilden. Worte fließen kaum. Abgezehrte Gesichter stieren zu den Wolken. Werden sich dort Antworten finden für das unerklärliche Tun junger muslimischer Männer, die wenige Wochen zuvor mit einem Gebetsruf auf den Lippen 32 Unschuldige in den Tod gerissen haben? Erklärt sich dort oben vielleicht auch die Ohnmacht und das Versagen der Generation der Väter?

"Wir leben in Traurigkeit", sagt Aurélian Saniko, der Pfarrer von St. Johann. "Einer Traurigkeit, die nicht darauf setzt, dass sie vorübergeht." Pater Saniko ist des Erklärens müde. Dass wieder Molenbeck, und damit der Stadtteil in dem er mit einer Schar Engagierter seit Jahren für ein gutes Miteinander kämpft, in den Schlagzeilen ist, zehrt an seinen Nerven. Wie eine Lawine seien in den vergangenen Wochen Fernsehteams über den Stadtteil hinweggefegt. Nicht wenige mit festen Vorurteilen im Gepäck. Und immer wieder klingelten Reporter auch an der Tür des 40-jährigen jungen Spiritaner-Paters aus Kamerun. Alle hatten eine Frage mitgebracht: Wie ist es möglich, dass der gesuchte Paris-Attentäter Salah Abdeslam vier Monate lang in Molenbeck leben konnte, ohne dass er verraten wurde? 100 Meter von der Kirche entfernt, in unmittelbarer Nähe zum Rathaus hatte er Unterschlupf gefunden. "Das hat uns richtig angefressen", sagt der Pater. "Eine Solidarität im Bösen darf es nicht geben."

Und doch gibt es dieses Schweigen. Monatelang tappten die Ermittlungsbehörden im Dunkeln. Währenddessen lebte der Gesuchte mehr oder weniger unbehelligt. Er ging zum Friseur, traf vielleicht auch Freunde. Kein Anwohner hat davon Behörden etwas preisgegeben. Man war loyal - doch nicht dem Staat gegenüber, sondern gegenüber der muslimischen Gemeinschaft. "Das ist etwas, das wir mit unserer Mentalität nicht verstehen können", sagt die Ordensfrau Marianne Gaffoël, die zwölf Jahre lang im irakischen Mossul gelebt hat. In der islamischen Gemeinschaft sei es wichtig, ein perfektes Außenbild zu wahren. Was den hohen Ansprüchen zuwiderlaufe, werde versteckt oder beschwiegen. Die Dominikaner-Schwester, die sich seit Jahrzehnten für einen Dialog zwischen den Religionen einsetzt, hat einen nüchternen Blick. Erst wenn die Menschen innerlich in den modernen Gesellschaften angekommen seien, werde es eine Verschiebung der Loyalität geben. Das dauert. "Wir haben noch immer nicht genügend bedacht, was es bedeutet, wenn Menschen aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen." Denn riesengroß sind die Unterschiede in Kultur, Glaube und im Verständnis von Sprache. Sie plädiert für eine "Kultur des Zuhörens". Nur so ließen sich Gräben überwinden.

Pfarrer Saniko ist jeden Tag mit diesen Gräben konfrontiert. Seine Gemeinde besteht aus vielen Nationen. Musik und Chöre sorgen für Zusammenhalt und sind eine der Brücken zu den Muslimen in der Nachbarschaft, die im 100 000-Einwohner umfassenden Viertel die große Minderheit stellen. Molenbeck rangiert in Brüssel ganz unten. Medien schreiben vom "Terror-Nest" seit Spuren der Paris-Attentäter hier her verweisen. Doch schon vorher hatte es traurige Berühmtheit. 40 der 400 belgischen Syrien-Kämpfer sollen aus diesem Stadtteil stammen.

"Ein aufgegebenes Viertel", in das mancher Belgier seinen Fuß nie setzen würde, sagt Pfarrer Saniko. "Die Leute spüren die Ausgrenzung. Das macht sie aggressiv." Einfache Häuschen, kleine Läden für Menschen mit wenig Geld. Fisch- und Fleischgeschäfte sind überwiegende halal, Kleidergeschäfte und Deko-Läden ausgerichtet am arabischen Geschmack. 40 Prozent der Einwohner sind Muslime, die meisten von ihnen stammen aus Nordafrika. Es ist ein kleines Marokko mitten in Brüssel. Wer aus diesem Viertel kommt, hat in Belgien kaum eine Chance. Nicht einmal mit Abschlusszeugnis.

Karim Amerizan war selbst so ein Junge aus Molenbeek. "Viele Dummheiten" habe er gemacht. Dass er noch rechtzeitig die Kurve bekommen und nun in der Arbeit für die nichtstaatliche Jugendhilfe-Organisation ASBL Repère seine Berufung gefunden hat, verdanke er "guten Leuten". Der schmächtige 48-Jährige explodiert fast vor Engagement, auch noch am späten Abend. Es reiche nicht, den Jugendlichen einen Fußball in die Hand zu drücken, sagt er über staatliche Programme. Sport allein gebe jungen Erwachsenen keine Orientierung. "Hier im Viertel gibt es eine so große Leere", klagt Karim Amerizan. Die Welt der Väter, die an ihre Einwanderer-Kultur und an ihren Einwanderer-Glauben gebunden sind, ist nicht mehr die Welt der Söhne. Und außerhalb dieses Bereichs, im säkularen Belgien, gibt es für die jungen Männer keinen Platz. Sie stecken fest im "Dazwischen".

