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Was Generalstreik und „Geislinger Weiberschlacht“ gemein haben

Nicht zu den braunen Tanten

1941 opponierten Geislinger Mütter gegen die NS-Politik. Sie weigerten sich, den Nachwuchs einer von Nazi-Ideologie verformten Einrichtung anzuvertrauen und verteidigten ihren katholischen Kindergarten. Bis aufs Blut. Welche Relevanz das für Mössingen hat? Am Mittwochabend war es in der Kulturscheune zu erfahren.

22.03.2013
  • Kathrin Löffler

Mössingen. „Still in den Fabriken die Räder heut stehn; all die Frauen zum Kampfe jetzt gehn. Beim Rathaus viel Frauen und Mägdelein, finden mutig zur Offensive sich ein.“ Der Geschlechter- und Orts-Spezifik ungeachtet: Was hier in gereimten Zeilen erinnert wird, scheint atmosphärisch ähnlich aufgeladen wie die hiesigen Ereignisse vor acht Dekaden. Tatsächlich hat Hermann Bienert in Versform wider das Vergessen dessen angeschrieben, was sich acht Jahre später knapp 30 Kilometer südwestlich zugetragen hat: „Die Weiberschlacht von Geislingen“. Doch von Bedeutsamkeit ist das Thema auch an der Steinlach.

Mössingen, Geislingen. Generalstreik, Weiberschlacht. Hier 800 Streikende und Marschierende, dort 200 protestierende Frauen. Beides Aktionen, die sich gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten empörten. Beides Aktionen, initiiert aus der Mitte der Bevölkerung. Trotz aller Analogien: Sie auf ihr Scheitern oder Gelingen hin zu werten, war nicht Absicht der Veranstalter am Mittwoch. „Es geht weniger um einen Vergleich, sondern darum, dass tatsächlich Widerstand geleistet wurde. Jeder Widerstand gegen das NS-Regime ist ein Erfolg“, sagte Michael Bulander.

Der Landrat schickte die Gestapo

Die Stadt Mössingen, die Stadt Geislingen und der Löwenstein-Forschungsverein hatten den Kreisgrenzen querenden Vortragsabend als Teil der Veranstaltungsreihe zu „Achtzig Jahren Mössinger Generalstreik“ organisiert. Ziel: zwei Exempel des Aufbegehrens mit der verdienten Popularität und Anerkennung zu goutieren und sie als als „positive Beispiele“, so der Rathaus-Chef, zu würdigen.

Die Mehrheit habe sich der Nazi-Diktatur gefügt, sagte Bulander. Geschehnisse wie am Albrand und am Kleinen Heuberg aber hätten die Deutschen in der Nachkriegszeit mit der Tatsache konfrontiert, dass es jene, die das Risiko zu tragen in Kauf genommen hätten, doch möglich gewesen sei, Widerstand zu leisten.

Oliver Schmid, Amtskollege aus dem Zollernalbkreis und in Mössingen Gründungsmitglied des Löwenstein-Forschungsvereins, tat knapp 40 Zuhörern kund, was viele Geislingerinnen vor über 72 Jahren zum Handeln veranlasst hatte. Die Chronologie des Aufstands: Geislingen, katholisch geprägt, war „für die Nazis keine Vorzeigegemeinde“. Die Bürgerschaft stand traditionell der Zentrumspartei nahe.

Seit 1901 betreuten die Vinzentinerinnen aus Untermarchtal eine Schwesternstation im Ort und wenig später auch die so genannte Kinderschule. 1937 strengte die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) erste Versuche an, auf den inzwischen städtischen Kindergarten zuzugreifen – erfolglos, die Eltern zeigten sich skeptisch genug.

Schwester Oberin Gilda, besonders geschätzt im Flecken, verstarb im November 1941. Das Requiem am 1. Dezember begleiteten Geislinger Mütter und verbliebene Ordensfrauen. Auf dem Heimweg erreichte sie die Nachricht, dass ihr Kindergarten zwischenzeitlich mit vier NSV-Schwestern besetzt worden sei.

