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Eine Rede machte Theodor Haering berühmt und verhalf ihm zur Ehrenbürgerschaft

Nichts, aber auch gar nichts gewusst

Wenn Theodor Haering sich selbst als Ehrenbürger vorgeschlagen hat, wie die Gutachter „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ annehmen, dann war sich der Philosoph dieser „Ehre“ nicht zum ersten Mal bewusst. 20 Jahre zuvor, am 30. November 1934, tat der 50-Jährige es öffentlich. Im „Museum“ hielt er seine „Rede auf Alt-Tübingen“. Die im schwäbischen Dialekt gehaltene „Weingärtnerrede“ wurde als humoristisch und witzig empfunden. Sie machte ihn im „Dritten Reich“ und sogar im Ausland berühmt. Seine Popularität hat er in die Adenauer-Republik hineingerettet.

20.12.2008
  • Manfred Hantke

Der Schillersaal der Tübinger Museumsgesellschaft war bereits Tage zuvor ausverkauft. 1400 Gäste waren an jenem 30. November 1934 gekommen, um beim schwäbischen Heimatabend der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ dabei zu sein. Der gemeinsame Abend von Weingärtnern und Professoren sollte laut „Tübinger Chronik“ zeigen, was „wahre Volksgemeinschaft“ sei. Theodor Haering war Hauptredner.

Der Professor hielt seine Rede im schwäbischen Dialekt und schuf durch seinen Humor, die stilistischen Nuancen und den (Weingärtner-)Anekdoten eine Atmosphäre der Gemeinschaft, in dem alles Trennende zwischen Akademikern und Weingärtnern aufgehoben schien. Die realen politischen Zustände in den knapp ersten beiden Jahren der NS- Herrschaft sprach er nicht an. Ernsthaftes Anliegen war ihm jedoch, sich gegen die damals weit verbreitete Intellektuellenfeindlichkeit zu wehren. Weil man „aus em gleicha Volk ond Boda“ komme, sei es nicht angebracht, immer auf die Intellektuellen zu schimpfen.

Gedruckt ist die Rede genau 333 Zeilen lang. Darin idealisiert Haering die Verhältnisse im Kaiserreich: Die Volksgemeinschaft sei damals viel besser gewesen. Und darum gehe es im „Dritten Reich“ vor allem. Das sei auch der Grund, warum Weingärtner und Professoren zusammensäßen: „A reachte ond wirkliche Volksgemoi'schaft!“ Dieser Satz steht genau in der Mitte der Rede. Denn dort stehe immer das Wichtigste, erläuterte Haering in der Druckfassung.

Haering sprach in seiner Rede auch die damals im „Dritten Reich“ gängige Übung an, die Straßen nach Nationalsozialisten umzubenennen. In Tübingen erhielt etwa die Mühlstraße den Namen „Adolf-Hitler-Straße“. Weil Haering im kommenden Jahr (also 1935) immerhin schon 40 Jahre lang in Tübingen lebe, könne man ihn doch zum Ehrenbürger machen, zumindest aber die Straße, in der er wohnt, zur Haeringstraße umbenennen, sagte er.

Da die „Tübinger Chronik“ tags darauf lediglich 18 Zeilen der Rede Haerings widmete, aber die Hauptsache in der Mitte („a reachte ond wirkliche Volksgemoi'schaft“) nicht erwähnte, brachte der Professor seine „Weingärtnerrede“ bei der Buchhandlung Osiander heraus. Von dort begann sie ihren Siegeszug durch das gesamte „Dritte Reich“, wurde in zahlreichen Zeitungen ganz oder in Auszügen gedruckt, in Brasilien, Österreich, der Schweiz, den USA gelesen und im argentinischen Rundfunk gesendet. Geschätzte Auflage: 100 000. Sie bescherte Tübingen im Jahr darauf nach den Vermutungen eines ungenannten Leserbriefschreibers in der Tübinger Chronik sogar einen Zuwachs an Touristen.