Das ist die Gefahrenzone. Werber der Terror-Miliz IS wissen das. Mit professionellen Filmen im Internet versprechen sie jungen Menschen, die gerade noch gekifft, geklaut oder einfach nur abgehangen haben, eine Art Absolution, weil der ein oder andere sich das Gespür bewahrt hat, als Kleinkrimineller auf dem Irrweg zu sein, Tradition und Glauben zu verraten. Ausgerechnet die Sehnsucht, Gutes oder Sinnvolles zu tun, machen sich die Propagandisten zu eigen. Mit einer Überdosis Sinn verwandeln sie desorientierte Draufgänger in unerbittliche Kämpfer für unterdrückte Glaubensbrüder in Syrien.

"Die Radikalisierung von Jugendlichen erfolgt fast nie über eine Moschee", ist Karim Amerizan überzeugt. Das Internet spiele eine zentrale Rolle, auch Hetzblätter wie "Dabiq", die Gewaltphantasien nähren. Doch für die Moscheegemeinden ist der Irrweg der Söhne ein riesiges Problem.

Mouhamad Galaye Ndi, der aus dem Senegal stammende Direktor der Theologenschule am Centre Islamique der Bruxelles, führt durch die Große Moschee im Parc du Cinqantenaire im Zentrum Brüssels. Polierter weißer Marmor lässt die drei Stockwerke erstrahlen. Ringen gleich rangieren sich Studien- und Beratungszimmer um den mit prächtigen Leuchtern ausgestatteten zentralen Gebetssaal. 2000 Gläubige treffen sich hier jeden Freitag. Die dem konservativen Wahabismus zugeordnete Moschee wurde finanziert mit Geld aus Saudi-Arabien. Mouhamad Galaye Ndi wirbt eindringlich für ein Umdenken in der islamischen Gemeinschaft: "Muslime sagen immer: Wir waren das nicht. Wir müssen uns nicht rechtfertigen. Aber die Morde geschehen in unserem Namen. Deshalb müssen wir uns bewegen." Der Professor fordert von den Moscheegemeinden mehr Offenheit. Dabei werden gerade neue Mauern der Abgrenzung und der Aggression errichtet.

Im Eingang zur Türkei-orientierten Fatih-Moschee im Stadtteil Schaerbeek ringt eine junge Frau um Worte. "Mein Herz tut weh seit den schrecklichen Ereignissen." Dass die Männer im Namen des Islam getötet haben, macht sie fassungslos. Und ratlos. "Auch wir Muslime wurden angegriffen." Eine Giftglocke aus Vorbehalten und Verdächtigungen hat sich mit den Terroranschlägen auf Muslime gelegt.

Droh-Pamphlete eines sogenannten "Christlichen Staates" machen in Moscheen die Runde. Auf der Straße werden verschleierte Frauen angegriffen, in Schulen sollen sich muslimische Kinder mit einem Mal dafür rechtfertigen, dass sie kein Schweinefleisch essen. Und in ungewöhnlich leeren U-Bahnen begegnen sich Blicke voller Angst und Misstrauen. Die an allen neuralgischen Punkten positionierten, mit MK-47 Maschinenpistolen bewaffneten Soldaten und allgegenwärtigen Polizisten können ein inneres Sicherheitsgefühl nicht herstellen.

"Hier nistet sich die Angst ein, überall," beobachtet die französische Ordensfrau Jeanette, die zu Besuch in Brüssel ist. Augenfällig: Geschäfte hätten ihre zur Straße gewandten Verkaufsstände weggeräumt, weil neue Anschläge befürchtet werden. "Diese Angst aus den Menschen, den Läden, dem Leben wieder herauszubekommen wird schwierig."

Und doch wird genau das versucht: Am Abend laden junge Muslime ins "Haus des Korans" zu einem gemeinsamen Totengedenken. Muslime, Christen, Buddhisten und Vertreter der Sikhs kommen. Neufisse Boulif, eine junge Muslima, erzählt von der Beerdigung einer Bekannten. Sportlehrerin war sie und Mutter dreier Kinder. Ihre Verletzungen waren so groß, dass die Frau erst vier Tage nach der Bombendetonation in der U-Bahnstation Maelbeck identifiziert werden konnte. Neufisse Boulifs Stimme vibriert. "Es tut schrecklich weh, dass unsere Söhne so etwas getan haben", fügt ein junger Iman stellvertretend für andere Muslime hinzu. Gebete mischen sich mit Schweigen und dem festen Willen, es nicht zum Bruch zwischen den Religionen kommen zu lassen. "Das war nicht unser letztes gemeinsames Gebet. Wir werden weiter machen in den Stadtteilen", betont die Muslima Kamar Dahal. Leicht wird das nicht, denn das Land ist polarisierter denn je. "Wer bisher schon vom Dialog der Religionen erfasst war, wird den Weg weitergehen", fasst Schwester Marianne zusammen. "Wer dagegen war, wird sich bestätigt fühlen." Die Gräben sind durch die Gewalttaten tiefer geworden.

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07.04.2016, 06:00 Uhr

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