Die Frauen suchten um Information – und erhielten sie nicht vom örtlichen NSDAP-Vertreter, nicht auf dem Rathaus, nicht auf dem Landratsamt in Balingen. Auch nicht tags darauf: Sie legten ihre Arbeit nieder, sammelten sich erneut vor dem Rathaus, zunehmend erzürnt, die jetzt Unterkunfts-losen Kinder dabei, die Männer vielfach an der „Ostfront“.

Während sich der damalige Bürgermeister, so erzählt man sich, aus Angst vor der „wachsenden Menge wütender Frauen“ unter seinem Schreibtisch verkrochen habe, schickte der Landrat Landjägerkorps und Gestapo.

Zu Schauzwecken verprügelt

„Man hat unsere Frauen ins Gesicht geschlagen, dass sie aus dem Mund bluteten und nach acht Tagen noch Spuren dieser Misshandlungen aufwiesen“, ist deren brutales Einschreiten aus dem Brief einer Beteiligten überliefert. Eine von ihnen soll gleich einem „Stück Vieh“ am Halstuch gezerrt und zu Schauzwecken verprügelt worden sein. Drei Frauen wurden verhaftet, 17 unter schlimmsten Drohungen verhört. Dem Druck, der in den Folgejahren auf sie ausgeübt wurde, zum Trotz: Ihre Kinder erzogen die Demonstrantinnen fortan zuhause. Statt vormals 120 Kinder besuchten die jetzige NSV-Anstalt nun gerade noch eine Handvoll.

Schmid nannte das Vorgehen der Frauen ein „Beispiel für gesellschaftliche Zivilcourage und für die Verteidigung der Würde des Menschen“. In Geislingen ist die Geschichte aber nie im Stadtgedächtnis dokumentiert worden, zumal man sie großteils bloß mündlich transportiert hat. Oliver Schmid, aus der Heimat – bis zu seiner Wahl 2007 in Mössingen lebend und als Wirtschaftsförderer agierend – für das Widerstands-Thema sensibilisiert, regte ein Aufarbeiten aus der Bürgerschaft heraus an. Akquirierte selbst Zeitzeugen und Gesprächspartner gar bei Kaffee-Visiten anlässlich Goldener Hochzeiten.

Was sich an Gesten und Gedenken seitdem zur Geislinger Erinnerungskultur zusammengefügt hat, scheint vorbildhaft: Gründung einer Projektgruppe, Bemühen des Stadtarchivars, wissenschaftliche Absicherung durch eine Historikerin, Ausrichten einer „Woche der Erinnerung“ 2011 mit unerwartet zahlreicher Resonanz, Ausstellung, Gedenktafel am damaligen Kindergarten-Gebäude, Publizieren einer Gedenkschrift, die ausgesprochene Entschuldigung des Stadtoberhaupts bei den Nachkommen.

Bulander anerkannte dieses Präsent-Machen des Vergangenen. Über den Mössinger Generalstreik sei über viele Jahre zu wenig gesprochen worden, doch dürfe das nicht beiseite geschoben werden. „Die Geislinger haben das viel schneller geschafft.“ Es gelte, nach den Lehren aus der Geschichte zu fragen, appellierte das Stadtoberhaupt von der Steinlach. Bei Hermann Bienert heißt es: „Sie brachten die Kinder nicht mehr ins Heim und ließen die braunen Tanten allein.“

Nicht zu den braunen Tanten
Das Geislinger Kinderschüle, betreut von den Vinzentinerinnen aus Untermarchtal. Bilder: Stadtarchiv Geislingen

Nicht zu den braunen Tanten
Gedenktafel am ehemaligen Kindergarten-Gebäude.

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22.03.2013, 12:00 Uhr

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