Der Volksgeist in der Haeringstraße

Der gleichgeschaltete deutsche Blätterwald feierte Haering, den Heimatabend und die Rede. Das „Fränkische Volksblatt“ etwa sah darin „ein sehr schönes Beispiel schwäbischer Volksgemeinschaft“. Und das „Berliner Tageblatt“ nannte die Rede eine „Sensation“. Das Schwabenvolk stelle die Volksgemeinschaft über alles. Gerade darum solle helles Lachen all das töten, was der Volksgemeinschaft noch im Wege stehe.

Haering erhielt auch reichlich Post – von Professoren und Pfarrern, Liberalen und Nationalsozialisten, SA-Männern und Ex-Stahlhelmern, sogar vom Reichsaußenminister Konstantin Freiherr von Neurath. Für viele war die Rede „ein wahres Trostbuch“, hat „gewirkt wie frisches Quellwasser“, rief ein „befreiendes Lachen“ hervor und gab vielen wieder Vertrauen in die Zukunft. Überschwänglich waren die Reaktionen in jener Zeit, in der es nicht viel zu lachen gab.

Auch die von Haering angesprochene Ehrenbürgerschaft und die Umbenennung der Neckarhalde in Haeringstraße wurden in Briefen an den Professor angemahnt, etwa von den Professoren Robert Gaupp oder Adolf Schöttle, einem „alten Tübinger“. Der Jurist Walter Schönfeldt ließ den „Volksgeist in der Haeringstraße“ hochleben, und Universitätsrat Theodor Knapp sah schon ein Denkmal für Haering stehen, der es verstanden habe, „Volksgemeinschaft zu schaffen, statt nur davon zu reden.“ Haering sprach nur „harmlose“ und „gemütliche Wahrheiten“ aus, wie der Rezensent der „Schweizer Nationalzeitung“ kritisierte. Doch die Verspottung der Straßenumbenennungen und die Verteidigung der Intellektuellen waren nicht ungefährlich.

Haering gab nach dem Zweiten Weltkrieg an, die Studenten hätten damals disziplinarisch gegen ihn vorgehen wollen. Aber Gerhard Schumann, ein „früherer vernünftiger Schüler“ habe das verhindert (Schumann war 1933 „Führer“ der NS-Asta-Fraktion, später Gaukulturhauptstellenleiter, „Dichter des Dritten Reiches“).

Durch die „Rede auf Alt-Tübingen“ stieg Haerings Popularität. Mit dem 1935 erschienenen „Mondbuch“ vergrößerte und festigte sie sich. Er galt im „Dritten Reich“ als wackerer Schwabe, der sich etwas traut. Das wusste er. Am 4. März 1935 schrieb er an Ludwig Binswanger, den Leiter des Sanatoriums Bellevue im schweizerischen Kreuzlingen: „Ich entwickle mich allmählich zum liebenswürdigen enfant terrible, das von Zeit zu Zeit mit Humor etwas riskiert und hoffentlich auch künftig noch riskieren darf. Ich möchte gerne alles tun, um die im Grunde großartige nationale Bewegung vor manchen Einseitigkeiten zu bewahren.“

Bei öffentlichen Anlässen stets gefragt

Das Image des „enfant terrible“, das so manche Spitze gegen die Nationalsozialisten gesetzt habe, pflegte Haering nach dem Krieg. Er rettete seine Popularität in die Bundesrepublik hinüber. Zwar wurde er wegen seiner NS-Verstrickung 1948 von der Universitätsspruchkammer als „Mitläufer“ eingestuft, seinem Ansehen tat das keinen Abbruch. Er schrieb weiterhin humoristische Bücher, etwa die Neuauflage seines „Mondbuches“ 1949. Darin änderte er einige Stellen: Statt „Volksgenossen“ schrieb er nun „Bürger“, statt „eines marschierenden Reichswehr- oder SA-Trupps“ nun „eines marschierenden Trupps junger Menschen“, statt „Heil Hitler“ jetzt „Grüß Gott“ – „entsprechend der neuen Zeit und in Rücksicht auf manche, die sich dadurch gestört fühlen könnten“, zeigte er im Vorwort Verständnis.

