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Weniger Geld zum Verteilen

Niedrige Zinsen erschweren Stiftungen die Arbeit

Stiftungen geben für gemeinnützige Zwecke, was ihr Vermögen an Zinsen abwirft. Das Kapital selbst dürfen sie nicht antasten. Da die Europäische Zentralbank den Zins Richtung Null gedrückt hat, bleibt den Stiftungen immer weniger Geld zum Verteilen. Wie reagieren die Helfer vor Ort darauf? Die Bürgerstiftung Tübingen beispielsweise setzt auf Spenden und Zusammenarbeit.

18.06.2015
  • Gernot Stegert

Tübingen. 134.000 Euro sind viel Geld, aber nicht als Basis für Zinsen mit einem Satz von Null-Komma-Irgendwas. Die Tübinger Bürgerstiftung verfügt über einen Kaptalstock in dieser Höhe, den sie nicht anknabbern darf. Mit Erträgen von unter 1000 Euro im Jahr aber lässt sich nicht groß helfen. Die Stiftungsverantwortlichen mussten umdenken. Die Vorsitzende Constanze Schemann-Grupp beschreibt das so: „Ich bin gar nicht mehr wild auf mehr Stiftungskapital.“ Wichtiger seien derzeit Spender. Um sie werbe sie vor allem, um noch Projekte fördern zu können.

Mit Erfolg: Das Vermögen liegt mit 181.000 Euro deutlich über dem Kapitalstock. 10.000 Euro erbrachte beispielsweise der Erbe-Lauf, bei dem die Bürgerstiftung 2014 Sozialpartner war. Ein verlässlicher Förderer sei auch die Kreissparkasse Tübingen mit mindestens 3000 Euro im Jahr und 2000 Euro für den jährlichen Ehrenamtspreis. Stifter seien weiter willkommen, erklärt Schemann-Grupp. Ihre Bedeutung liege aber in der Niedrigzinsphase vor allem im Verbreiten der Idee. Die Bürgerstiftung sei auf vielen gesellschaftlichen Feldern aktiv, an keine Personen oder Parteien gebunden. Und: „Wir sind kein elitärer Haufen“, sagt Schemann-Grupp mit einem Lächeln.

Und noch etwas folgt für die Stiftungsratsvorsitzende aus der Finanzlage: Stiftungen müssten enger zusammenarbeiten. Die Bürgerstiftung setze das bereits um. So habe sie die Paul-Lechler- und die Bosch-Stiftung gewonnen. Davon profitieren jetzt drei Projekte, die im vergangenen Jahr beim mit 10.000 Euro dotierten Preis der Bürgerstiftung unter dem Motto „Fokus Familie – Kinder sollen gut aufwachsen“ nicht zum Zuge gekommen waren. Diesen hatte die „Boje“ erhalten, ein häuslicher Hospizdienst für Kinder.

Doch die Bürgerstiftung fand drei weitere Projekte unter den 18 Bewerbern für so förderungswürdig, dass sie eine Unterstützung organisiert hat: Der Kinderschutzbund erhält für sein Projekt „Willkommen im Leben“ für drei Jahre jeweils 6000 Euro, je zur Hälfte von der Bürgerstiftung und der Paul-Lechler-Stiftung. Das Projekt „EfA“ (Entlastung für Alleinerziehende) der Tübinger Familien- und Altershilfe (TüFa) braucht jährlich 22.000 Euro. Hier zahlt die Paul-Lechler-Stiftung drei Jahre lang jeweils 11.000 Euro, die Robert Bosch GmbH jeweils 5000 Euro; die restlichen 6000 Euro teilen sich drei andere Sponsoren. Die Unterstützung beginnt Ende Juni. Das Frauenhaus benötigt für die psychische Behandlung von Kindern aus Gewaltverhältnissen 26.000 Euro jährlich. Die Paul-Lechler-Stiftung zahlt drei Jahre lang die Hälfte, sofern für die andere Hälfte Sponsoren gefunden werden. Die Bürgerstiftung bemüht sich derzeit um diese Sponsoren.

Ähnlich geht es vielen anderen Stiftungen, wie das Regierungspräsidium (RP) Tübingen bestätigt. 87 Stiftungen sind dort allein im Landkreis Tübingen registriert. „Bei kleineren Stiftungen mit einem Kapital von unter einer Million Euro gibt es Probleme durch die niedrigen Zinsen“, weiß Sprecher Carsten Dehner. Denn diese hätten oft nur Geldvermögen, das nun eben nichts mehr abwerfe. Größere Stiftungen dagegen könnten und würden ihr Kapital streuen, etwa in Anleihen und Immobilien anlegen.

Riskante Geschäfte duldet das RP als Aufsichtsbehörde jedoch nicht: „Wir schreiten ein, wenn ein Verlust des Vermögens droht“, sagt Dehner. Im Landkreis Tübingen war das noch nicht der Fall, im Regierungsbezirk einmal vor knapp drei Jahren, als eine Stiftung Geld bei einer zypriotischen Bank anlegen wollte, berichtet Dehner. Stiftungen müssen dem RP jedes Jahr einen Finanzbericht vorlegen. Für die Tübinger Bürgerstiftung kommen nicht nur Aktien, sondern auch Anleihen und Immobilien nicht infrage. Das sei „alles zu spekulativ“, sagt Constanze Schemann-Grupp und verweist auf die Verantwortung gegenüber allen Stiftern und Stiftungsräten.

Niedrige Zinsen erschweren Stiftungen die Arbeit
Schemann-Grupp

Die Bürgerstiftung Tübingen wurde 2001 gegründet, unter anderem von der damaligen Tübinger Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer. Zentrales Ziel ist die Stärkung bürgerschaftlichen Engagements. Dafür vergibt sie neben dem mit 2000 Euro dotierten Ehrenamtspreis seit 2012 zusätzlich den 10 000 Euro schweren Preis der Bürgerstiftung, der jedes Jahr ein bestimmtes Thema hat. Alle drei Jahre gibt es eine Stiftungsversammlung, zuletzt am vergangenen Mittwoch. Dort wurden sieben alte und fünf neue Stiftungsräte gewählt: Es sind: Prof. Claus Claussen, Ute Eichhorn, Ingrid Fischer, Ernst Gumrich, Manuel Rongen, Constanze Schemann-Grupp, Birgit Stenzl, Dr. Kurt Sütterlin, Reiner Thede, Prof. Kuno Weise, Hubert Wicker und Peter Witteczek. Mitglieder des Vorstandes sind: Jürgen Ferber und Uta Schwarz-Österreicher.

Eine Stiftung ist ein Vermögen, das dauerhaft einem (zumeist gemeinnützigen) Zweck gewidmet ist. Das Vermögen wird nicht angetastet: Nur die Zinserträge und eingeworbene Spenden werden für die Stiftungsarbeit eingesetzt. In Deutschland gab es Ende 2014 nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Stiftungen mehr als20 000 Stiftungen, in Baden-Württemberg 3128. Mit einem Anteil von 95 Prozent verfolgen nahezu alle Stiftungen in Deutschland ausschließlich gemeinnützige Zwecke – einige seit Jahrhunderten.
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18.06.2015, 12:00 Uhr

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