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Mutters Augen, Theos Fuß

Niederländische Maler/innen beim Reutlinger Kunstverein

Eine Premiere an der Echaz: Der Reutlinger Kunstverein schaut über die Grenze und zeigt Arbeiten zeitgenössischer niederländischer Maler/innen.

18.09.2012
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Ideengeber zur Ausstellung war Volker Lehnert. Der Professor an der Stuttgarter Kunstakademie ist mit den Künstlern und der Künstlerin seit Jahren befreundet. Die neue Kunstvereins-Geschäftsführerin Katrin Willert hat die Schau mit ihnen realisiert. Erstmals stellt nun in Reutlingen das Ehepaar André Dieteren und Bep Scheeren aus Schinnen gemeinsam aus, Dritter im Bunde ist Rik van Iersel aus Eindhoven.

Dieteren (geboren 1943) nähert sich philosophisch den Grenzen zwischen Realität und Abstraktion. Ein Ast und ein Helm mit Federbusch sind mit abstrakten Farbflächen kontrastiert. In „Valse piëta“ (2007) sieht man den grünen Anklang eines weiblichen Torso, eine abstrakte Piëta. Zu sehen sind Arbeiten aus den 2000er-Jahren mit starken Kontrasten wechselnder Farbpräferenzen. Erstmals gezeigt wird das neue Acrylbild „Spel met schaduw“, Spiel mit Schatten eines abstrakten Elements.

Seine Ehefrau Bep Scheeren (Jahrgang 1950) malt starke Frauen, abstrakt und figurativ, mit intensiven Acrylfarben. Immer wieder wachsen Köpfe, Konturen und Torsi aus vasenähnlichen, teils dickbauchigen Gefäßen. Scheeren nimmt auch Bezug zu aktuellen Ereignissen, etwa dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh. Der hatte Moslems als „Ziegenficker“ bezeichnet und wurde von einem islamischen Fundamentalisten ermordet. Das Gemälde „Van de haat en de liefde“ (Vom Hass und der Liebe) von 2004/05 zeigt van Gogh provokant als Kind mit einer Ziege. Die Versöhnung scheitert, das vermeintlich unschuldige Kind hat schon einen teuflischen Ziegenfuß. Den Ex-Direktor des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, den in New York ein Zimmermädchen der Vergewaltigung bezichtigte, malt Scheeren als Kopf ohne Oberleib, der auf einem unschuldigen Blümchenrock einen „Primitieve Dans“, einen primitiven Tanz aufführt (2012), machtvoll die Maschinenhand ausstreckend. Oft sind Bezüge zu Kunstgeschichte und zeitgenössischer Kunst in ihren Arbeiten zu sehen, auch Menschen aus der Zukunft mit symbolischen Gedankengängen im Hintergrund.

Rik van Iersel, 1961 geboren, ist Autodidakt. Er zeichnet unentwegt, seit er 13 Jahre alt ist. Auch in Reutlingen – er schuf zur Ausstellungseröffnung in drei Tagen ein Fries mit expressiven Köpfen innerer Figuren und die auf eine ältere Arbeit Bezug nehmende Kohlezeichnung „Spraakwater“ – wie Wasserfälle sprudeln längliche Konturen aus den Mündern seiner Figuren. Unten am Bild sind Kohle und eine Kehrrichtschaufel platziert, was der Arbeit die Aura des Prozesshaften, Unfertigen verleiht. Zur Eröffnung, zu der vorige Woche 80 Besucher/innen kamen, gestaltete van Iersel ein Banner für den Kunstverein, das am Wochenende am Tag der offenen Tür die Gäste begrüßte.

Van Iersel nimmt gerne Bezug zu persönlichen Ereignissen. So verarbeitete er den Tod seiner Mutter, die an Alzheimer erkrankt war. In einer Arbeit sieht man, wie ihr Herz in der Wohnung schlug, daneben ihr Grab und den Weg, den sie gehen musste. Aus einer alten Fotografie hat er in einem weiteren Werk die Züge seiner Mutter herausvergrößert. Es wird zum bedrückenden Symbol ihres Zustandes: Ein Auge ist schwarz übermalt, eines weiß und leer.

Info: Die Ausstellung „Oranje – zeitgenössische Malerei aus den Niederlanden“ ist bis 11. 11. beim Reutlinger Kunstverein in der Eber hardstraße 14 zu sehen (Mi-Fr 14-18 Uhr, Sa, So und Feiertage 11 bis 17 Uhr).

Niederländische Maler/innen beim Reutlinger Kunstverein
Der ehemalige Weltbank-Chef Strauss-Kahn führt einen „Primitieve Dans“ auf (2012, Acryl auf Leinwand, von Bep Scheeren).Bild: Kunstverein

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18.09.2012, 12:00 Uhr

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