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Im Hirnlabyrinth von A zu B

Niels Birbaumer über die Freiheit des Willens

Sind wirklich alle Zuhörer aus freiem Willen gekommen? Oder standen sie in hypnotischem Bann? Liefen sie am Dienstagabend, willenlos und marionettenhaft unterm Einfluss elektrischer Impulse, in so großer Zahl in der Gomaringer Kulturhalle ein? Das Gehirn scheint in Gomaringen jedenfalls eine starke Fangemeinde zu haben.

28.05.2012

Beziehungsweise sein Sprecher. Zum Vortrag von Professor Niels Birbaumer, des Tübinger Neurobiologen, betitelt „Gehirn – Wille – Verantwortung“, konnte Gabriele Förder, Leiterin der Volkshochschule, jedenfalls 150 Zuhörer begrüßen. Die Vhs hatte den Vortrag gemeinsam mit der Bücherei und der Buchhandlung Gustav organisiert.

„Der freie Wille“, ist er bloße Illusion, wie manche Hirnforscher wissen wollen? Birbaumer fühlt sich weder zu exzessivem Determinismus noch zu einem unbegrenzten Autonomiebegriff hinzugezogen. Er hat lebenslang ein Forschungsfeld beackert, das die höchsten Erträge her- und seine Geheimnisse doch nicht restlos preisgibt. „Das Hirn, seine Heiligkeit“, wie der Dichter sagt.

Mit ehrfürchtigem Staunen und doch ohne Respekt nähert sich der Wissenschaftler dem eigenwilligen Apparat an. Literarisch geht es zu, in Birbaumers Wanderungen durch die Windungen. Und philosophisch. Und politisch. Der Sexualmörder Moosbrugger, die Gerichtsbarkeit bei den rechtshemisphärisch dominierten Phöniziern, die Denker Spinoza und Schopenhauer spielen ihre Rollen.

Und auch von Augustinus bis zu Birbaumer ist es nur ein Hirnabteilungstürchen weiter. Der Bischof von Hippo (354 bis 430), Philosoph und Kirchenlehrer, nimmt in seinem Werk „De libero arbitrio“ eine Zwischenstellung ein. Gott, sagt er, legt so ziemlich alles fest, aber der Mensch hat auch eine Verantwortung.

Denkt Birbaumer, geboren 1945, so ähnlich? Selbstverständlich, sagt er, ist alles vom Gehirn determiniert. „Wir sind das Gehirn.“ Aber was bedeutet das eigentlich? Birbaumer führt den Satz des großhirnigen Gelehrten Samuel Johnson an, alle Theorie spreche gegen die Freiheit des Willens, alle Erfahrung jedoch dafür. In Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ steht die Formel, die Willensfreiheit sei die Fähigkeit des Menschen, freiwillig zu tun, was er unfreiwillig wolle.

Der Romancier handelte am (realen) Fall des übeltätigen Sexualmörders Christian Moosbrugger die Willensproblematik ab. Es fehlte diesem das gehirnliche Gefühl für das Leiden der Opfer. Ein gefährlicher Verbrecher. Doch Vorsicht: „Der gefährlichste Mensch ist unser Nachbar“, der Befehlsempfänger, der gehorsam Folter- und Totschlag-Anweisungen befolgt.

Das Hirn ist ein merkwürdiges Wesen. Die meisten seiner Teilbereiche liegen stumm und inaktiv im Wartestand sozusagen. Wo ich, wer immer das ist, noch glaube, eine Entscheidung getroffen zu haben, ist sie im Gehirn längst gefallen. „Das Hirn war schneller“, hat alles vorgegeben, noch eh man hingucken kann. Birbaumer stellt ihm unablässig Fragen.

Welche therapeutischen Effekte sind mit elektrischen Strömen bei Schlaganfallpatienten zu erzielen? Was ist mit Menschen, die, durch Lähmung, vollständig in sich eingeschlossen sind? Was geschieht dem Wollen, wenn es auf Dauer keinerlei Effekt erzielt? Wie entsteht eigentlich das Bedürfnis, willentlich zu handeln? Was ist mit Linkshändern oder Asperger-Autisten?

Dem Hirn und seinem Forscher geht der Stoff nicht aus. Viele Dinge sind denkbar. Man könnte zum Beispiel sagen: „Der Birbaumer langweilt mich mit seinem Vortrag, ich will hier raus“. Dann wüssten Hirnforscher wohl, wie das Oberstübchen so zu manipulieren wäre, dass der Gelangweilte zum Verlassen des Saales gebracht werden könnte. Aber warum sollte das jemand sagen? Birbaumer ist ein Erlebnis. Die Hirne sind sicher froh, dass er versucht, ihre Sprache zu verstehen.

Jürgen Jonas

Niels Birbaumer über die Freiheit des Willens
Niels Birbaumer Archivbild: Metz

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28.05.2012, 12:00 Uhr

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