1953 erschien sein „Haeringssalat“, in dem er seine bereits am Beginn der NS-Zeit entwickelte „geistige Rassenkunde“ – allerdings in milder Form – aufgriff und antidemokratische Überzeugungen von „Führung“ und „Gefolgschaft“ vertrat. Übel genommen hat ihm das in der Adenauer-Republik wohl niemand.

Bei öffentlichen Anlässen war Haering stets gefragt – ob bei der Einweihung des Neptunbrunnens 1948 auf dem Tübinger Marktplatz oder beim legendären Fackelzug für die Studentenmutter „Tante Emilie“ 1951, wo er – der einstige Vikar – die Studenten und die Stadt vor einem 3000-köpfigen Publikum vermählte.

Kaum weniger gefragt war der Rat des Philosophen: So bat ihn der Bürger- und Verkehrsverein um einen anderen Namen für den Galgenberg. Und für das Ehrenmal auf dem Bergfriedhof sollte er eine Inschrift verfassen. Haering mischte im kulturellen Leben der Stadt mit und war im Vorstand der Museums- und Hölderlingesellschaft. Vorläufige Krönung seiner Nachkriegskarriere war die Wahl in den Tübinger Gemeinderat im November 1953. Für die Freie Wählervereinigung zog er ins Rathaus.

Tübinger OB-Wahl spaltete die Bürger

Das Ehrenbürger-Thema kam im Januar 1954 wieder auf den Tisch. Der Tübinger OB Wolfgang Mülberger zog den fast 70-Jährigen in einer Sitzung des Kulturausschusses als möglichen Kandidaten in Erwägung. Doch es wurde nichts daraus. Stattdessen ernannte ihn am 19. November 1954 die Tübinger Museumsgesellschaft zum Ehrenvorstand.

Turbulent ging es im Herbst 1954 zu. Als sich Hans Gmelin bei der Stichwahl zum neuen OB am 24. Oktober mit 54,8 Prozent gegen den Amtsinhaber Mülberger (45,2 Prozent) durchsetzte, folgte eine heftige Leserbrief-Debatte im TAGBLATT. Dabei diskutierten die Leser auch die NS-Vergangenheit Gmelins. Während Universitäts-Angehörige mit dessen Wahl den braunen Geist wieder aufziehen sahen, widersprachen die Bürger – eine Spaltung zwischen Universität und Bürgerschaft wurde befürchtet.

Haering hatte Mülberger gewählt, wie er auch in einem Leserbrief am 30. Oktober im TAGBLATT bekannte. Im zweiten Teil seiner Leserzuschrift stärkte er aber dem neu gewählten OB den Rücken. Er mahnte zur Zusammenarbeit mit Gmelin und bedauerte „es außerordentlich, dass man auch heute noch einem Manne, der in seiner Jugend einmal aus besten Motiven heraus sich dem Nationalsozialismus zur Verfügung stellte, unbesehen und ohne positive Gegengründe die Aufrichtigkeit seiner hiezu gegebenen Erklärungen einfach abstreitet.“

Ein in derselben Ausgabe abgedruckter Leserbrief von Elisabeth Filzer regte an, sich an Haerings „weltberühmte Rede“ zu erinnern. Vier Wochen später, am 30. November, druckte das TAGBLATT sie zum 20. Geburtstag auszugsweise ab. Eine gute Woche später steckte das anonyme Schreiben an den „Oberbürgermeister“ vom 9. Dezember 1954 im Briefkasten der Stadt, in dem ausdrücklich die Rede und das „Mondbuch“ erwähnt wurden, das den Ruf Tübingens vergrößert habe. Wahrscheinlich aber war der Brief nicht für Mülberger bestimmt.

Der OB, der noch im Januar den Professor in den engeren Kreis der Ehrenbürger-Kandidaten gezogen hatte, war abgewählt und nur noch bis Ende Dezember im Amt. Er hätte sich sputen müssen. Die Bürde mit der Würde musste also Gmelin übernehmen, der am 1. Januar 1955 sein Amt antrat. Doch knapp drei Jahre lang tat sich nichts. Die „Anregung“ des Anonymus griff niemand auf. Dann verkündete im Oktober 1957 Haering seinen Rückzug aus dem Gemeinderat. Grund: Seine abnehmende Sehkraft. Interfraktionell, so der OB vor dem Rat, seien die Gemeinderäte einig geworden, den Professor anlässlich seines Ausscheidens zum Ehrenbürger zu ernennen. Die Verwaltung beantragte, der Gemeinderat beschloss.

Wie sich der frühere Landtagsabgeordnete, damalige Stadtrat und Tübinger Ehrenbürger Erwin Geist heute noch erinnert, hat es bei der Ernennung Haerings zum Ehrenbürger keinerlei Proteste gegeben. Über dessen NS-Vergangenheit sei „nicht ein Wort gefallen“. In den 50er Jahren sei es generell nicht üblich gewesen, darüber zu reden.

Keine Vorspiegelung falscher Tatsachen

So verabschiedete die Stadt Haering am 11. November 1957 aus dem Gemeinderat und verlieh ihm gleichzeitig das Ehrenbürgerrecht. OB Gmelin griff in seiner Ansprache auch die „Weingärtnerrede“ von 1934 auf. Schon damals, sagte er, habe sich Haering für das Amt eines Stadtrates besonders qualifiziert.

Völlig überrascht von der Würdigung gab sich der Professor in seiner Erwiderung. Er habe „gar nichts, aber auch gar nichts“ davon gewusst. Dann hielt er gleichfalls eine Überraschung parat: Schon „seit einiger Zeit“ (nämlich am 1. August 1956) habe er sein Haus in seinem Testament der Stadt vermacht, und zwar als Beginn eines Heimatmuseums.

Möglicherweise hat es im Anschluss an Haerings Verabschiedung eine Kontroverse zwischen ihm und Gmelin gegeben. Denn in einem Brief an den OB rechtfertigte der Philosoph die vorzeitige öffentliche Bekanntgabe seines Vermächtnisses an die Stadt: Es sei „keine Vorspiegelung falscher Tatsachen“ gewesen, die Ernennung zum Ehrenbürger habe ihn „wirklich überrascht“, schrieb er. Deshalb habe er sein Testament erwähnt. Immer wieder habe er während seiner Dankesrede überlegt, ob Gmelin „als der bisher einzige Mitwissende“ es nicht als Missgriff empfinden würde, wenn er es bereits vor seinem Tode bekannt gebe. Doch es drängte ihn, seine Dankbarkeit zu beweisen. Jetzt könne der Eindruck einer „Gegengabe“ nicht entstehen.

Das Testament des Theodor Haering

Theodor Haering hatte sein Testament am 1. August 1956 begonnen, also nahezu eineinhalb Jahre vor seiner Ehrung. Sollte sein Haus samt Garten nicht für ein Heimatmuseum verwendet werden, dann sollte es sozialen oder anderen gemeinnützigen Zwecken dienen – etwa als Mütter- oder Altenheim, jedoch „nicht einfach zu Wohnzwecken“. Auch soll der Garten erhalten und nicht als Bauplatz veräußert werden. Sein Barvermögen teilte der Philosoph unter der Verwandtschaft, seinen Patenkindern und Haushälterinnen auf. Die Bibliothek sowie die Autografensammlung erhielt die Universität, Bruder Hermann bekam das Grimm'sche Wörterbuch, die 40-bändige Goetheausgabe und weitere 20 Bände nach freier Wahl.

Nichts, aber auch gar nichts gewusst
Das Theodor-Haering-Haus in der Neckarhalde. Der Philosoph vermachte es der Stadt Tübingen. Es sollte Museum werden oder sozialen Zwecken dienen.

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20.12.2008, 12:00 Uhr

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